Stein Music Ametrin-1 Headshell nach SME-Standard

Headshells mit SME-Verbindung und Überwurfmutter gibt es beim DJ-Versender im Dutzend billiger.

Sie sind sehr passgenau verarbeitet und erfüllen ihren Zweck ohne Abstriche. Sie funktionieren so gut, dass beispielsweise ein Weltkonzern wie Panasonic/Technics sogar darauf verzichtet, eigene herzustellen. Trotzdem offeriert der Markt für High-End-Zubehör eine fast schon inflationäre Vielzahl dieser Headshells. Und so spleenig, wie man im ersten Moment meinen möchte, ist das gar nicht. Der erste Kontakt der feinen Phonosignale mit der unnachgiebig-materiellen Welt erfolgt genau an der Schnittstelle zwischen Headshell und Tonabnehmer.

Das Ametrin-1-Headshell von Stein Music ist grundsätzlich anders beschaffen als alle anderen mir bekannten, aus welchem Material auch immer. Um ehrlich zu sein, wundert mich das nicht – die Ergebnisse aus Holger Steins Mülheimer Think-Tank zeichnen sich häufig durch neue oder gegen den Strich gedachte Ansätze aus.

Gemeinhin hat Verwindungssteife höchste Priorität, schließlich soll das Gehäuse des Tonabnehmers daran gehindert werden, den Impuls der Nadel zu verwässern. Das Ametrin-1 ist aber durchaus flexibel, was nicht heißen soll biegefreudig. Der Aufbau in fünf Schichten aus drei Materialien ist stabil, aber eben nicht so solide wie etwa Aluminium. Den Kern bildet eine Schicht aus Birnbaumholz, die oben und unten von je einer Lage Carbongewebe eingefasst wird, ganz außen schließlich kommt Palisander zum Einsatz, das auch eine zweite Funktion als Blickfang erfüllt. Dieses CNC-gefräste Sandwich wird mithilfe von Dampf in Form gebogen – das dauert Tage – und anschließend unter zwei Tonnen Druck bei 400 Grad zwangsvereinigt. Die Maestro-Lackierung gehört bei Stein Music zum guten Ton, darüber muss man nicht viele Worte verlieren.

Es habe keine Blaupause für diesen Materialmix gegeben, verrät mir Holger Stein am Telefon, in langen Hörsitzungen hatte sich das Holz des Birnbaums als klanglich optimal herausgestellt. Die Idee, über Carbon Stabilität in die Konstruktion zu bringen, lag dagegen nahe, das haben andere Industriezweige erfolgreich vorexerziert. In Kombination mit Palisanderholz glaubt Holger Stein einen Weg gefunden zu haben, den warmen Ton von Holz mit Transparenz durch schnelle Energieableitung über das Carbon-Inlay zu ergänzen.

Stein Music Ametrin-1Headshell nach SME-Standard

Zu Beginn des Hörtests überzeugt zunächst die Verarbeitungsqualität: Alle Kontakte sitzen spielfrei, trotzdem passen die feinen Tonabnehmer-Litzen gerade so stramm, dass man keine Angst haben muss, Stecker oder Pin zu verbiegen. Die Langlöcher zur Systemaufnahme sind sauber gefertigt, und alles steht im richtigen Winkel zur Schallplatte. Ohne Fingerlift wiegt das Ametrin-1 lediglich sechs Gramm, zwei alternative Bügel mit 2,3 und 1,15 Gramm aus Bronze und Aluminium machen das Kraut dann auch nicht mehr fett, falls ich das so sagen darf. Als erste Maßnahme tausche ich also das Gegengewicht des 12-Zoll-Jelcos gegen ein kleineres. Mit Clearaudios neu aus der Verpackung montiertem MC Jubilee erkang dann Aretha Franklins „Chain Of Fools“ so befreit und weitläufig, so wenig dumpf und verhangen, dass ich gleich in zweifacher Hinsicht tiefe innere Befriedigung erfahren durfte. Ich hatte mir Lady Soul für nicht eben kleines Geld als schweres Reissue besorgt (s. S. XXX) und war nach erstem Hören auf einem anderen Laufwerk bitter enttäuscht. Jetzt aber ist plötzlich Leben, Temperament, Schmelz und Soul in „A Natural Woman“. Glückwunsch an Clearaudio, aber auch Chapeau an Stein Music – das eben Gehörte zählt zu den bleibenden Erfahrungen!

Um das vernünftig einordnen zu können, muss unser langjähriges Arbeitstier MC 30 Supreme von Ortofon ran. Es liegt konstruktionsbedingt nicht vollflächig an der Headshell an, wenn ich die Schrauben mit Schmackes anziehe, gibt das Ametrin-1 nach. Holger Stein bestätigt, dass er für solche Fälle massive Montageplättchen bereithält, die natürlich auch geeignet sind, die bewegte Masse zu erhöhen, falls sich das Headshell mit einem sehr leichten System eventuell nicht korrekt auspendeln ließe.

Inzwischen liegt eine audiophile Liveaufnahme aus dem legendären Hamburger Jazzclub Onkel Pö auf dem Seismograph, die trockenen Bohne BB-15 unterstützen die Atmosphäre nach Kräften und das olle Ortofon zeigt, warum es ein gesuchter Klassiker ist. Johnny Griffin und Eddie „Lockjaw“ Davis müssen den kleinen Club 1975 zum Kochen gebracht haben. Ab Seite zwei und „Stomping At The Savoy“ wird sogar der FIDELITY-Hörraum zum Jazz-Keller. So habe ich den Seismograph-Plattenspieler noch nicht erlebt, die fiebrigen Saxofonsoli der beiden Jazz-Giganten überschlagen sich förmlich zwischen den Lautsprechern, ich spüre die Live-Atmosphäre fast körperlich, die mächtigen Lautsprecher von Bohne Audio spielen, als könnten sie nicht anders, als das Quintett mit schmissiger Originaldynamik in den Raum zu pfeffern, als müssten sie im Handumdrehen die Tanzfläche füllen. Holger Stein ist mit dem Ametrin-1 ein großer Wurf gelungen, der weit über gängige Anforderungen an Stabilität und Geometrie hinausgeht. Es bietet dem Tonabnehmer eine Basis, die gleichzeitig umarmt, stützt und anspornt.

 

Headshell Ametrin-1 nach SME-Standard, dreischichtiger Aufbau aus Birnbaum, Carbon und Palisander, Gewicht: 6 g (ohne Bügel), Preis: 400 €

 

www.steinmusicstore.de

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