Tonarm Genuin Audio Point – Punktlandung

Einpunktgelagerte Tonarme verkörpern das Ideal, sofern man ihre Tücken in den Griff bekommt. Sie verbergen sich im Detail.

Es war einmal, zur Zeit der Münchner HIGH END im Jahr 2015, glaube ich, als mir von Seiten des Genuin-Vertriebes noch vorsichtig konspirativ zugetragen wurde, man plane, den Tonarm Point, der damals noch untrennbar zum Laufwerk Drive gehörte, auch solo anzubieten. Nur einige praktische Fragen der Kompatibilität mit anderen Drehern gelte es noch zu lösen. Nun hätte ich wie ein vernünftiger und geduldiger Mensch abwartend reagieren können, aber HiFi-Redakteure, geehrte Leserinnen und Leser, sind nicht anders als Sie: ungeduldige, gierige Gear-Heads, die vor Neugierde zu sterben vorgeben, falls sie eine Neuheit nicht persönlich und unverzüglich in die eigene Anlage integrieren können. Also sahen sich Vertrieb und Konstrukteur Helmut Thiele förmlich genötigt, ein praxisgerechtes Cinchkabel mit Lemo-Buchse anzufertigen, das etwa eine Woche später bei mir eintraf. Den Tonarm hatte ich, soweit ich mich erinnere, umgehend eingepackt. Dass er dann mehr oder weniger durchgehend zwei Jahre auf meinem Feickert-Analogue Firebird Platz fand, war so natürlich nicht geplant. Es gibt eben immer vermeintlich Wichtigeres, Neueres und Aufregenderes als einen Unipivot-Tonarm. Aber jetzt ist endlich die Zeit gekommen, nun schauen wir uns den Genuin Point ganz genau an.

Genuin Audio Point Tonarm

Ach nein, eins noch, quasi als Präambel: In meiner Erfahrung spielen Einpunkter ihre Vorteile leichter auf Brettspielern oder Masselaufwerken aus. Subchassisdreher haben aufgrund der vermaledeiten Korrelation zwischen Aktion und Reaktion das konstruktive Handicap, einen Einpunkter nicht so stabil halten zu können. Sie fördern seine Neigung zu kippeln auch dann, wenn sie kaum oder gar nicht nachschwingen. Geringste Bewegungen des Subchassis und darauffolgende Rückstellkräfte können derart sensible Tonarme bereits ins Taumeln bringen. Nicht zuletzt, dass der Point ausgerechnet für ein Subchassislaufwerk – wenn auch ein hochkomplexes – konstruiert wurde, weckte ursprünglich meine Neugier.

Genuin Audio Point Tonarm

Die Geschichte dieses geraden Zehnzöllers aus Carbon geht weit zurück. Schon Ende der Siebziger verwirklichte Designer Helmut Thiele – damals noch Student – charakteristische Ideen in einem Prototypen aus Aluminium. Die Konzentration der Gegengewichte, auch lateral, um den Drehpunkt und der umgelenkt auf einen Hebel wirkende Antiskatingmechanismus waren damals schon prinzipiell identisch. Der Antiskatingfaden verläuft in einer Nut in Höhe des Drehpunkts und wird über einen Umlenkhaken in den Hebel am Armlift eingehängt. Simpel, aber effektiv, denn es hilft, den Arm zu stabilisieren. Ganz ähnlich funktionieren auch die Gegengewichte: Über die seitlichen Torpedo-Ausleger, allfällige Enterprise-Vergleiche erspare ich Ihnen, wird die Auflagekraft voreingestellt, die Feineinstellung erfolgt schließlich anhand des runden Schraubgewichts. Jene drei Gewichte haben ihren Schwerpunkt unter dem Lager, der quer liegende Bolzen zur Azimutjustage befindet sich dagegen aus guten Gründen mit dem Antiskatingfaden und dem Tonabnehmer auf der anderen Seite der Wippe genau auf Höhe des Drehpunkts. Dass diese Maßnahmen Wirkung zeigen, spürt man als Benutzer unmittelbar, sobald man den Arm an der Headshell führt: Er kippt kaum und lässt sich problemlos auch ohne Lift in die Einlaufrille senken.

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Seine relative Unerschütterlichkeit bezieht der Point aber nicht nur aus der cleveren Gewichtsverteilung, sondern verdankt sie auch seinem Lager. Man müsste es eigentlich als Dreipunktlager bzw. stabilisiertes Einpunktlager bezeichnen. Linst man in das Oberteil des Arms, das sich einfach abheben lässt, erblickt man eine Kugel, die offenbar auf einen Stift oder eine Schraube geschweißt ist. Sie findet ihren Platz in einer Lagerschale aus drei Kugeln, die wiederum auf einer größeren im Schaft des Arms liegen. Der Drehpunkt des Arms befindet sich genau im Mittelpunkt der von oben kommenden Kugel, die allerdings an drei Punkten Kontakt zur Basis aufnimmt. Die Besonderheit dieser gefetteten Konstruktion liegt in der unterschiedlichen Reaktion auf die Drehrichtung: Horizontal läuft der Point wunderbar frei und ohne Widerstand, da die drei Kugeln der Lagerpfanne mitrollen, vertikal dagegen werden sie von dazwischenliegenden Kunststoffelementen gehalten, wodurch Reibungswiderstand entsteht, der die Bewegung des Armrohres hemmt und die gefürchtete Taumelbewegung eines Einpunkters schon in der Entstehung unterbindet.

Genuin Audio Point Tonarm Detail

Wirklich speziell wird der Point erst da, wo neugierige Blicke ausgesperrt bleiben: im Armrohr. Die äußere Hülle besteht aus dem Trendmaterial Carbon, das bekanntermaßen spitzenmäßige Dämpfungseigenschaften bei gleichzeitiger Rigidität aufweist. Spannender ist der Längsschnitt durch dieses Rohr. Er offenbart ein zweites, innen liegendes Carbonrohr, das vorne mittels eines O-Rings Kontakt zum äußeren aufnimmt, hinten jedoch, nahe des Drehpunkts, in einem scheinbar frei schwingenden Gewicht endet. Scheinbar, weil es in der Mitte des Armes, dort, wo auch Resonanzen am stärksten sind, von sogenanntem Visco-Schaum, den man von hochwertigen Matratzen kennt, umschlossen wird. Dieser viscoelastische Schaumstoff, der sich sehr sensibel deformiert, aber nur träge in seine Ausgangsform zurückkehrt, hält ebenfalls Kontakt zum äußeren Armrohr, dämpft also sowohl den Kern als auch die Hülle. Auch hier wird wieder die Idee ersichtlich, die effektive Masse um den Lagerpunkt zu konzentrieren, denn jenes innere Gewicht verschiebt natürlich den Schwerpunkt des Armrohres in dessen Richtung. Der tiefere Sinn dahinter: Resonanzen sollen vorne, wo sie beim Abtastvorgang entstehen, vom inneren Tonarmrohr aufgenommen und nach hinten in das Resonanzgewicht abgeleitet werden. Der Schaumstoff auf halbem Weg trägt ebenfalls seinen Teil zur Energievernichtung bei – auch in der Gegenrichtung, denn trotz seiner Trägheit pendelt das Gewicht notgedrungen geringfügig. Da sich die effektive Masse aus der kinetischen Energie eines Festkörpers ergibt, die wiederum abhängig von der einwirkenden Kraft in Form von Geschwindigkeit ist – so weit mein laienhaftes Verständnis –, ist die bewegte Masse des Point laut Helmut Thiele nicht exakt zu bestimmen. Er spricht von einem mittelschweren bis schweren Arm, was sich genau mit meinen Höreindrücken deckt. Inspiration für diese sehr ungewöhnliche Konstruktion fand er übrigens in Schwingstäben, wie sie in der Gymnastik verwendet werden.

Skeptisch, um es vorsichtig zu formulieren, war ich schon: Ein im Tonarm schwingendes Pendel muss doch zu einem Zerren der Kräfte gegenläufiger Vektoren führen. Vermutlich ist das auch so, nur wirkt es sich nicht negativ aus, da diese Energien in Balance stehen, sich wechselseitig aufheben und in der Mitte des Armrohres, im Visco-Schaum, zur Entropie streben. Wie gesagt, laienhaftes Verständnis. In der Praxis verhält sich der Point gerade in der Fähigkeit, Töne ohne Zittern zu halten und sie im rechten Augenblick auch wieder loszulassen, vorbildlich. Diese Disziplin erfordert bei einem Unipivot-Design Kontrolle, kostet aber wie im richtigen Leben immer etwas Freiheit.

Unter der Führung des Antiskatingfadens befindet sich ein Lochkreis, der über ein Gewinde der VTA-Justage dient, es liegt sogar ein passender kleiner Schraubbolzen bei. Dieser Mechanismus ist direkt mit der außergewöhnlich massiven und resonanzarmen Basis verbunden. Da die Signalkabel nach oben geführt sind, lässt sich der gesamte Aufbau abnehmen, dabei immer vorsichtig den im Verhältnis zu den dünnen Litzen schweren Lemo-Stecker entlasten, und – so schlägt es der Vertrieb vor – gegen ein zweites (oder gar drittes oder viertes) Armrohr mit bereits justiertem alternativen Tonabnehmer austauschen. Das ist nicht nur eine gute Geschäftsidee, sondern wäre auch wirklich praktisch gewesen. Leider stand mir nur ein Set zur Verfügung, weshalb ich die Systeme auf herkömmliche Art wechseln musste. Aber auch das geht bekanntlich einfacher von der Hand, wenn man Headshell oder eben gleich das ganze Armrohr unter die Schreibtischlampe halten kann, statt mit schräggelegtem Kopf irgendwie immer im eigenen Schatten von oben zu schrauben und – je nach Tonabnehmer – von unten zu fummeln.

Mit dem Point ist Genuin Audio ein Einpunkter gelungen, der es einerseits mit der absoluten Neutralität eines kardanischen Brinkmann aufnehmen kann und andererseits den klaren, stämmigen und direkten Charakter der vertriebseigenen Genuin-Kette kongenial unterstützt. Sein Fußabdruck wirkt minimal breiter als jener des deutschen Klassikers, was vor allem mit den beiden schlanken Abnehmern von Lyra und Audio Technica deutlich wird. Allerdings zähmt er die überschüssige Hochtonenergie des AT50ANV, ohne seine Feinauflösung zu beschneiden. Das Lyra Kleos SL besaß im Brinkmann die lichte Strahlkraft eines Reflektors, im Point wirkte es ein wenig dunkler, büßte aber nicht an Transparenz ein. Für einen Einpunkter ist die Abbildungsgenauigkeit und der klare Fokus des Point wahrscheinlich einmalig. Sehr gut nachzuhören an Crystal Gayles bachquellenreiner Stimme auf dem Soundtrack zu One From The Heart. Loretta Lynns kleine Schwester hat sich dafür 1982 in die Songschreiberhände ihres Duettpartners Tom Waits begeben. Herausgekommen ist ein fantastisch klingendes Album, das die naive Ernsthaftigkeit der Country-Queen mit Pop-Appeal und den zynischen Nihilismus des damals noch jugendlich klingenden Gossenbarden verschmilzt und zu einer von Ironie freien Idylle erhebt. Vor der knorrigen Stimme von Tom Waits wirkt die von Crystal Gayle noch reiner und zerbrechlicher. Wenn Schmetterlinge singen könnten, müsste es so klingen: ohne Timbre, ohne Resonanzkörper, ohne eigene Färbung. Die kleinste Unregelmäßigkeit der Abtastung kann diesen ecken- und kantenlosen, aber nichtsdestotrotz hochemotionalen Vortrag Gayles im Eröffnungsduett „Once Upon A Town“ empfindlich stören. Aber der Point erlaubt sich keine Schwäche, erliegt nicht der Versuchung des Kitsches, ein weiches Filter darüberzulegen, sondern präsentiert die Stimme schmucklos, wie sie ist: hell, klar und flüchtig wie Morgentau. Insbesondere – wieder einmal – mit dem Clearaudio Da Vinci und mit dem Über-Abtaster Murasakino Sumile ein Erlebnis, das man nicht mehr vergisst. Für Audiophile hält die zweite Plattenseite noch eine besondere Überraschung bereit: etwa nach der Hälfte der Spielzeit rollt eine Kugel quer durchs Bild, die je nach Setup sehr unterschiedlich klingen kann. Mit dem Clearaudio könnte sie aus Elfenbein sein, mit dem Ortofon 2M Black auch aus Kunststoff, das AT50ANV lässt sie wie eine Murmel wirken und das Lyra stellt sie eindeutig als metallen dar. Dass diese feinen Unterschiede überhaupt die Wahrnehmungsschwelle passieren, ist zweifellos dem neutral, aber doch pointiert führenden Genuin Point zu verdanken. Unabhängig vom Preisschild präsentiert sich der durchdacht konzipierte und unkompliziert zu bedienende Tonarm auf Augenhöhe mit einigen der besten Vertretern seiner Gattung.

Genuin Audio Point Tonarm Navigator

 

Tonarm Genuin Audio Point

Funktionsprinzip: einpunktgelagerter Drehtonarm
Effektive Länge: 254 mm (10″)
Geometrie: Baerwald/Löfgren
Überhang: 16,2 mm
Besonderheiten: Carbon-Armrohr, spezielles Einpunkt-Kugellager, Tonarmoberteil austauschbar (2500 €), Signallitzen mit Lemo-Stecker
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 3750 €

 

www.genuin-audio.de

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