Musikverein Wien Goldener Saal

Hörsäle der Welt: Musikverein Wien

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Der Goldene Saal im Musikverein Wien

Viele Konzertsäle auf der Welt bieten eine vorzügliche Akustik, manche sind geradezu berühmt für ihren guten Klang. Andere wiederum klingen eigenartig. Stefan Gawlick ist als Profi-Musiker mit diversen Ensembles weltweit unterwegs, kennt etliche Räumlichkeiten aus dem Effeff. In jeder Folge dieser Serie berichtet er über Interessantes rund um einen ausgesuchten Konzertsaal, um dessen Akustik im Auditorium, aber auch auf der Bühne.

Der Große Saal im Haus der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurde im Januar 1870 eingeweiht, ist im historisierenden Stil nach antiken Vorbildern erbaut. Besser bekannt ist er als „Goldener Saal im Musikverein“ oder kürzer als „Großer Musikvereinssaal“. Es handelt sich um einen klassischen „Schuhkasten“, einen rechteckigen, gut 50 Meter langen Saal mit Frontalbestuhlung zur Bühne hin.
Aufgrund der zahlreichen Balkone, Simse, Statuen, Friese und Stuckaturen besteht dieser Saal fast nur aus akustischer Diffusion. Die einzigen Absorber im Raum sind die bis zu 2044 Zuschauer, die aber aufgrund der lichten Raumhöhe von fast 18 Metern nicht besonders stark ins Gewicht fallen:

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Ob voll besetzt oder leer, dieser Saal hallt gute zwei Sekunden nach. Lediglich die Transienten werden im voll besetzten Zustand etwas klarer, während die ihm eigene Resonanz, die der Raum auch durch die unter der Bühne befindlichen Hohlräume und die nur lose auf ein Trägerwerk gelegten dünnen Deckenplatten gewinnt, erhalten bleibt. Diese einfachen Fakten verraten allerdings nicht viel vom Zauber dieses Saales, dem man sich nur schwer entziehen kann, sobald man einmal vor Ort war.

Da viele von Ihnen den Goldenen Saal im Musikverein Wien sicher von der Zuschauerseite aus kennen, werde ich nun die „Gegenrichtung“ schildern. Wie ist es auf der Bühne und beim Spielen?

Ein Konzert im Musikverein beginnt meistens unerfreulich. Die Zugänge befinden sich nicht zum weiten Karlsplatz hin, sondern in den kleinen Gassen gegenüber. Ein Albtraum für Zulieferer und Autofahrer, weil es kaum Ladezonen und praktisch keine Parkplätze gibt. Im Inneren des Gebäudes setzt sich der Eindruck fort: Die Fahrstühle sind eng, die Gänge verwinkelt, die Türen schmal. Die Seitentüren der Bühne sind sogar so schmal, dass Konzertflügel bei jedem Transport ihrer Beine beraubt und auf die Seite gestellt werden müssen, um überhaupt die Bühne zu erreichen. Einen Bühnenfahrstuhl? Ich bitte Sie!

Für die Musiker führt der Weg ans Licht über lange und steile Treppen aus den Garderoben unterhalb der Bühne. Und, ja, so manche Geige hat diesen Weg im Laufe der Jahrzehnte nicht überlebt.
Auf der Bühne selbst wird bei kleineren Besetzungen so eng bestuhlt, dass man – wenn man hinten im Orchester sitzt – mühelos Körperkontakt mit der ersten Besucherreihe auf der Bühne aufnehmen kann. Auch ein seltsames Gefühl …

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Ein leichtgängiger Konzertsaal

Dann aber spielt man den ersten Ton, und all das ist vergessen. Das „Phänomen Musikverein“ lässt sich schwer beschreiben, ich werde es dennoch versuchen. Das Produzieren von Tönen auf einem Instrument ist außer mit Technik auch immer mit Kraft verbunden. Und je größer der Saal, umso mehr muss man in der Regel in ein Instrument „hineingeben“, um den Raum zu füllen.

Im Musikverein Wien jedoch wird das so nichts, hier läuft es ganz anders. Man hat das Gefühl, den Ton im Instrument nur leicht anstoßen zu müssen, und der Saal zieht ihn dann „aktiv“ weiter heraus. Er trägt ihn über große Strecken und bewahrt eine lange Zeit. Das Spielen in diesem Saal hat eine Leichtigkeit, bei der man sich fern jeder Kraftanstrengung allein um die Schönheit und Ausgestaltung eines jeden Tones kümmern kann. Denn alles hier schwingt, resoniert, trägt. Oder anders formuliert, wenn Sie mir den automobilen Vergleich erlauben wollen: Vergleicht man seinen Krafteinsatz aus anderen guten Sälen – etwa dem KKL in Luzern oder der Berliner Philharmonie – mit einem „gesunden“ Drehzahlbereich bei engagierter Fahrweise, so fährt man im Goldenen Saal gleichsam im Standgas. Und daran muss man sich auch erst einmal gewöhnen.

Nicht umsonst klingen viele Gastorchester hier eigentümlich grob und kantig. Denn auch die Koordination fällt im ersten Moment schwerer. Auf der Bühne hört man sich selbst besonders gut, die direkten Nachbarn noch passabel, weiter entfernte Kollegen im Orchester allerdings nur sehr diffus. Man muss seine „Antennen“ also schnell neu justieren, um sich wieder sauber miteinander verzahnen zu können.

Abschließend noch ein audiophiles Schmankerl. Die goldenen Damen, die den ersten Balkon tragen, bestehen im ganzen Zuschauerraum aus Gips, auf der Bühne allerdings aus dünnem Metall, das deutlich hochfrequent nachschwingt, wenn man es antippt.

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Info

Großer Saal im Haus der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Musikvereinsplatz 1
1010 Wien
Österreich

Musikverein Wien

Musik-Tipp: Aufnahmen mit konzertsaaltypischem Klang

  • Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 1, Wiener Philharmoniker, Leonard Bernstein (DGG)
  • Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 7, Wiener Philharmoniker, Carlos Kleiber (DGG)
  • Diverse Neujahrskonzerte, allen voran mit Carlos Kleiber (1989) und Herbert von Karajan (1987)

 

www.musikverein.at

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