Poet Audio baretta – Flotte Flunder

Wie wichtig ist das Äußere einer Stereoanlage? Kann ein Designobjekt überhaupt gut klingen? Und welche konstruktiven Konventionen darf man ohne Abstriche beim Klang brechen? Die baretta von Poet Audio dürfte diese Diskussion neu entfachen.

Man kann der in Graz beheimateten Firma Poet Audio sicherlich kein mangelndes Selbstbewusstsein attestieren. Das Unternehmen, das übrigens einen guten Teil seines Kapitals per Crowd-Investing einsammelte, bietet nämlich für stolze 8950 Euro eine Stereoanlage mit zehneinhalb Zentimeter hohen (!) Lautsprechern an, die man auf den Fußboden stellt. Schließen Sie kurz einmal die Augen und versuchen Sie sich vorzustellen, wie das in der Praxis funktionieren bzw. klingen soll. Ganz ehrlich: Mir ist das nicht gelungen. Als ich das erste Mal über unseren Chefredakteur von dieser Flunder hörte und mir die entsprechende Internetseite ansah, winkte ich müde ab: Da versuchte man offenbar mal wieder, ein überteuertes Designobjekt für unmusikalische Architekten und gelangweilte Zahnarztgattinnen in den Markt zu drücken. Wollte ich das wirklich testen? Andererseits: Sieht ja schon irgendwie lustig aus. Und hinter Poet Audio stecken immerhin Absolventen der Technischen Universität Graz, Studiengang Audio Engineering. Hm. Schwierigschwierig popierig.

Poet Audio baretta

Zwei Wochen später ächzt ein übellauniger UPS-Mann die Treppe empor und wuchtet drei Kartons von seiner Sackkarre: Im großen Paket befindet sich die 80 Zentimeter breite und ebenfalls zehneinhalb Zentimeter hohe Schaltzentrale – und in den beiden kleineren die Lautsprecher. Verbunden werden diese mit dem Hauptgerät über solide erscheinende, mit XLR-Anschlüssen bewehrte Spiralkabel. Es bleibt dem Nutzer überlassen, wie weit von der Gerätebasis er die Lautsprecher aufstellt – die Spiralkabel lassen eine Basisverbreitung von insgesamt drei Metern zu. Aufgestellt werden kann das Gesamtsystem entweder auf dem Fußboden oder auf einer anderen ebenen Fläche wie einem Sideboard. Das Hauptgehäuse ist stabil genug, einen Flachbildfernseher zu tragen, sodass die baretta auch als Soundbar eingesetzt werden kann.

Poet Audio baretta

Ebendieses Hauptgehäuse beherbergt zum einen die Elektronik, u. a. bestehend aus drei Class-D-Endstufen und einer Apple-AirPort-Express-Station, zum anderen einen nach unten abstrahlenden Subwoofer, der von einer der drei Class-D-Endstufen angetrieben wird. Sie ahnen es schon, die beiden anderen Endstufen treiben die Satelliten, die wiederum einen eigenen Downfire-Basstreiber besitzen sowie einen nach vorne abstrahlenden Breitbänder mit Kevlarmembran und einen Kalottenhochtöner. Das ist bemerkenswert, denn das Design verrät zunächst nicht, wie viele Treiber es pro Lautsprecher gibt und wohin diese abstrahlen – dazu muss man die Geräte schon zerlegen.

Eines ist zwingend: Man sollte die baretta nicht auf einen hochflorigen Teppich stellen. Eine glatte, den Schall reflektierende Fläche ist vonnöten, wobei es sich dabei gegebenenfalls auch um einen nicht zu weichen Teppichboden handeln kann, denn zwei rückseitig angebrachte Klangregler gestatten eine Feinabstimmung des Bass- und Subbassbereiches.

Wenn es um die Inbetriebnahme der baretta geht, steht dem Rezensenten ein neuerliches Ausrufezeichen über dem Kopf, hier ist so manches wunderlich. Nach dem Einschalten des Geräts – was übrigens über einen in die Zuleitung integrierten Schalter, wie man ihn von Nachttischlampen kennt – geschieht, leuchtet das Gerätelogo sanftrot auf. Und nun? Auf drei Arten kann der baretta Musik zugeführt werden: kabellos per Bluetooth oder WLAN (die baretta spannt dankenswerterweise ein eigenes auf), kabelgebunden digital per Toslink-Lichtleiter oder klassisch analog per 3,5-mm-Stereoklinke – und alle diese Quellen werden in der baretta aufsummiert. Aus diesem Grund gibt es auch keinen Eingangswahlschalter: Die baretta spielt einfach alles ab, was ihr gerade zugeliefert wird, die Lautstärkeregelung erfolgt entweder an der Quelle, z. B. dem iPhone, oder über die mitgelieferte, recht rudimentäre Fernbedienung.

Fassen wir mal zusammen: Lautsprecher mit nachgerade lächerlicher Bauhöhe, kein Eingangswahlschalter, Bluetooth, Stereoklinke – ist das der Stoff, aus dem guter Sound gemacht ist? Überraschung: Ja, ist es! Die baretta ist definitiv und ohne Abstriche eine ernst zu nehmende Stereoanlage, und zwar auch und gerade in audiophiler Hinsicht.

Poet Audio baretta

Die erste Überraschung: Die Lautsprecherkonstruktion schafft es, einen absolut kohärenten und auch in vertikaler Hinsicht flächigen Klang abzuliefern. Die Kantenreflexionen des Fußbodens werden geschickt ausgenutzt, die baretta-Lautsprecher bespielen eben nicht nur, wie man vermuten könnte, die Füße. Das ist wirklich ganz erstaunlich. Hinzu kommt, dass der Klang sich insgesamt sehr gut im Raum verteilt – es gibt im Grunde keinen Sweetspot, man kann fröhlich durch den Hörraum spazieren und erlebt fast überall erfreulich räumlichen Klang. Gut, die millimetergenaue Verortung einzelner Schallquellen gelingt über die baretta sicherlich nicht so präzise wie über ein gut kalibriertes Zweiwege-Kompaktsystem – nichtsdestotrotz liefert die baretta in Bezug auf Räumlichkeit und Flächigkeit wesentlich mehr ab, als man ihr zutrauen möchte.

Überraschung Nummer zwei – die verbaute Elektronik ist richtig gut: Selbst per Bluetooth klingt diese Anlage nicht nach Spielzeug, obwohl mir der Toslink-Eingang klanglich am besten gefällt. Die Endstufen und Lautsprecher schallern insgesamt 440 Watt in den Raum und sind so konfiguriert, dass es quasi unmöglich ist, die baretta in die Verzerrung zu treiben. Der Autor dieser Zeilen feierte mit der flachen Flunder eine spontane Silvesterparty, unter anderem mit der Top-Notch-Produktion Random Access Memories von Daft Punk. Der Opener „Give Life Back To Music“ ist ein regelrechter Partykracher mit funky Gitarren und Bass, viel Keyboard- und Synthesizerschmelz – und einem granatenstarken Schlagzeug, das nachgerade pervers gut groovt. Schon nach wenigen Takten bebte die Wohnung und allseits wurden Tanzbeine geschwungen. Selbst bei höchster Lautstärke (die baretta zeigt per sanft pulsierender Logo-Hintergrundbeleuchtung an, wann „alle Regler rechts“ stehen) klang die baretta lupenrein und sauber, klar und strahlend, bassfest und funky.

Gibt es nichts zu kritteln? Nun, nicht wirklich. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass die baretta aufstellungskritischer (re)agiert als so manche klassische Komponente. Das Experimentieren mit dem optimalen Stellplatz und damit verbunden auch mit den idealen Einstellungen für Bass und Tiefbass lohnt sich. Gerade die tonale Balance der baretta stellt sich möglicherweise nicht direkt und auch nicht nach dem Zufallsprinzip ein. Markus Platzer, Gründer und CEO von Poet Audio, bietet daher auch fernmündliche und persönliche Hilfe vom Poet-Audio-Team an: Wer Fragen zur Raumakustik und zum optimalen Aufstellungsort hat, darf sich gerne an Poet Audio wenden; gegebenenfalls baue man die baretta auch für einen fairen Tarif gleich vor Ort auf, so Platzer.

Wenn man jetzt noch hinzunimmt, dass die baretta nicht irgendwo in Fernost hergestellt wird, sondern in Graz – und 90 Prozent der Zulieferer sich im Umkreis von 200 Kilometern um Graz herum befinden – dann erscheint der oben erwähnte stolze Preis schon gar nicht mehr so utopisch. Eines ist mir jedenfalls klar geworden: Die baretta zeigt, dass exklusives, ja disruptives Design nicht mit Klangeinbußen einhergehen muss. Experiment gelungen, Hut ab!

Poet Audio baretta Navigator

 

Komplettsystem Poet Audio baretta

Eingänge/Zuspielmöglichkeiten: S/PDIF (optisch), 3,5-mm-Stereoklinke, WLAN (Apple AirPlay) und Bluetooth aptX
Ausgänge: Lautsprecher (XLR)
Gesamtleistung: 440 W
Streamingformate: alle gängigen digitalen Formate
Maße (H/B/T): 14/173,5/30,5 cm
Systemgewicht: 20 kg
Gehäusevarianten: Stahl/Edelstahl silber oder schwarz, Chromfront optional
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 8950 Euro

 

www.poetsoundsystems.com

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