Anne Bisson Trio: Four Seasons In Jazz-  Hautnaher Kammerjazz für alle Stimmungen

Mein erster Gedanke, als ich die nagelneue Doppel-LP Four Seasons In Jazz des Anne Bisson Trio in die Hand nehme: „Ist die schwer!“ 300-Gramm-Space-Vinyl mit molekular verdichteter Oberfläche?

Nein, es sind zwei „normale“ 180-Gramm-Scheiben, zwischen denen ein äußerst aufwendiges Booklet im Klappcover untergebracht wurde.

Und das braucht es bei dieser Produktion auch, denn der hier getriebene Aufwand ist beinahe beispiellos: eine „Direct To Disc“-Produktion (D2D), an der mehrere lebende Audio-Legenden beteiligt waren und die man gewiss niemals in den Vinyl-Ramschecken der Kistenschieber-Märkte finden wird. Denn wer diese Jazz-Jahreszeiten hat, gibt sie nicht mehr her. Schon deshalb nicht, weil ein präsenterer, natürlicherer Klang auf LP nur schwerlich vorstellbar ist. Was hier „Live at Bernie’s“ in die Rillen gebannt wurde, taugt wohl auch noch in 50 Jahren als Referenz dafür, welche Schätze das Vinyl-Revival des frühen 21. Jahrhunderts hervorbrachte.

Und es ist ein höchst sprechender Beleg für die These, dass sinnvolle Kooperation zwischen Kunst und Kommerz, zwischen dezidierten Highendern und hoch spezialisierten Künstlern beglückende Ergebnisse zeitigen kann. Four Seasons In Jazz ist eine Geschichte glücklicher Koinzidenzen, die man in besagtem Booklet en détail nachlesen kann, wobei man aus dem Schmunzeln kaum herauskommt.

Glücksfall Nummer eins: Gary Leonard Koh, Chef des US-amerikanischen Lautsprecherherstellers Genesis Advanced Technologies, führte auf dem Montréal Audio Fest seine Produkte mit dem Album Blue Mind der kanadischen Jazzpianistin und -sängerin Anne Bisson vor – und wurde gefragt, ob er die Künstlerin persönlich kennenlernen wolle. Der Beginn einer erfolgreichen Kooperation. Anne Bisson gönnte sich künftig öfter den Spaß, bei Genesis-Vorführungen mit der Anlage zu singen, um die überaus authentische Reproduktion der Schallwandler zu demonstrieren.

Glücksfall Nummer zwei: Über Wuti Larnroongroj, der in Thailand für den Vertrieb der Genesis-Lautsprecher verantwortlich ist, lernte Koh die Tonmeisterlegende Bernie Grundman kennen und entwickelte die Idee, in dessen gefragtem Masteringstudio eine besondere Direct-to-Disc-Produktion zu realisieren, bei der quasi direkt in den Schneidstichel der Maschine gespielt wird, die das LP-Master schneidet. Das geht freilich nur, wenn die Künstler genug Disziplin haben, eine LP-Seite lang fehlerfrei durchzuspielen. Im Falle der Four Seasons In Jazz jeweils rund eine Viertelstunde, denn des deutlich besseren Klanges halber wurde mit 45 Touren aufgenommen, nachdem Grundmans Mastering-Palast in Hollywood zuvor in ein highendiges Tonstudio verwandelt worden war.

Ein Nebeneffekt der Tatsache, dass hier ein Gipfeltreffen von Hightech-Profis und Berufsmusikern der Oberklasse stattfand: Besser als auf dieser Doppel-LP habe ich noch nie die Eckdaten einer Aufnahme dokumentiert gesehen: Vom Flügel, den Steinway & Sons zur Verfügung stellte, über das Mischpult, an dem Michael C. Ross (auch er eine Legende) den Direktschnitt live mischte, bis hin zu den Mikrofontypen und dem zusätzlich verwendeten Equipment ist alles, aber auch wirklich alles festgehalten. Was nicht im Booklet steht: dass dieses balladenlastige, nachdenkliche Album fulminant klingt, dank superiorer Pressung praktisch keine Nebengeräusche aufweist und dass es für Gänsehautmomente gut ist, ganz egal, wie draußen das Wetter aussieht. Wer ein Exemplar will, sollte sich übrigens beeilen, denn die Auflage ist auf 3000 Exemplare à (angesichts des Aufwands durchaus gerechtfertigte) 120 Euro limitiert.

 

Anne Bisson Trio, Four Seasons in Jazz

 

Anne Bisson Trio
Four Seasons In Jazz
Label: Brilliance Music & Studios (über Sieveking Sound)
Format: Doppel-LP (45 rpm)

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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