Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl – Läuft rund

Musical Fidelity zeigt mit einer besonderen Phonovorstufe, was man heute aus einer mehr als 150 Jahre alten Wiedergabetechnik und einem geheimnisvollen, fast in Vergessenheit geratenen Bauteil herausholen kann. Vorsicht, Suchtgefahr!

Schallplatten hören, das ist ein bisschen wie Oldtimer fahren. Mal ist es entspannend und geruhsam, mal aktivierend und aufregend. Man tut es im guten Gefühl, dass schon mehrere Generationen auf genau diese Art und Weise Spaß hatten. Jeder Ausritt, sei es nun ein musikalischer oder einer auf vier Rädern, bringt Vergänglichkeit mit sich: Es altern eben nicht nur Motor, Reifen, Kupplungs- und Bremsbeläge, sondern auch Vinyl und Tonabnehmer.

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen beiden Hobbys: Man kann, darf, soll „Hand anlegen“. Die Kerntechnologie ist haptisch wie intellektuell zugänglich. Einen streikenden Netzwerkplayer oder CD-Dreher würde wohl niemand selbst reparieren können (geschweige denn wollen), aber wenn beim Plattenspieler mal etwas hakt, genügen das entsprechende Werkzeug und eine Handbreit gesunden Menschenverstandes, um den Diamanten wieder in die Spur zu schicken.

Und das ist immer noch nicht alles: Wer Oldtimer fährt oder Schallplatten hört, der hat sich ein Hobby ausgesucht, das einen unzählige selige Stunden mit allerlei Perfektionierungsarbeiten beschäftigen kann. Beim Oldtimer gibt’s eine stete Hatz nach gut erhaltenen Ersatzteilen. Man wienert im Vergaser herum und schraubt an Zündkerzen – auf dass der Leerlauf sich beruhige. Ginge das überhaupt bei dem vollverkapselten, hochgezüchteten Motorblock eines Audi A7? Ähnlich ist’s auch im HiFi-Bereich. Ein CD-Spieler ist ein CD-Spieler und bleibt ein CD-Spieler. Einem Schallplattenspieler hingegen kann man einen besseren Tonarm spendieren. Oder vielleicht sogar einen zweiten. Und einen oder mehrere bessere Tonabnehmer. Ein noch besser entkoppeltes Rack. Oder vielleicht eine Plattentellerauflage? Ein feines Bürstchen und allerlei Reinigungsessenzen für den Tonabnehmer? Einen Puck? Oder sogar einen besseren Phonovorverstärker?

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Habe ich gerade Phonovorverstärker gesagt? Wir hätten da was für Sie. Und zwar den Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl. Die schlechte Nachricht: Wenn Sie Spaß am permanenten Gerätetausch haben, dann endet das Vergnügen mit dem Erwerb dieses Zauberkastens, denn die Nu-Vista-Phonostufe kommt, um zu bleiben. Die gute Nachricht: Sie können mit dieser Vorstufe in den audiophilen Himmel blicken. Doch der Reihe nach.

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Wer den Nu-Vista Vinyl fluchend aus dem Karton hebt, der könnte zunächst meinen, sich versehentlich einen Vollverstärker gekauft zu haben. Er wiegt nicht nur schlappe 15 Kilo – und damit mehr als mancher Plattenspieler –, sondern kommt auch mit fünf (numerisch: 5!) Eingängen. Mitgeliefert werden vier fette Spikes und entsprechende Unterteller, damit der Amp wirklich bombensicher und unerschütterlich steht. Ausgangsseitig bietet der Nu-Vista Vinyl je ein Cinch- und ein XLR-Paar. Letzteres erfreut, verwundert aber zugleich auch, denn die Eingänge sind durchweg unsymmetrische Cinch-Eingänge, wiewohl das Signal direkt hinter den Buchsen symmetriert und folgerichtig symmetrisch weiterverarbeitet wird. Wie auch immer – insbesondere Besitzer mit symmetrisch aufgebauten Verstärkern dürfte es freuen.

Es ist dies der Schrulligkeiten aber noch nicht die letzte: Man hat bei Musical Fidelity in der Nu-Vista-Serie, in der es übrigens aktuell auch zwei Vollverstärker und einen CD-Spieler gibt, eine Technologie aus den 60er Jahren des verwichenen Jahrhunderts wiederbelebt, nämlich eine zwergenhafte Elektronenröhre namens Nuvistor (siehe Infokasten). Die Mischung aus Röhrenklangcharakteristik im Vorstufenbereich und möglichst geringen Verzerrungen bzw. Störungen in der Restelektronik sei es eben, die den Reiz dieser Produktlinie ausmache, so ließe sich die Website von Musical Fidelity sinngemäß zitieren.

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Was kann das Ding denn jetzt ganz konkret? Vielleicht wandern wir einfach mal gemeinsam die Frontplatte ab. Sie ist im typischen Musical-Fidelity-Stil minimalistisch gehalten und besteht, salopp gesagt, aus acht Tastern und 23 Subminiaturleuchtpunkten für die entsprechenden Zustandsanzeigen. Sie ahnen es bereits und frohlocken: Man muss nicht mit zittrigenFingern an diesen gottverdammten DIP-Schaltern bzw. Mäuseklavieren herumknibbeln, sondern darf ganz nach Gutsherrenart, die Meerschaumpfeife im rechten Mundwinkel, Knöpfchen drücken. Heißa! Mit dem ersten Schalter zur Linken nehmen wir den Nu-Vista Vinyl in Betrieb, schicken ihn in den Standby-Modus bzw. erwecken ihn aus demselben – oder schalten ihn kurz stumm, damit wir die zarte Stimme der Gattin vernehmen, die uns an etwas erinnert, was wir noch zu erledigen haben. Der zweite Schalter wechselt zwischen MM- oder MC-Tonabnehmer. Der dritte gestattet die Anwahl der MM-Eingangskapazität in acht Schritten von 50 bis 400 pF. Schalter Nummer vier ist ein Hochpass, den man früher auch als „Rumpelfilter“ kannte oder heutzutage neudeutsch „Subsonic“ nennt. Rechts daneben gibt es einen kleinen „Turbo“, nämlich eine Anhebung des Eingangssignals um sechs Dezibel für besonders schlafmützige Quellen. Der sechste Schalter gestattet es, die MC-Eingangsimpedanz in sechs Schritten von 10 Ohm bis 47 Kiloohm durchzusteppen – die beiden Taster außen rechts schließlich sind für die Anwahl des Eingangs zuständig. Ja? Der Herr mit dem Zwirbelbart in der vorletzten Reihe? Er fragt, ob sich der Nu-Vista Vinyl für jeden Eingang die Settings (MM/MC, Eingangsimpedanz bzw. -kapazität und dergleichen) merkt. Das tut er natürlich.

Musical Fidelity empfiehlt eine gewisse Einspielzeit, und so ließ ich den Nu-Vista Vinyl vor seinem ersten Einsatz erstmal ein wenig vorglühen (wir erinnern uns: Oldtimer …). Mit nervöser Vorfreude senkte ich sodann den Tonarm meines Rega Planar 3, bestückt mit dem MM-System Rega Exact, herab – und war selig. Warum? Nun, die Grundidee der analogen Vinylwiedergabe ist ja digitalen Konzepten in Bezug auf Kanaltrennung, Dynamikumfang und Störabstand zunächst einmal himmelweit unterlegen. Trotzdem kann gute Phonowiedergabe einen Zauber entfalten, an dessen Reproduktion sich die Digitaltechnik, zumindest der Redbook-Standard, seit Jahrzehnten erfolglos abarbeitet. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass beim Redbook-Standard die systembedingt höchstmögliche übertragene Frequenz bei 22 kHz liegt, während sehr gutes Vinyl, sehr gute Tonabnehmer und ein ebensolcher Rest der Wiedergabekette theoretisch mehr leisten können. Vielleicht sind dem menschlichen Ohr aber auch derlei technische Daten völlig egal; Fakt ist, dass sich über den Nu-Vista Vinyl der zuvor beschriebene Zauber nach Sekundenbruchteilen zuverlässig einstellt.

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Tonal würde ich die Musical-Fidelity-Phonovorstufe als Studiokomponente beschreiben: Alles da, auch an den äußersten Frequenzgangenden. Durchzugsstarker, realistischer, standfester Bass ohne Oberbasswampe. Fein aufgefächerte Mitten, die gerade akustischen Instrumenten oder auch Stimmen eine stupende Natürlichkeit mitgeben. Und ein Obertonbereich, der bis ganz nach oben hinaus glatt durchgezogen ist und weder silbrig gleißt noch gülden abmildert. Doch was den Nu-Vista Vinyl besonders macht, sind seine unglaublich anspringende Dynamik und eine Bühnendarstellung, die nachgerade süchtig macht. Ganz gleich, ob man eine alte Bad-Religion-Scheibe auflegt und sich an den millimetergenau sitzenden Bassdrums erfreut, oder eine Orchestereinspielung, die aus einem Pianissimo heraus ein Tutti abruft, das die Wände wackeln lässt: Diese Vorstufe spielt „direct to ear“, da wird nichts verschleppt, verlangsamt, eingeebnet oder rundgelutscht.
Der Bühnenaufbau ist großzügig und involvierend. Im Vergleich zu meiner Pro-Ject-Phonovorstufe beispielsweise rückte das musikalische Geschehen einen guten Schritt auf mich zu. Und so verlor ich mich stundenlang in meinen alten Verve-Jazzplatten, die ich seit 15 Jahren aus meiner Zeit als Cocktailbar-Schallplattenunterhalter mitschleppe. Was für ein Groove, was für ein stereofoner Zauber, der da bei guter Laufzeitstereofonie entfaltet wird, was für eine genaue, präzise Darstellung der Schallquellen im Raum! Aber vor allem: Wie viele indirekte Rauminformationen ich auf meinen alten Platten entdecken durfte. Ganz gleich, ob kleiner Jazzclub, mittelgroße Festivalbühne oder holzgetäfelter Studioraum – die Nu-Vista-Vinyl-Vorstufe schildert das Aufnahmegeschehen mit einer ins Fotografische lappenden Plastizität, die fast unheimlich wirkt. Interessant auch der Unterschied zur CD, denn manche meiner LP-Einspielungen besitze ich doppelt auf der digitalen Silberscheibe. Im A/B-Vergleich wirkt die CD kompakter, logischerweise frei von dem einen oder anderen Knackser, aber eben auch erschreckend blutleer und steril.

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Nun ist die Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl mit einem Preis von rund 3500 Euro recht ambitioniert ausgezeichnet, im Vergleich aber trotzdem nicht als teuer einzustufen. Bezüglich ihres Klangs und vor allem der Anschlussvielfalt dürfte sie nur schwer zu toppen sein. Vor allem echte Vinyl-Nerds, die mehrere Plattenspieler oder Tonarme bzw. -abnehmer ihr Eigen nennen, dürften jubilieren: Großartiger Klang und fünf Eingänge, wo gibt es das sonst noch? Ich kann dem Hersteller jedenfalls nur gratulieren: Noch nie hat es mir mehr Spaß gemacht, Schallplatten zu hören.

Der Nuvistor

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier

Der Nuvistor ist der „hidden champion“ unter den HiFi-Bauteilen. Man könnte ihn aber auch als Pechvogel der Historie bezeichnen: Er kam nämlich 1959 auf den Markt – also genau in der Übergangszeit zwischen den klassischen Elektronenröhren und dem Aufkommen des Transistors. Technisch gesehen orientiert sich der Nuvistor an der Elektronenröhre, weist aber einige Besonderheiten auf: Das betrifft vor allem die Größe, denn äußerlich erinnert er an einen Fingerhut mit erheblichen Wachstumsstörungen. Er besitzt ein Metallgehäuse und einen Keramikboden und ist damit mechanisch und thermisch wesentlich unempfindlicher als eine Elektronenröhre mit ihrem Glaskolben und den staksigen, leicht zu verbiegenden Metallbeinchen. Die Miniaturisierung zeitigt einen wesentlich geringeren Abstand der Elektroden, was erheblich bessere elektrische Daten und deutlich bessere HF-Eigenschaften im Vergleich zur Elektronenröhre mit sich bringt – aber auch erfreulicherweise die Möglichkeit, sie ohne Sockel direkt auf Leiterplatten zu löten. Nicht zuletzt – das freut den HiFi-Freund – sind Nuvistoren um ein Vielfaches langlebiger als Elektronenröhren. Der einzige Nachteil: Nuvistoren leuchten nicht so schön wie Röhren. Vielleicht führte das historisch zur Abwertung – unverdienterweise.

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier


 

Musical Fidelity NuVista Phono-Preamplifier Navigator

Phonovorverstärker Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl

Funktionsprinzip: Phonovorverstärker MM/MC
Eingänge: 5 x Cinch
Ausgänge: 2 x Line (Cinch, XLR)
Eingangsempfindlichkeit: 2,5 mV (MM), 0,25 mV (MC)
Eingangsimpedanz 47 kΩ (MM), 100 Ω–47 kΩ (MC)
Eingangskapazität: 50–400 pF (MM), 470 pF (MC)
THD: 0,01 %
Störspannungsabstand: > 90 dB (MM), > 88 dB (MC)
Besonderheiten: Eingänge für MM- oder MC-Systeme konfigurierbar, Nuvistor-Röhren
Maße (H/B/T): 130/482/385 mm
Gewicht: 14,5 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 3500 €

 

www.reichmann-audiosysteme.de

www.musicalfidelity.com

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