FIDELITY Feedback: Musiklexikon – W wie Welte-Mignon

Im 19. Jahrhundert erlebte das Uhrmacherhandwerk im Schwarzwald einen enormen Aufschwung. Die 1832 gegründete Familienfirma Welte & Söhne, ursprünglich auf Flötenuhren spezialisiert, entwickelte sich zu einem Fachbetrieb für mechanische Musikinstrumente und fertigte bereits 1849 auch ein gewaltiges Orchestrion mit 1100 Pfeifen.

Musiklexikon Welte-Mignon

Das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier gilt als erster mechanischer Musikautomat

1883 patentierte die Firma die Steuerung der Musikmechanik durch gestanzte Notenrollen (Lochstreifen aus Papier) statt der bis dahin üblichen Stiftwalzen.

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Das Orchestrion der Firma “Welte & Söhne” spielte mit gestanzten Notenrollen

Musiklexikon Welte-MignonAls um 1900 in den USA das Selbstspielklavier (Pianola, Player Piano) aufkam, konterten die Schwarzwälder mit einem überlegenen System, dem Welte-Mignon-Reproduktionsklavier. Das Besondere: Die Vorlagen für die Welte-Notenrollen entstanden direkt beim Spiel echter Pianisten, wobei auch die Details ihrer Interpretationen (Anschlagsdynamik, Pedalbedienung, Agogik usw.) in Lochspuren verschlüsselt wurden. Das ermöglichte eine weitgehend authentische Wiedergabe ihres Spiels auf jedem Mignon-Klavier – ein audiophiler Geniestreich. Noch heute kann man die individuelle Pianistik eines Claude Debussy, Edvard Grieg, Gustav Mahler, Max Reger, Carl Reinecke oder Alexander Skrjabin (die alle vor 1920 gestorben sind) an einem modernen Konzertflügel lebendig werden lassen – und sie in neuester Tonqualität aufzeichnen.

Musiklexikon Welte-MignonDer Welte-Mignon-Apparat wurde einst in zahlreiche Qualitäts-Instrumente eingebaut, vor allem in Steinways, aber auch Bechsteins, Ibachs, Feurichs, Blüthners usw. Es gab auch „Vorsetzer“-Geräte für jede Klaviertastatur mit künstlichen, befilzten Pianistenfingern. Das Repertoire umfasste mehr als 5000 Notenrollen, darunter zum Beispiel rund 150 individuelle Fassungen diverser Beethoven-Stücke. Von allen Pianola-Produzenten weltweit wurden etwa zwei Millionen (!) mechanische Klaviere hergestellt – bis zum Aufkommen von Radio, Schallplatte und Tonfilm. Nach der Weltwirtschaftskrise ging es auch mit der Firma Welte rasch bergab. Ein ungelöstes Rätsel bleiben die „Aufnahmegeräte“, mit denen Welte das Spiel der großen Pianisten eingefangen hat. Keines der Geräte hat sich erhalten.

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 19 (3/2015)

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