Katia Guerreiro – Katia Live At The Olympia
Katia Guerreiro – Katia Live At The Olympia UAU 002/Galileo-MC, 2015

FIDELITY Feedback: World of Songs

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FIDELITY Feedback: World of Songs

Winfried Dulisch erinnert sich an Pete Seeger, den Urgroßvater aller heutigen Singer-Songwriter. Außerdem belauscht er zwei Sängerinnen aus Norwegen und Portugal

In der Gourmet-Szene findet zurzeit ein Aufstand statt: Die Genießer lassen sich nicht länger mit Crossover-Creationen abspeisen. Vorbei sind die Zeiten, als der Restaurant-Gast auf einer Nordsee-Insel vom Chef de Cuisine empfangen wurde mit der warnenden Drohung: „Wir haben zurzeit argentinische Woche, ich empfehle unser Angus-Steak mit Schokoladen-Sauce und Curry-Pistazien, dazu einen südafrikanischen Grauburgunder.“ Sogar auf Mallorca gibt mallorquinische Küche wieder den Ton an. Denn die Geschmacksnerven verlangen zunehmend nach altbewährten Reizen mit regionalem Bezug. Und auch der Ohrenschmaus-Genießer will möglichst genau wissen: Woher kommen die Zutaten, wo und wie wurden sie verarbeitet? In Küche und Keller muss darauf geachtet werden, dass die leicht verderblichen Produkte keine weiten Wege zurückgelegt haben – ein Problem, das der Musikfreund nicht kennt. Bei Liedern und Tänzen, die sorgfältig auf Tonträgern konserviert wurden, muss kein Verbraucher einen Transportschaden befürchten. So nebenbei setzt die zunehmende Forderung nach Transparenz und Nachhaltigkeit für unsere Nahrungskette auch einen aktuellen Popularmusik-Trend. Dabei wollten die anspruchsvollen Highend-Hörer doch immer schon wissen: Wie klingen eigentlich die regional verwurzelten Gesänge aus der übrigen Welt im eigenen Wohnzimmer?

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Kirsten Bråten Berg – Tonesvarm
Kirsten Bråten Berg – Tonesvarm
Grappa HCD 7289/Galileo-MC, 2016

„Kveding“ bezeichnet eine norwegische Gesangstradition, deren Wurzeln bis in das Mittelalter reichen. Die Sängerin Kirsten Bråten Berg bewahrt aber nicht nur die Asche, sie zündet seit den 1970er Jahren immer wieder neues Kveding-Feuer an. Für das Label Grappa hat die Sängerin 14 Alben veröffentlicht. In Oslo präsentiert Grappa-Chef Helge Westbye mit einem gewissen Stolz das vorliegende Doppel-Album Tonesvarm: „Ich lasse unsere Künstler gerne mit Musikern aus verschiedenen Stilrichtungen und Traditionen arbeiten. Diese Möglichkeiten hat Kirsten Bråten Berg immer wieder hervorragend genutzt.“ Die erste Hälfte dieser Werkschau klingt trotz der vielen Gastmusiker aus unterschiedlichen Regionen und Genres angenehm durchhörbar und lädt sogar zu meditativem Lauschen ein. Auf der zweiten CD weckt Kirsten Bråten Berg mit ihren Stimmungs- und Tempowechseln die Aufmerksamkeit des Hörers und zeigt ihre sängerische Virtuosität. Wer durch diese Compilation neugierig geworden ist auf die Arbeit der Kveding-Traditionspflegerin und gleichzeitigen Avantgardistin, findet im Grappa-Katalog das jeweils passende für jeden Geschmack. Das 2010 erschienene Album Songen erfreut jeden Liebhaber von Bluegrass oder von tänzerisch vergnügtem Irish-Folk, sogar ein Hauch von schmalzigem Country-Feeling klingt hier ab und zu durch. Syng Du Mi Røyst wurde 2001 vom Jazz-Pianisten Bugge Wesseltoft produziert, hier lässt die Sängerin genüsslich die Weite ihrer norwegischen Heimat durchklingen.

Katia Guerreiro – Katia Live At The Olympia
Katia Guerreiro – Katia Live At The Olympia
UAU 002/Galileo-MC, 2015

Das portugiesische Wort für Schicksal lautet: Fado. Der Fado ist auch ein Gesang, der von unglücklicher Liebe und anderen Leiden erzählt. 2011 nahm die UNESCO diese Weltschmerz-Musik, die aus den Spelunken von Lissabon kommt, in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Damit rangiert Fado auf Augenhöhe mit dem argentinischen Tango und der Peking Oper. Zum Publikumsmagneten bei den Worldmusic-Festivals entwickelte sich der Fado durch eine – im wahrsten Sinne des Wortes – alles überragende Zweimeter-Blondine mit dem Künstlernamen Marisa. Ihre Kollegin Kátia d’Almeida d’Oliveira Rosado Guerreiro Ochoa, besser bekannt als Kátia Guerreiro oder einfach nur Katia, erreicht als Fado-Sängerin ihre Höchstform dagegen viel besser auf einer altehrwürdigen Bühne wie dem Olympia in Paris. Katia lässt sich kaum zu Gefühlsaufwallungen oder gar -ausbrüchen hinreißen. Diese Fadista kultiviert einen Gesangsstil, der dem literarischen Chanson und beinahe sogar schon dem Kunstlied näher kommt als dem Blues. Auf Katia Live At The Olympia nimmt Katia sich neben ihren leichtgängig virtuosen Akustikgitarristen angenehm zurück. Ihr Gesang klingt schnörkellos, beinahe unauffällig. Die beiliegende DVD offenbart trotz mittelmäßiger Bildqualität aber, dass Katia Guerreiro auch die großen Bühnen-Posen wirkungsvoll einzusetzen weiß. Einen Sonderapplaus verdient ihre Kostümschneiderin, die der Sängerin das Outfit für eine ganz, ganz große Fado-Diva auf den Leib geschneidert hat.

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Pete Seeger – Hope For The World: Influence Collection, Vol.4
Pete Seeger – Hope For The World: Influence Collection, Vol.4
Discograph 6150372/harmonia mundi, 2014

In allen Boxen der Influence Collection steckt je eine CD mit Original-Aufnahmen, die einen Sänger beeinflusst hatten; die andere CD präsentiert seine Cover-Versionen. Das Ergebnis dieser Studien war jedes Mal gleich: Elvis Presley, Ray Charles, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis klingen – zumindest für heutige Ohren – überzeugender als ihre jeweiligen Blues-, Gospel-, HillbiIly- und Swing-Idole. Eine Ausnahme von dieser Regel macht Pete Seeger. Auf Hope For The World singt der 2014 verstorbene Urgroßvater des Neo-Folk 25 seiner Lieblings-Songs. Jene Schellackplatten, die ihn zum Nachsingen inspiriert hatten, sind auf der anderen Scheibe zu hören. Diese teilweise knisternden und rauschenden „Einflüsse“ wurden zwischen den 1920ern und -40ern eingespielt, sie wirken trotzdem frischer und zupackender als die Neudeutungen von Pete Seeger. Wegen des verknöcherten Gesangsstils dieses US-Volkssängers klingen zwei angebliche Bonus-Draufgaben wie Malus-Tracks: „Where Have All The Flowers Gone“, diese Mutter aller Antikriegs-Popsongs; und „If I Had A Hammer“, mit dem der Latino-Entertainer Trini Lopez 1963 den Jazz-Nightclub P.J.’s in Hollywood rockte und Songwriter-Tantiemen scheffelte für Pete Seeger, dessen eigene Platten wegen seiner Sympathien für die Kommunistische Partei von den US-Radiosendern damals nicht gespielt wurden. Von einer derartigen Zensur wird sich nie wieder ein Deejay vorschreiben lassen, welche Musik er auflegen darf und welche nicht. Nie wieder. Hoffentlich.

 

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 19 (3/2015)

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