Wynton Marsalis Septet, Citi Movement – Die heimlichen Meisterwerke des Jazz

Der Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.

Um 1990 herum sorgte Wynton Marsalis immer wieder für reichlich Aufsehen. Einerseits war er dieser technisch unvergleichliche Trompeter, der alle seine Vorgänger am Instrument zeitweise in den Schatten stellen konnte. „Eine grandiose Synthese vom Besten, was es in der Geschichte der Jazztrompete gegeben hat“ – so nannte ihn der Kritiker Günther Huesmann.

Auf der anderen Seite gefiel sich Wynton Marsalis in der Rolle des selbstherrlichen Kunstrichters und fällte harsche Urteile über moderne Musikstile von Freejazz über Fusion bis HipHop. Das tat er nicht im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit und mit der vollen Macht seiner Position. Marsalis war damals nicht nur der kommerziell erfolgreichste und meistgeehrte Jazzmusiker, sondern mit 25 Jahren bereits künstlerischer Leiter des Jazz-Programms im Lincoln Center, New Yorks Kulturtempel. Marsalis hatte Einfluss und machte sich zum Sprachrohr einer abwegig reaktionären Fraktion. Für die Musik moderner Jazzheroen wie Miles Davis und Charles Mingus hatte er nur ein Schulterzucken. „Alles Nötige steckt schon im New-Orleans-Jazz“, behauptete er damals. Kein Wunder also, dass ein Großteil der Jazzszene – Musiker, Kritiker, Fans – nicht gut auf Marsalis zu sprechen war.

Über all dem Hype und Streit um Wynton Marsalis wurde eines beinahe vergessen: seine Musik nämlich. Das Wynton Marsalis Septet war eines der am härtesten arbeitenden Ensembles jener Zeit und ständig auf Tournee oder im Aufnahmestudio. Das Septett spielte eine originelle und virtuose Mixtur aus Swing, New Orleans und raffinierten Zutaten aus dem modernen Jazz. Mit dem Doppelalbum Citi Movement lieferte die Band ihr Meisterstück. Es war eine Auftragsarbeit für eine Tanz-Produktion, ein wenig abseits der Konventionen der Jazzbühne. Citi Movement ist eine 21-teilige New-York-Suite von über zwei Stunden Länge.

Vielleicht hat niemand innovativer und humorvoller aus dem Fundus der Jazzgeschichte geschöpft als Wynton Marsalis auf diesem Album. Die vierköpfige Bläserfront ist mal Miniatur-Bigband, mal Cool-Jazz-Ensemble, mal Dixie-Truppe und dann wieder Bebop-Combo – zuweilen innerhalb eines einzigen Stücks. Marsalis liefert hier eine alternative Version der Jazzgeschichte, seine Gestaltungsprinzipien heißen Collage und Stilbruch. Manches Stück scheint da der Dramaturgie einer Straßenkreuzung in Manhattan zu folgen: Ellington von links, dann Bop-Harmonik von rechts, auf dem Fußgängerüberweg tummeln sich Jungle und Mambo, dann kriegt der Blues grünes Licht. Ständige Tempo- und Rhythmuswechsel, gewitzte Kontrapunktik, vorsichtige Dissonanz – und all das mit der Lebenslust des Swing. Modernistisch, ohne wirklich modern zu sein. Ein Riesenspaß.

 

Wynton Marsalis Septet ‎– Citi Movement
Label: Wounded Bird Records ‎– WOU 3324
Format: 2 × CD, Album
Veröffentlicht: 2008
Genre: Jazz

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