FIDELITY Feedback: New York im Februar – Eine Woche in der Hauptstadt des Jazz

Der Besucher aus Germany stieg aus der Subway und stand plötzlich am wild blinkenden Times Square. „We call it Little Tokyo“, sagte der Bassist Michael Formanek und lachte ihn an. Daran denkt unser Autor derzeit oft. Sein erster Trip nach New York liegt 20 Jahre zurück.

Musikproduzenten sind ziemlich seltsame Menschen. Wird ein Album ein Erfolg, halten sie das gewöhnlich nur sich selbst zugute. Ist das Album weniger erfolgreich, hat ihrer Meinung nach ganz klar der Musiker versagt. Zwar sind sie ständig auf der Suche nach dem nächsten heißen Act. Aber haben sie ihn erst einmal gefunden, sind sie schon wieder auf der Suche nach dem nächsten. Manchmal habe ich den Verdacht, dass sich Musikproduzenten überhaupt nicht für Musik interessieren. Sie interessiert nur das Entdecken, Planen und Groß-Daherreden – den Rest würden sie sich eigentlich gerne sparen. Deshalb kann es schon mal vorkommen, dass ein Musikproduzent eine Albumproduktion anberaumt und ein Studio bucht, aber dann, wenn der Termin ansteht, schon wieder die Lust verloren hat.

Hörstoff New York

So kam ich vor 20 Jahren zu meinem ersten Trip nach New York: Ich war der Stellvertreter des Produzenten, der plötzlich viel Wichtigeres zu tun hatte. Völlig unbedarft stürzte ich mich für eine Woche in den Big Apple. Natürlich stellte ich mir ein kleines touristisches Programm zusammen, ich war ja zum ersten Mal dort: Empire State Building, Times Square, Brooklyn Bridge, Staten Island Ferry, Museum of Modern Art, Central Park, Broadway und Fifth Avenue. Und natürlich besuchte ich so viele Jazzclubs wie möglich, hörte das Maria Schneider Orchestra im Visiones und den Sänger Leon Thomas in einem privaten Loft. Ich checkte auch das Jazz-Sortiment bei Tower Records und traf mich zum Interview mit Jon Hendricks. Es war ein Sieben-Tage-Rausch: New York und Jazz, Jazz und New York. Ab der zweiten Nacht träumte ich auf Englisch.

Hörstoff New York

Einen Job hatte ich aber auch noch zu tun, es sollte ja ein Album entstehen. Ganz einfach war meine Aufgabe nicht. Denn erstens waren die Musiker über den Stellvertreter alles andere als glücklich, zweitens war für mich vieles ganz neu. Zum Beispiel, dass Musiker in der Pause lieber chinesisch essen als Pizza. Außerdem hörte ich eine Menge Musikerwitze, denn die zu sammeln war die Leidenschaft von Walter, dem Studiochef. Vermutlich betrieb er sein Studio nur aus diesem Grund. Die Witze habe ich vergessen, aber die Melodien des Albums, das damals dort entstand, verfolgen mich bis heute, die ganze Intensität dieser New Yorker Woche hat sich an ihnen festgesaugt. Der von mir bewunderte Marty Ehrlich spielte direkt vor meiner Nase sein betörendes Altsaxofon, außerdem Klarinette und Sopran, und hatte zwei bewegende Features auf der Bassklarinette („Georgia Blue“, „Turn Over“). Für die Schikanen in den Themen sorgte der zweite Saxofonist, Stan Strickland. Der „Star“ aber war Schlagzeuger Bill Stewart, schon damals Bandleader bei Blue Note. Nicht zuletzt dank ihm wurde New York Child ein Album von der Wucht der New Yorker Rush Hour. Marty widmete es seiner Tochter, aber ich hatte das Gefühl, ich selbst sei das staunende Kind in New York.

Marty Ehrlich - New York Child

Marty Ehrlich – New York Child
Enja, 1996

Am Ende meinte Marty noch, ich müsse am nächsten Abend unbedingt in die „Old Knit“ kommen, die originale Knitting Factory, wo Thomas Chapin auftrat, sein damals schon legendärer Saxofon- und Flötenkollege. Ich sehe mich noch die East Houston Street entlang tigern Richtung Old Knit, es war längst Nacht geworden, die Autoscheinwerfer zogen vorbei, frischer Schnee fiel, wir hatten ja Februar. Im Club entfachte Thomas Chapin, eine Mixtur aus Kobold, Rabbi und Sufi-Tänzer, ein kurioses Spektakel der Verblüffungen. Nach dem Auftritt drückte er mir persönlich seine damals neueste CD in die Hand, Menagerie Dreams (Knitting Factory Works 167), sozusagen den Tonträger zum Konzert. In einem der Stücke spricht der Poet Vernon Frazer, als hätte er gerade eben den Auftritt erlebt: „In the Houston Street performance space / his fingers weave flute sounds / over the toe-dance / that syncopates his beat.“ Chapin war damals das Maskottchen der Downtown-Szene. Im Jahr darauf infizierte er sich tödlich auf einer Afrika-Reise.

Thomas Chapin Trio - Menagerie Dreams

Thomas Chapin Trio – Menagerie Dreams
Knitting Factory Works, 1995

Zum Rauschgefühl dieser Woche trug auch bei: der Jetlag. Mein Hirnstamm wollte einfach nicht akzeptieren, dass ich mich nicht mehr auf europäischen Längengraden befand. Am Nachmittag fühlte ich mich bettreif und morgens konnte ich nicht schlafen – alle Tricks erfahrener New-York-Reisender halfen nicht. Wenn ich abends einen Jazzclub betrat, fühlte ich mich bereits übernächtigt. Als ich damals zum „Small’s“ hinunterstieg, um die Bloomdaddies zu hören, die mir die Trompeterin Ingrid Jensen empfohlen hatte, glaubte ich schon zu halluzinieren. Der Kellerclub erinnerte an eine Teestube aus den Siebzigern – Matratzen am Boden und kein Alkohol. Zwei Saxofone, zwei Drummer und ein E-Bass schienen den ganzen Raum mit sich fortzuwirbeln in ein Paralleluniversum aus Funk und Swing. Mit meinem Jetlag jedenfalls fühlte sich das so an. Das Album The Bloomdaddies (Criss Cross 1110) sollte erst ein paar Monate später entstehen. Da war die Band wohl wieder zurück aus ihrem Trip durchs Dimensionsloch.

Seamus Blake - The Bloomdaddies

Seamus Blake – The Bloomdaddies
Criss Cross Jazz, 1996

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 19 (3/2015)

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