Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker – Im Rausch der Tiefe

Dieses italienische Verstärker-Duo von Audia Flight macht Surround-Anlagen obsolet.

Die Diskussion ist in der HiFi-Welt so alt wie müßig: Gibt es eine Tiefenstaffelung bei der Abbildung von Musik auf Stereoanlagen oder nicht? Die einen erklären sie zu mehr oder minder dem Qualitätskriterium schlechthin, ein Beweis für die lebensechte Abbildung des Geschehens auf der (meistens virtuellen) Bühne. Für die anderen ist es ein Fehler der Übertragungskette, ein Resultat von Dynamikverlusten. Vielleicht hilft ein Schritt zurück, um diese Frage einmal möglichst neutral und frei von Glaubenssätzen anzugehen – ein Schritt zurück zur Entstehung der Aufnahme.

Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker

Wenn wir von der technisch (musikalisch meistens überhaupt nicht) idealen Version einer Stereoaufnahme mit nur zwei Mikrofonen ausgehen, zeigen sich zwischen einem am vorderen Bühnenrand und einem auf der letzten Podeststufe aufgenommenen Signal deutliche Unterschiede: Das weiter entfernte Signal zeigt einen deutlichen Verlust an hohen Frequenzen, massiver in den Klang eingreifende Erstreflexionen von der dichteren Rückwand, einen anderen Hallanteil und – natürlich – einen geringeren Pegel. Diese bunte Mischung aus Veränderungen der drei Faktoren Zeit, Lautstärke und Frequenz gibt unserem Gehirn den nötigen Informationssatz, um das Schallereignis „weiter hinten“ zu verorten. Unsere Hörerfahrung hilft hierbei gewaltig: Hätte man uns in einem schalltoten – oder besser: reflexionsarmen – Raum aufgezogen, würden wir bei dieser Aufgabe vollständig scheitern. Ohne die gemachten Erfahrungen könnte unser Gehirn diesen Informationssatz nicht interpretieren; das Signal klänge dann für uns schlicht leiser, dumpfer, diffuser.

Im modernen Studiobetrieb nutzt man diese Erkenntnisse und baut aus einzelnen Signalen, die zu unterschiedlichen Zeiten und oftmals sogar in unterschiedlichen Studios aufgenommen wurden, einen virtuellen Raum – obwohl die Entfernung der Instrumente bei der Aufnahme der einzelnen Spuren mehr oder minder immer die gleiche war. Equalizer, Reverb, Delay und Fader ermöglichen es, eine täuschend echte Illusion zu zaubern.

Irritierend wird es übrigens mitunter bei Orchesteraufnahmen, bei denen die Spuren der Stützmikrofone nicht bearbeitet wurden. Wird eine solche „Stütze“, beispielsweise von einer Oboe, relativ laut und unbearbeitet zugemischt, kollidiert das nah aufgenommene Signal der Stütze (ein bis eineinhalb Meter Abstand) mit dem der Hauptmikrofone (üblicherweise gute fünf bis sieben Meter). Dass ein zugleich nahes und fernes Instrument irgendwie komisch klingen kann, leuchtet ein. Um die richtige Mischung zu treffen, ist hier Fingerspitzengefühl und ein großes Maß an Erfahrung gefragt.

Ebenso gefragt ist – und damit nähern wir uns den Testobjekten – eine Abhöranlage, die alle oben genannten Feinheiten auch so realistisch und unverfälscht darstellen kann, dass es unserem Gehirn überhaupt erst möglich wird, die Information korrekt zu interpretieren. Ein Lautsprecher mit zu vielen Phasenfehlern spielt einem da schon mal den einen oder anderen Streich und lässt einen an eine andere Wirklichkeit glauben. Dieses Phänomen ist in der High-End- wie in der Studio-Szene weit verbreitet.

Die Verstärker FLS1 und FLS4 von Audia Flight müssen eine ganze Menge „richtig“ machen, denn selten fiel es mir leichter, auch feinste Eingriffe ins Musikmaterial so präzise nachvollziehen zu können: Einen Hauch weniger Höhen hier, etwas weniger Orgel dort, minimal am Delay geschraubt, und schon lässt sich ein Signal fast zentimetergenau in der Abbildungstiefe verschieben. Meine übliche und durchaus renommierte Studioabhöre muss sich hier der Kombination aus der Endstufe Audia Flight FLS4 und den kleinen, unscheinbaren Spendor S3/5SE klar geschlagen geben.

Dabei hatten es die italienischen Verstärker nicht leicht, bei mir einen guten Start hinzulegen. Vor allem die Endstufe: Ein Lebendgewicht von sage und schreibe 34 Kilogramm, eine verschwenderisch dicke Aluminiumbeplankung und erst recht dieses an das Visier der Zylonen erinnernde, äußerst stylische Leuchtelement auf der Front triggern mühelos alle Vorurteilsreflexe an. Also beschließe ich, es auf die harte Tour anzugehen. Beide Verstärker wandern zuerst ins Studio, um mit „professionellen“ Kriterien gemessen zu werden. Kurzerhand die Spendors aufs Stativ gestellt, die FLS4 verkabelt, an den Crane Song Monitor Controller (Vorverstärker) angeschlossen und losgehört.

Ein auf Mono gestelltes rosa Rauschen sorgt für erste Verblüffung: Exakt in der Mitte zwischen den Lautsprechern gibt es nur einen extrem schmalen, völlig aurafreien Strich, keine Wolke. Kleine Eingriffe am Equalizer lassen sich sofort erkennen. Jetzt kommt eine sparsam mikrofonierte Aufnahme eines Streichquartetts an die Reihe. Verblüffend, wie allerfeinste, durch sich ständig verändernden Bogendruck hervorgerufene Dynamikunterschiede dargestellt werden. Ein Verstärker, der so locker und entspannt jeder Kurve folgt, muss ein ziemlich „schneller“ Vertreter seiner Gattung sein. Eine entsprechende Messung bestätigt übrigens diese Vermutung: Selbst bei 500 Kilohertz ist noch kein nennenswerter Abfall zu verzeichnen.

Nachdem sie genug Zeit im Studio verbracht haben, dürfen sich die Audia Flights endlich in einer heimischen – dennoch akustisch optimierten – Hörumgebung beweisen. Nun habe ich auch die Ruhe, die Probanden genauer zu betrachten.

Die Endstufe FLS4 ist ein veritabler Brocken mit nur minimalen Bedienmöglichkeiten. Auf der Front findet sich lediglich ein Standby-Schalter, auf der Rückseite gibt es zum Glück auch einen „harten“ Netzschalter, pro Kanal zwei Paar Polklemmen für die Lautsprecherkabel, Eingänge in symmetrischer und unsymmetrischer Form sowie einen symmetrischen Ausgang, um eine zweite Endstufe (für Bi-Amping) anzuhängen. Alles da, was man braucht, und das in einer fertigungstechnischen Qualität, die den Besitzer wahrscheinlich überdauern wird.

Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker

Im Innern setzt sich dieser Minimalismus fort. Alle Abteilungen sind fein säuberlich voneinander räumlich getrennt, empfindlichere Schaltungen nochmals in eigenen Gehäusen gekapselt und mit Kunstharz vergossen. Der massive Ringkerntransformator ist ebenfalls bestens untergebracht: Dass man einen solch kapitalen Brocken im Betrieb weder hört noch spürt, ist leider eine Seltenheit – großes Kompliment von mir, der ich auf Neben- und Betriebsgeräusche höchst allergisch reagiere.

Die Schaltung ist laut Hersteller in der Tat sehr breitbandig ausgelegt, Audia Flight reklamiert für die FLS4 eine obere Grenzfrequenz von immerhin 700 Kilohertz, was für eine beachtlich kurze Anstiegszeit spricht. Gleichzeitig soll die Endstufe nur schwach zum Schwingen neigen, was sie wiederum von vielen anderen ähnlich schnellen Konzepten abhebt. Bei langen Hörstunden wurde sie mit einem hochkapazitiven Lautsprecherkabel auch nicht wärmer als mit einer „gnädigen“ Leitung. Eine besonders schnelle und hohe Erwärmung wäre ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass der Verstärker gerade mit dem Kabel „kämpft“. Nicht so die Audia Flight FLS4.

Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker

Die brandneue Vorstufe FLS1 passt formal perfekt zur Endstufe, kommt lediglich etwas flacher daher und beansprucht weniger Regaltiefe. Über die äußerst formschöne Fernbedienung lassen sich alle wichtigen Parameter regeln, die Verstärkerfront bietet alle übrigen Bedienelemente. Erfreulich, dass sich hier neben Eingangswahl und Lautstärke auch die Phase umschalten lässt – bei nicht wenigen lieblos abgemischten Produktionen ein echtes Plus. Auch schön, dass man sich bei Audia Flight nicht für einen profanen Kopfhörerausgang zu schade ist, diesen vielmehr sogar richtig ernst nimmt. Klanglich braucht sich diese integrierte und kräftige Lösung nicht hinter vielen externen Konkurrenten zu verstecken. Das weich laufende Rad zur Lautstärkeeinstellung gibt Impulse an ein Widerstandsnetzwerk, was beste Kanaltrennung und Gleichkaufwerte verspricht. Hätte ich einen Wunsch frei, wäre das Rad gerastert ausgeführt – das aber ist reine Geschmackssache. Die Stufung von 0,5 Dezibel ist auf alle Fälle ausreichend fein.

Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker

Auf der Rückseite der FLS1 finden zwei Quellen symmetrisch, drei weitere unsymmetrisch Zugang, auch die Anbindung an die Endstufe ist über beide Anschlussarten möglich. Alle Eingänge lassen sich individuell benennen und auch im Bereich von plus/minus sechs Dezibel einpegeln. Das kann ein enormer Vorteil sein, wenn man über Quellen unterschiedlicher Hersteller verfügt. Zudem können nicht benötigte Eingänge schlicht deaktiviert werden, sie werden dann beim Eingangswahl-Skippen einfach übersprungen. Zwei Blenden auf der Rückseite deuten unmissverständlich auf nachrüstbare Optionen für die serienmäßig als Hochpegel-Vorstufe ausgelegte FLS1 hin. Laut Jan Sieveking vom deutschen Audia-Flight-Vertrieb sollen ein Phonoboard sowie ein DAC-Modul „schon sehr bald“ lieferbar sein, und zwar „in typischer Audia-Flight-Qualität“, was als großes Versprechen verstanden werden darf.

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Im Innern von FLS 1 und 4 sind alle Verstärkerschaltungen mit hohen Ruheströmen ausgelegt; auch die symmetrisch aufgebaute Endstufe läuft mit einem erhöhten Class-A-Bereich. Besonders schön ist hier die strikte Kanaltrennung zu sehen, in logischer Konsequenz mit zwei getrennten Leiterplatten. Dass Audia Flight die Stromversorgung auch und gerade in einer Vorstufe für sehr wichtig hält, belegen die drei nicht eben schmächtigen Transformatoren mit den ihnen nachfolgenden Siebungen.

Der Empfehlung seitens eines Kollegen, man solle auch die Endstufe immer am Netz und am besten auch immer angeschaltet lassen, kann ich nicht folgen. Erstens halte ich einen Verstärker, der ständig 170 Watt verbrät, um guter Laune zu sein, für völlig überholt. Und zweitens finde ich, dass der Audia Flight FLS4 bereits nach wenigen Minuten „voll da“ ist. Hörbar ist allerdings die Netzpolung. Daher wäre es ein netter Zug seitens des Herstellers oder Vertriebes, die korrekte Phase an der Buchse zu markieren. Bei der Vorstufe, die frisch eingespielt direkt von der Messe zu mir kam, wurde das ja auch gemacht.

Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker

Das Hören zu Hause bringt übrigens keine völlig neuen Erkenntnisse – schließlich haben sich die beiden Verstärker im Studio ja schon bestens eingeführt. Auch im Wohnzimmer begeistert erneut die stupende Feindynamik und die schier endlose Tiefe des dargestellten Raumes. Dass die FLS4 dabei jeden probehalber angeschlossenen Lautsprecher mühelos kontrolliert und selbst eher „weichen“ BBC-Konzepten einen ungeahnt trockenen und bestens konturierten Bass abverlangt, rundet das Bild einer der schönsten Verstärker-Begegnungen der letzten Jahre ab.
Der einzige wirkliche Nachteil dieser Verstärker ist mein aktueller Kontostand.

Audia Flight FLS1 und FLS4 Vor- und Endverstärker Navigator

 

 

Vorverstärker
Audia Flight FLS1

Eingänge: 2 x symmetrisch (XLR), 3 x unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge: Pre out symmetrisch (XLR), Pre out unsymmetrisch, Rec out unsymmetrisch (Cinch), Kopfhörer (6,3-mm-Klinke)
Ausgangsimpedanz: < 1 Ω Besonderheiten: optional mit Phono- und/oder DAC-Modul aufrüstbar; elektronischer Pegelsteller (0,5-dB-Schritte); jeder Eingang max. ±6 dB im Pegel anpassbar, benennbar, skipbar; extrem starker Kopfhörerverstärker (2 x 12 W/8 Ω) integriert; Phase auch per Fernbedienung umschaltbar Ausführung: Aluminium silber oder schwarz Gewicht: 11 kg Maße (B/H/T): 45/12/38 cm Garantiezeit: 2 Jahre Preis: ab 6000 €

Stereo-Endverstärker
Audia Flight FLS4

Leistung (8/4 Ω): 2 x 200/400 W
Eingänge: 1 x symmetrisch (XLR), 1 x unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge: 1 x symmetrisch (XLR; für Bi-Amping), 1 Paar Lautsprecher (Drehklemmen)
Eingangsimpedanz: 7,5 kΩ
Besonderheiten: Schutzschaltung bei Impulsleistung > 900 W @ < 2 Ω; schaltbare Display-Illuminierung
Ausführung: Gehäuse Aluminium silber oder schwarz; Kühlkörper schwarz
Gewicht: 34 kg
Maße (B/H/T): 45/18/44 cm
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 7500 €

 

www.sieveking-sound.de

www.audia.it

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