FIDELITY Feedback: Anna Gourari – Visions fugitives

Manchmal sind Miniaturen maximal groß. So wie in diesem viel zu wenig bekannten Klavierwerk des jungen Sergej Prokofiew, einer Sammlung von 20 pianistischen Momentaufnahmen oder Geistesblitzen. Diese Visions fugitives (wörtlich: Flüchtige Erscheinungen) erinnern in ihrem aphoristischen Charakter zuweilen an Klavier-Impressionen von Debussy. Wie diese bleiben sie irgendwie fragmentarisch, andeutungsvoll, ohne Konsequenz und Zusammenhang.

Anna Gourari – Visions fugitives

Anna Gourari – Visions fugitives
ECM, 2014

Manche dauern nicht einmal eine halbe Minute – und stehen dennoch ganz für sich. Denn in jeder dieser Miniaturen offenbart sich ein mutiger harmonisch-tonaler Einfall oder eine kecke pianistische Versuchsanordnung. Das will nicht vollendet sein und will nicht Rechenschaft ablegen müssen. Das ist „Vision“ und „Erscheinung“ auch im Sinn einer Utopie und Fantasie, die ins Unwirkliche, Jenseitige oder Zukünftige weist. Auch das Emotionale ist da mehr Experiment als Gefühl. Man kann das kaum klarer interpretieren, als es Anna Gourari hier tut. Bei dieser Pianistin werden klangliche Schattierungen räumlich greifbar, wird dynamische Differenzierung zu einem Farbenspiel. Schon ihre Vorgänger-CD Canto Oscuro war ein Zaubertopf voller Ohren-Erleuchtung. Die erstaunliche haptische Finesse der russischen Künstlerin setzt sich hier noch fort in Medtners wundersamer Fairy Tale und mündet schließlich bei Chopins dritter Sonate, einem klavieristischen Großwerk, in dem spieltechnisch schon manches angelegt ist, was sich bei Prokofiew dann zur isolierten Miniatur weiterformt.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 18 (2/2015)

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