Eine Messe, drei Charaktere – auf der Audio Video Show in Warschau ist für jeden etwas dabei!

Vom 16. bis zum 18. November fand in Warschau die mittlerweile 22. Audio Video Show statt.

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„Wirst schon sehen, Warschau ist anders.“ Ich kann kaum überblicken, wie oft ich diesen Satz von Kollegen und Herstellern gehört habe. Der polnische Markt erinnere an Deutschland in den Neunzigern, schwärmten mir die Veteranen vor. Es herrsche rege Aufbruchsstimmung und die Szene hungere regelrecht nach Neuem. Und fast noch wichtiger: Wer sich dort für HiFi im Allgemeinen und HighEnd im Speziellen interessiert, werde nicht gleich als Nerd abgestempelt, ein Risiko, das man hierzulande einkalkulieren muss. Entsprechend neugierig war ich, als wir uns in der frostigen Morgenstimmung des 16. Novembers zu dritt auf den Weg machten.

Audio Video Show Warschau 2018 by Carsten Barnbeck

Um die Katze gleich mal aus dem Sack zu lassen: Meine Erwartungen wurden in jeder Hinsicht überboten … bei weitem sogar! Der Veranstalter übt sich auf seiner Homepage in purem Understatement, nennt seine Messe mit 4000 Quadratmetern die zweitgrößte Veranstaltung Europas. Das ist sachlich korrekt, die HighEnd in München ist großflächiger. Mit  gut 14000 Endverbrauchern hat Warschau die Münchener Fachmesse mit ihren knapp 12300 Endverbraucher aber längst überholt. Das war in diesem Jahr nicht zu erwarten, denn zeitgleich fand in der polnischen Metropole die Warschau Motor Show statt. Eine harte Konkurrenz. Der Veranstalter rechnete folgerichtig mit 10 – 20 Prozent weniger Besuchern im Vergleich zum Vorjahr. Stattdessen wuchs die Messe weiter. Sicher auch, aber nicht zuletzt wegen des prallen Angebots: Die Messe füllte dieses Jahr 175 Räume mit den Produkten von – wir haben extra nachgezählt – 701 Herstellern, die teilweise doppelt und dreifach vertreten waren. Hinzu kommt eine Vielzahl offener Ausstellungsflächen, Kopfhörer Zonen, Vinyl Zonen, Presse Zonen und vieles mehr. Aber der Reihe nach …

Audio Video Show Warschau 2018 by Ingo SchulzAls wir via Taxi vom Flughafen in die Innenstadt rollten, war mein erster Eindruck der einer dynamischen, pulsierenden Millionenmetropole. Im Zentrum der polnischen Hauptstadt schneiden sich Verkehrsadern, die schon zu Urzeiten existierten und die den Ort seit Jahrhunderten zur Drehscheibe zwischen Ost- und Westeuropa sowie Ostsee- und Balkanraum machen. So ein Standortvorteil spricht sich herum. Im gefühlten Monatstakt scheinen neue Gebäudekomplexe, Wolkenkratzer, Einkaufszentren und andere Glaspaläste aus dem Boden zu sprießen. Kräne überall! Vor allem Banken schätzen die Nähe zu Russland und treiben die Stadt voran.
Die Demonstration moderner Architektur wirkt umso beeindruckender, weil sich die neuen Gebäude in ein Umfeld betten, das geprägt ist von riesigen Plattenbauten: Alt und neu, verwahrlost und herausgeputzt sind manchmal nur wenige Schritte voneinander entfernt. Geografisches und optisches Zentrum der Stadt ist der Kulturpalast, mit über 200 Metern nach wie vor höchstes Gebäude Polens. Dieser beeindruckende, im sozialistischen Klassizismus gehaltene Prachtbau ist eine der Hauptattraktionen Warschaus, manchen Einwohner dürfte er aber auch an die nicht immer einfache Vergangenheit erinnern.

Audio Video Show Warschau 2018 by Carsten Barnbeck

Am westlichen Rand des historisch bewegten Stadtzentrums liegt das Jan III Sobieski, ein kompaktes, aber durchaus nicht kleines Hotel, das im Gründerzeit-Charme der Berliner Mitte kaum auffallen würde. Hier schlägt das eigentliche Herz der Audio Video Show. Saftige acht Etagen gilt es zu erkunden, und das mit Problemchen, die man als Hotelmesse-Dauerreisender zur Genüge kennt: Die vier Fahrstühle sind Hotelgästen vorbehalten. Bleibt ein einzelner Aufzug im abgetrennten Messetrakt, der sich zum notorisch überfrequentierten Anlaufpunkt entwickelte. Darüber kann man sich aufregen, man muss es aber nicht. Da die Ausstellungsetagen direkt aneinander anschließen, schraubt man sich Treppe für Treppe, Etage für Etage nach oben, immer wieder unterbrochen von den acht bis fünfzehn Räumen des jeweiligen Levels – das ist auch für Gehfaule zu schaffen.

Wir waren freilich nicht die einzigen Fremdkörper, die sich unters vorwiegend polnische Publikum mischten. Direkt beim Betreten der Messe lief uns Thomas Fischer in die Arme, der nach ausgiebiger Begrüßung erklärte, dass er sondieren wolle, ob die Messe nicht auch für Fischer & Fischer interessant sei. Er wäre im Erdgeschoss des Hotels gut aufgehoben. Hier liegen größere Salons, in denen Marken wie Avantgarde Acoustic mit teils hervorragenden Vorführungen vertreten waren. Armin Krauß führte eine farblich auf den Raum abgestimmte DUO Mezzo XD. Auch klanglich war die Wahl eine Punktlandung: An der hauseigenen Elektronik der Lautertaler hatte das Horn die knapp 100 Quadratmeter des Hörraums perfekt im Griff.

Bereits in der ersten Etage darüber wurde es exotischer. Natürlich stolperten wir immer wieder über Namen wie Dynaudio und Octave, die in einem stimmungsvollen Eckraum von Vertriebsmann Thomas Brieger vertreten wurden. Oder über alte Bekannte wie Kii, Manger, Audium und Auris, die man vom heimischen Markt kennt. Spannend waren vor allem die zahlreichen uns völlig unbekannten Markennamen, die vornehmlich aus Polen und Osteuropa stammen: Erzetich ist so ein Fall. Der slowenische Hersteller produziert noble Kopfhörer nebst passenden Verstärkern, die in urig-groben, aber äußert hochwertig aufgemachten Holzgehäusen stecken. Ebenfalls neu war für mich der Ideon-Wandler „Absolute D.A.C.“, ein pultförmiger Riese aus Griechenland, der sein Auditorium technisch, klanglich und optisch fesselte.

Teilweise hatte die Ausstellung im Sobieski das Flair eines improvisierten Happenings. Bei einem Produzenten namens „Project“ (nein, nicht die Österreicher) wurden praktisch alle Geräte mit offenen Gehäusen betrieben. Den Vogel schoss in dieser Hinsicht DIYaudio.pl ab, ein polnisches Selbstbauer-Forum, das für Bastelcharme sorgte. Sogar einen D/A-Wandler konnte ich erspähen, der, offen und auf einem Holzbrett montiert, stoisch tickte, arbeitete und die anliegende Taktrate auf einer Siebensegment-Anzeige darstellte. Sowas sieht man nicht jeden Tag. Wie er klang? Keine Ahnung, leider: In dem Raum herrschte ein derartiger Trubel, dass an konzentriertes Hören gar nicht zu denken war. Trotzdem gefiel mir der freakige Einwurf. Das Forum nutzt die Messe als Treffpunkt. Man kennt sich, fällt sich in die Arme, tauscht neue Ideen aus, lobt sich gegenseitig für besonders gelungene Frontplatten-Layouts und probiert gelegentlich eine der mitgebrachten Gerstenspezialitäten.

Die lebhafte polnische HiFi-Szene lockt Hersteller aus allen denkbaren Ländern an. In der fünften Etage lernte ich zum Beispiel Jorge Mata Falón kennen, ein Herr aus Valencia in Spanien, der seine koaxial bestückte Aktivbox „Stereo 3“ quer durch Europa gefahren hat, um Ausschau nach osteuropäischen Vertrieben und Händlern zu halten. Dabei bewies er ein Händchen für stilvolle Präsentation: Die Boxen standen völlig allein im Zimmer, die Quelle, ein nicht näher genannter Streamer mit geregeltem Ausgang, war nirgendwo zu entdecken. Auf Anhieb etwas verschossen habe ich mich derweil in die außergewöhnlichen Miniatur-Satelliten-Subwoofer-Systeme von Deeptime.limited, einem tschechischen Unternehmen. Die kompakten Monitore haben die Form von Nautilus-Schnecken und obwohl die Winzlinge auf dem Fußboden standen, musizierten sie raumfüllend, gelöst und verblüffend dynamisch.

Wenige Räume daneben ein weiterer Eye-Catcher: Der kanadische Produzent Tri-Art Audio tut, was Kanadier besonders gut können. Er fertigt Boxen, CD-Player und Plattenspieler aus Holz. Beim Dreher TA-0.5 bestehen sogar Teller und Tonarm aus Holz. Direkt daneben stand die ausladende „offene Schallwand“ der B-Serie, deren Chassis mit offenen Kupferleitern verdrahtet sind, die zur externen, auf dem Fußboden liegenden Frequenzweiche führen. Eine andere abgedrehte Begegnung hatte ich am Stand von Soundaware. Chinesen, die sich ohne nennenswerte Polnisch- oder Englischkenntnisse auf die Messe wagten, um die Kundschaft abzuklopfen. Kaum im Zimmer hatte ich ungefragt einen riesigen Sechs-Kilo-Hörer auf den Ohren. Wie ich mit reichlich Hand- und Fußkommunikation herausfinden konnte, kostet das gute Stück 10000 Euro – rekordverdächtig, wenn man mal von Sennheisers Orpheus-Projekt absieht.

Alles in allem kann man allein im Sobieski ein bis zwei Messetage verbringen, die garantiert nicht langweilig werden und sich am herrlich anderen Charakter dieser Hotelmesse laben. Dabei ist die Ausstellung nur eine von dreien. Rund fünf Fußminuten entfernt, gleich jenseits einer riesigen Kreuzung, liegt das Hotel „Golden Tulip“, dessen Vorführungen einen vollständig anderen Charakter haben. Dort gibt es fünf sehr große sowie drei kleinere Säle mit vornehmlich exklusiven und äußerst kostspieligen Ketten. Lampizator konnte man hier entdecken, eine Studer-Bandmaschine im Konglomerat mit Jadis-Endstufen oder die Elektronik von Audio Tekne, die praktisch nur aus Transformatoren besteht. In einem der kleineren Räume fiel mir FinkTeams Borg auf, die vollmundig an Thrax-Elektronik aufspielte. Das war eine der wenigen Vorführungen, in denen mir Transistor-Verstärker im Kopf geblieben sind. Die zahlenmäßige Überlegenheit von Röhrenelektronik war auf der gesamten Messe derart erschlagend, dass wir bereits am ersten Messetag überlegten, ob der Transistor-Amp ausstirbt. In Polen scheint sein Schicksal besiegelt zu sein.

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Die dritte Etappe nahm den gesamten Samstag ein. Die kurze Reise runter ans Ufer der Weichsel war kein Problem, da der Messeveranstalter einen Shuttle-Service eingerichtet hat, dessen Busse im 15-Minuten-Takt verkehren. Das Warschauer Narodowy ist wie viele moderne Stadien mit einer Vielzahl von VIP-Lounges und Kongressräumen ausgestattet und bietet ein unglaubliches Ambiente: Aus etlichen Zimmern genießt man einen großartigen Blick in die riesige Sportarena. Ich will gar nicht so sehr ins Detail gehen, da sich hier vornehmlich größere Anbieter tummelten, die man auch von unseren Messen kennt: Pioneer, Onkyo, Technics, Yamaha, Philips, Loewe, B&O, LG … die ganze Bandbreite eben. Durch das moderne Ambiente und den bunten Themenmix samt Smart-Home-Ausstellung fühlte ich mich augenblicklich an die IFA erinnert. Und zwar zu jenen Zeiten, als HiFi und High-End dort noch eine Rolle spielten, denn auch Hersteller wie AVM, Audio Physic oder Electrocompaniet waren mit teilweise sehr guten Vorführungen vertreten..

Ein klangliches Highlight war der Raum von Wilson Audio, in dem die Alexx an Relentless Endstufen von Dan D’Agostino ein wahres Dynamikgewitter entfachte. Kein Wunder, dass der Moderator vor allem perkussive Musik auswählte. Im Nachbarsaal spielte McIntoshs neue WRT1.1K, deren turmartige Erscheinung verblüfftes Staunen verursachte. Bei MBL herrschte derweil ein munteres Durcheinander. Die geordnete Präsentation hatte sich vollends aufgelöst, neugierige Besucher schlichen um die Anlage und machten aus allen denkbaren Winkeln Fotos von den Radialstrahlern der 101 X-treme und der Reference-Line. Entwickler Jürgen Reis hatte sichtlichen Spaß daran und kommentierte das sympathische Kuddelmuddel: „Ist doch klasse, so komme ich hier wenigstens mal raus.“

Audio Video Show Warschau 2018 by Carsten Barnbeck

Es waren am Ende aber nicht die Anlagen und Vorführungen, die mich am nachhaltigsten beeindruckten. Und dass, obwohl viele davon in den akustisch aufbereiteten Sälen des Stadions hervorragend funktionierten. Mein Fokus lag auf dem Publikum: Ganze Familien drängten sich durch die prall gefüllten Gänge des Narodowy. Väter mit ihren zehnjährigen Söhnen, die aufgeregt feixsten, als sie bemerkten, dass Yamaha am Rand seiner Präsentation die neuen 5000er-Komponenten dabeihatte. Man sah zudem viele Paare, bei denen offenkundig beide das Interesse für Elektronik teilten. Und das beste von allem: Das Durchschnittsalter der Messebesucher lag bei gefühlten 35 Jahren. Eindrücke, die man woanders leider vermisst. Hier wird HiFi noch als Erlebnis für die ganze Familie wahrgenommen.

Warschau ist definitiv anders!

 

Audio Video Show Warschau 2018 by Carsten Barnbeck

 

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www.audioshow.pl

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