Miles, Miles und Geils

Album-Doppel – Adderley vs. Geils: Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. „Gecovert“ werden auch Plattenhüllen. Das gecoverte Cover: Ist es witzige Anspielung, respektvolle Verehrung, Parodie – oder hat es einen tieferen Sinn?

Der New Yorker Werbegrafiker John Hermanseder gestaltete hin und wieder auch Schallplattencover, zum Beispiel für das Jazzlabel Blue Note. Meist setzte er große Lettern oben hin und kleine Musikerfotos drunter. Diese Jobs gab er irgendwann an einen Angestellten weiter, er hieß Reid Miles. Dessen erste Arbeiten für Blue Note waren die Hüllen einiger 12-Inch-Reissues, etwa das rote und das gelbe Monk-Album (Genius Of Modern Music). Reid Miles (1927–1993) sollte der Leib-und-Magen-Grafiker des Labels werden, 15 Jahre lang entwarf er fast jedes Blue-Note-Cover und schuf damit Ikonen der Gebrauchsgrafik. Auch als er zum Esquire-Magazin ging und später zu anderen Arbeitgebern, machte er nebenher weiter die Blue-Note-Hüllen – für 50 Dollar pro Cover. Dabei war Reid Miles gar kein Jazzfan. Er hörte sich die Aufnahmen nur selten an und vertraute bei der Covergestaltung ganz den hymnischen Musikbeschreibungen des Produzenten Alfred Lion. Die Blue-Note-Platten tauschte er im Secondhand-Laden gegen Klassik-LPs.

Album-Doppel Adderley Geils

Die „plakative“ Kraft der legendären Blue-Note-Cover kommt meist aus dem Zusammenspiel von Typo- und Fotografie. Manchmal sind die Fotos nur kleine Bauteile im Design, manchmal hat Miles sogar ganz auf Fotos verzichtet. Eine große schwarze Fläche allerdings war selten – die ist wohl dem Albumtitel Somethin’ Else geschuldet. Und der Albumtitel log nicht: Diese Platte war etwas Besonderes und wurde zum Wendepunkt in Cannonball Adderleys Musikerkarriere, die drei Jahre zuvor begonnen hatte – übrigens spontan und ungeplant. Denn nach New York war Adderley 1955 nur gefahren, um sich für eine Fortbildung einzuschreiben – er war mit seinem Job als Musiklehrer im warmen Florida ganz zufrieden. Gleich an seinem ersten Abend in New York – so will es die Legende – ging er aber in den Jazzclub Cafe Bohemia, sein Altsaxofon hatte er mit dabei, denn man ließ im nächtlichen New York ein teures Instrument nicht im Wagen liegen. Die Hausband von Oscar Pettiford holte den unbekannten Saxofonisten auf die Bühne, und Adderley erlebte seine Feuertaufe und einen Durchbruch über Nacht. Von der New Yorker Jazzszene wurde der Musiklehrer aus Florida als Sensation gefeiert: der neue Charlie Parker!

Wohl oder übel gründete Adderley damals eine Band. Die Plattenfirmen rissen sich um ihn, unterstützten aber nicht die Bandauftritte – nach zwei Jahren war der Saxofonist pleite.

Miles Davis, der prominente Trompeter, schien darauf nur gewartet zu haben. Er hatte nämlich einen Narren an Adderley gefressen: „Er war nicht nur ein unglaublicher Altsaxofonist, sondern dazu auch ein echt netter Kerl.“ Miles Davis holte den so korpulenten wie kommunikativen Adderley in seine Band, zusammen mit John Coltrane, und das Sextett machte die Alben Milestones und Kind Of Blue, die bis heute als der Anfang des modalen Jazz gelten. Dazwischen entstand Somethin’ Else: Miles Davis hatte Adderley dafür ein eigenes Studio-Date bei Blue Note vermittelt. Dort hätte der Trompeter nämlich selbst gerne seine Platten gemacht, wäre er nicht beim Branchenriesen Columbia unter Vertrag gewesen.

Album-Doppel Adderley Geils

Miles war also der „Agent“ dieser Aufnahme und wohl auch ihr künstlerischer Leiter. Auswahl und Arrangement der Stücke gehen weitgehend auf seine Kappe. Für Cannonball Adderley wich er sogar von seinem Grundsatz ab, keine Sideman-Aufnahmen mehr zu machen. Von der ganzen Stimmung her ist Somethin’ Else ein Miles-Davis-Album – die Trompete mit Dämpfer gibt den „coolen“ Ton vor, und Adderleys funky Bop-Spiel wirkt danach umso stärker. Mit den Arrangements von „Autumn Leaves“ und „Love For Sale“ sollte Miles die weitere Interpretationsgeschichte dieser Stücke prägen – wie bei so vielen anderen Standards. Selbst das Balladenfeature für Cannonball („Dancing In The Dark“) war Miles’ Vorschlag. Und die Titelnummer schrieb der Trompeter höchstpersönlich – in der Tat „etwas anderes“, nämlich ein modales Stück. Das Album Somethin’ Else ist ein wahrer Meilenstein des modernen Jazz.

Wenn ein Musiker nach fast 40 Jahren Karriere als Blues-Rocker eines Tages beschließt, ein Jazzalbum zu machen, gibt die äußerliche Anspielung auf einen Jazzklassiker ein sinnvolles Signal an seine Fans: Achtung, ungewohnter Inhalt! Musikalisch hat das Album des Gitarristen Jay Geils – bekannt geworden durch seine J. Geils Band – mit Somethin’ Else aber wenig zu tun, auch wenn er als Jugendlicher ein Fan von Miles und Cannonball war. Jay Geils Plays Jazz ist ein nostalgisches Album mit eingängigen Swingstücken, Bluesnummern und Balladen von anno dazumal. Es ist Jay Geils’ Hommage an seine biografischen Wurzeln und an legendäre Gitarristen wie Charlie Christian, Bill Jennings und Billy Butler. Ein paar illustre Gäste helfen mit, allen voran die Saxofonisten Scott Hamilton (ein Held des Swing-Revivals von 1980) und Crispin Cioe (von den Crossover-erfahrenen Uptown Horns). Das Ergebnis ist kein Meilenstein des Jazz. Der Witz des Albums liegt eher in der Beschwörung einer Zeit, als Jazz und Rock ’n’ Roll und schmalzige Schnulze irgendwie noch miteinander auskamen. Eine charmante Reise durch den Time Tunnel.

Cannonball Adderley: Somethin’ Else (Blue Note CDP 746338 2)

Jay Geils Plays Jazz (Stony Plain Records SPCD 1306)

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