Kultur- und Kongresszentrum Luzern

Der Profi-Musiker Stefan Gawlick ist weltweit unterwegs und dieses Mal in Luzern. In dieser Serie berichtet er über Akustik und andere Eigenarten berühmter Häuser – im Auditorium und auf der Bühne.

Dieser Saal gleicht – wie der neue Saal in Peking, über den wir schon berichteten – einem UFO, das plötzlich in einer Stadt landete und das keiner kommen sah. Denn Luzern ist mit seinem Luzerner Sinfonieorchester zwar ordentlich aufgestellt, allerdings auch nicht so überragend im weltweiten Vergleich, dass sich die 227 Millionen Schweizer Franken für einen solchen Saal allein hiermit rechtfertigen ließen. Doch das reichhaltige Angebot an Festivals in der Schweiz und gerade in dieser zumindest im Sommer malerisch schönen Stadt am Vierwaldstättersee (im Winter ist es meist depressiv neblig) bot genügend Potenzial, um ein solch immenses Projekt anzugehen, das mit der Eröffnung 1998 seine Vollendung erfuhr.

Der große, von Russel Johnson akustisch betreute Konzertsaal im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) ist ein klassisches Schuhkarton-Design – und ohne Wenn und Aber einer der besten Säle der Welt. Das bemerkt jeder Zuhörer sofort, sobald die ersten Töne erklingen, denn jeden Platz in diesem Haus zeichnet eine faszinierende klangliche Nähe zum Geschehen aus. Nie hat man das Gefühl, entfernt oder gar „abgehängt“ zu sitzen, alles wirkt reich und unmittelbar.

Für uns Musiker ist es ebenfalls einer der angenehmsten Säle. Das beginnt mit dem überaus freundlichen und hilfsbereiten Personal an der Pforte, das es immer schafft, jeden Wunsch (Instrumentenanlieferung und -unterbringung, PKW-Anfahrt trotz Sperrung etc.) zu erfüllen und einem somit das Leben in einem für ein Konzert entscheidenden Maß zu erleichtern. Die Garderoben befinden sich direkt hinter der Bühne, der Kaffee ist immer frisch und gut.

Auf der Bühne aber beginnt der wahre Spaß. Zuerst einmal mit einer weitgehend schattenfreien, komplett blendfreien und kühlen Beleuchtung. Eigentlich sollte das eine Minimalanforderung an jeden Saal sein, und doch wird dieses Ziel so selten erreicht. Beim Spielen fühlt man sich binnen weniger Augenblicke zu Hause, da man sich selbst – auch eine Seltenheit – tatsächlich gut hören kann. Oft verschwinden die Schallwellen auf so seltsamen Wegen im Saal, dass einem eine detaillierte Betrachtung des eigenen Tuns wirklich schwer fällt. Im KKL ist es hingegen sehr leicht, sich selbst mit allen Klangfarben – und sogar leisere Kollegen – zu hören. Eine Qualität, die ich in diesem Maße nur aus der Berliner Philharmonie kenne.

Zudem ist das KKL ein Saal, dem man nicht „dienen“ muss. Es gibt viele Konzerthallen, die über festgelegte Eigenarten verfügen, die man beim Spielen bedienen muss, um einen sauberen Klang im Publikum zu erreichen. Meist muss man in einem Kammerorchester etwas „größer“ spielen, damit der Klang nicht auf dem Weg zum Publikum „verhungert“, um nur ein Beispiel zu nennen. Im KKL kann die Akustik allerdings auf die Art der Musik und die Größe des Ensembles eingestellt werden. Dazu wird das große Segel über der Bühne in der Höhe verstellt, außerdem können durch das Beiseiteschieben von Wandteilen Hallräume „zugeschaltet“ werden. Die Gipsreliefs an den Wänden sorgen für eine eigentümlich weiche Diffusion – das oft zu hörende „hohle Schwirren“ im Nachhall bleibt hier komplett aus. Jede der eingestellten Hallzeiten klingt exemplarisch weich aus.

Das Ergebnis dieser ganzen Maßnahmen: Man kann auf der Bühne ganz entspannt auf sich hören und dementsprechend spielen. Es fühlt sich fast so an, als wäre man in seinem Übezimmer und arbeite nur für sich. Keine Frage, dass so großartige Klänge entstehen können.

Das musikalische Erlebnis im KKL wird nach Verlassen des Hauses standesgemäß abgerundet, wenn man – umgeben von Teichen und künstlichen Flüssen – von der Terrasse des Hauses auf den Vierwaldstättersee und die Bergkulisse dahinter blickt. Dass man danach noch für eine normale Pizza nirgends unter 25 Franken davonkommt, soll und kann dann eigentlich nicht mehr stören. Diesen Saal muss man als Liebhaber klassischer Musik besucht haben!


CD-Tipps mit konzertsaaltypischem Klang

Es gibt nur wenige Tonträgerproduktionen aus diesem Saal. Faszinierende Dokumente aus klanglicher und künstlerischer Sicht sind allerdings die DVDs/Blu-rays mit Konzertmitschnitten der Sinfonien von Gustav Mahler mit dem Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado, der den Saal übrigens auch einweihte.

 

www.kkl-luzern.ch

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