FIDELITY Feedback: Prof. P.`s Rhythm and Funk Revue

Der Professor urteilte 2015 beinhart und amtlich über: Nina Attal, The Youth, New Orleans Suspects, Bo Saris, Devon Allman

Tja, Freunde, neulich war ich auf dem Flohmarkt der Heiterkeit, wo ich einen geheimnisvollen Karton entdeckte, ein abgetakeltes Kistchen, welches mit Aerosmith-, Kiss- und Europe-Aufklebern versehen war. Ich überwand die mir als reinherzigem Rhythm-and-Funk-Verkoster innewohnende Distanziertheit gegenüber Kasperletheater-Rock-Schmu und öffnete das Ding. Darin fand ich eine fast bezaubernde Sammlung längst vergessener Achtziger-Jahre-Metal-Metaphern, die im Pliozän der popmusikalischen Platten- und Konzertkritik verwendet wurden: „meterdicke Riffwände“, „amtlicher Opener“, „bretthartes Solo“ – solch Zeugs halt. Eine Mischung aus Nostalgie und vorübergehender dunkelster Polarnacht im Oberstübchen veranlasste mich, mir die alte Schachtel unter den Arm zu klemmen und mit nach Hause zu nehmen. Zunächst umtrieb mich die Frage: Wohin damit? Doch der Professor hat die Antwort. Bevor jemand anderes Unfug damit treibt und unleserliche Texte verfasst, von denen es auf dieser Welt schon viel, viel, viel zu viele gibt, streue ich einfach selbst hie und da eine kleine 80er-Metapher ein, bis nichts mehr da ist. Meine von literarischer Noblesse und poetischen Naturtalents durchzogenen Geniegedankensammlungen können das vertragen, ohne dass das Abendland untergeht. Festhalten, Freunde, es geht volles Rohr nach vorn.

Nina Attal

Nina Attal – Wha
Skip Records, 2014

 

Die Herzchirurgen unter Ihnen, verehrte Leser, mögen sich bereithalten: Kann sein, dass ich gleich reanimiert werden muss. Allein die Erinnerung an jenen winterlichen Betriebsausflug der Rhythm-and-Funk-Revue-Belegschaft, also der Prof. himself, verursacht ein solch Flimmern in allen 99 Kammern meines großen Herzens, dass die Magnetfelder des Planeten neu ausgependelt werden müssen. 22 Jahre jung und circa Einsfuffzich (inkl. Highheels) klein ist Nina Attal – und „rockt den Schuppen als gäbe es kein Morgen“ (diese Achtziger-Jahre-Konzertbericht-Formulierung wurde Ihnen präsentiert vom Whitesnake-Fanclub Bietigheim-Bissingen). Freunde, Freunde, es sind keine Prä- oder Post-Midlife-Crisis- und auch nicht Nabokov-Lolita-Reminiszenzen, die mir die Finger über die Tasten führen bei diesen Zeilen: Die junge Französin aus Paris spielt, als hätten James Brown und Prince auf gar unverständliche Weise eine Tochter gezeugt. Funkig, erdig und die nicht vorhandenen Taschen ihres Miniglitzerdings voll Soul. Live haut sie einen aus dem Anzug bevor man „Fuck!“ nur sagen kann – das Erlebnis lässt sich ohne Defibrillator zur Seite nicht in Worte fassen. Wha, ihre zweite Platte, wurde produziert vom Chic-Bassisten Jerry Barnes und aufgenommen in den legendären Avatar Studios zu New York, dort, wo schon Chaka Khan und Stevie Wonder spielten. Hört ‘rein: „Stop the Race“ ist Prince-Brown-Soul mit Sternchen, „Bring Me Back That Love“ zundertrockener Funk – und „People“ ein wahrhaft großes Slowfunksoulgospel-Opus. Shucks, Man!

The Youth

The Youth – Nothing But…
Dirty Water Records, 2014

So, anschnallen, Beifahrer des Professors. Im Schacht steckt R’n’B aus Kopenhagen – und zwar im Geiste von Chuck Berry, nicht von Timbaland. The Youth „brettern“ (auch so eine rhetorische Figur aus erwähntem Floskelkästchen) drauflos, dass Sie, geneigte Highendhörerschaft, vor den Lausprechern Ihrer Wahl besser die Ohrläppchen in die Hosentaschen stecken, damit es nicht zu Verwirbelungen in Nähe Ihrer sicher gut gestimmten Ohrtrompeten kommt. Das Debütalbum des dänischen Garagen-Beat-Blues-Quartetts poliert einem die Gehörschnecke, dass es eine Freude ist: Kaum ein Song misst mehr als zwei Minuten, und dennoch schaffen es die Gitarristen Jesper Agerbaek und Lasse Tarp locker, darin noch mindestens drei feine, ultraschnelle Soli zu verankern. Sänger Lasse singt, als würde er justament ein Beatles-Oasis-Bo-Diddley-Punk-Beat-Blues-Crossover-Projekt aus der Taufe heben wollen, und Trommler Sune Christian Thomsen scheint davon zu träumen, mal bei Dr. Teeth and The Electric Mayhem (Google schafft Aufklärung!) spielen zu dürfen. Bei Nothing But… brennt die Mundharmonika, das ist Rock-and-Roll mit nordeuropäischem Blueseinschlag – man kann sich fast vorstellen wie es anno dazumal gewesen sein muss, zum ersten Mal den Stones begegnet zu sein. Professorale Anspieltipps: „Come One“ und „Girls Like You“. Übrigens, für alle Völkerkundler mit Forschungsschwerpunkt Philippinen-Punk: The Youth ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Filipino-Rock-Ska-Band aus Manila.

New Orleans Suspects

New Orleans Suspects – Ouroboros
Louisiana Red Hot Records, 2014

Stammleser dieses kleinen Kompendiums verführerischer Rhythmen wissen: New Orleans ist die Seelenheimat des Professors, seit er in vorvergangenen Tagen an den Gestaden des Mississippi seine Seele in einem Topf mit Rote-Bohnen-Gumbo ertränkte. Und so folgt Eurem liebsten Vorverkoster nun, Patienten des guten Geschmacks, erneut nach Downunder Amerika an die Mündung des Ol’ Man River. Hier hat sich vor nicht langer Zeit eine Band zusammengefunden, deren zweites Studioalbum nun „am Start“ (Grüße vom Flohmarkt …) ist: Die New Orleans Suspects gelten als neue „Supergroup“ der Stadt, wegen der Referenzen ihrer gut situierten Mitglieder: Willie Green trommelte für die Neville Brothers, Bob Dylan und Paul Simon, Reggie Scanlon war bis zu ihrer Auflösung Bassist der Südstaaten-Rock-Dinosaurier Radiators, Saxophonist Jeff Watkins dirigierte zwölf Jahre lang die Band von James Brown, Gitarrist Jake Eckert lernte den Funk in Reihen der Dirty Dozen Brass Band, und der junge Keyboarder CR Gruver spielt sonst mit Meters-Gründungsvater Leo Nocentelli. Ouroboros vereint Funk, Blues und Karnevals-Rhythmen auf so entspannte Weise, da will man sogleich ein Flugticket in die Sümpfe buchen. „Cigarette Smile“ ist Bläser-Funk pur, „Things (In Your Mind)“ lässt ein Bar-Piano vor einer Tapete aus Soul und jaulender Blues-Gitarre klimpern. Und „Hoodoos And Cunyans“ beschwört die Voodoo-Geister jenes Funk-Atlantis, das ja einen guten Meter unterhalb des Meeresspiegels und tausend Meter tief im Underground des American Mainstreams liegt. Swing those hips, Baby!

Bo Saris

Bo Saris – Gold
Decca/Universal Music, 2014

Tja, die Casting-Shows … Häuptling lachende Lederhaut vom Stamme der Bohlens sucht nun schon seit dem letzten Jahrhundert nach einer Goldkehle mit nachhaltigem Charterfolg, und auch bei sämtlichen Voice-Versuchen ward bislang kein Star geboren. In den Niederlanden geht’s offenbar anders. Ein junger Mann namens Boris Titulaer gewann die örtliche Ausgabe einer dieser Shows, benannte sich um in Bo Saris und wird nun als Reinkarnation von Curtis Mayfield gefeiert. Zugegeben, der Professor war mehr als skeptisch, ob der das Debüt Gold seinem geliebten Highend-Abspielorgan anvertrauen sollte. Hat sich aber gelohnt – bedingt. Der Mann kann singen, mit einem Mayfield-Gedächtnis-Falsett, dass mir die Gänsehaut das Hemd vom Leibe sprengt. Songs wie „Only God Knows“, „She’s On Fire“ und „Get To Know You Better“ grooven so relaxt und rein und fein, da möchte man kein schlechtes Wort verlieren. Muss man dann aber doch: Der überfliegende Holländer wurde für die Gold-Aufnahmen nach Los Angeles verbracht, wo sich Dre Harris seiner annahm, Produzent unter anderem von Michael Jackson, Mary J Blige und Usher. Die Plattenfirma ließ daraufhin verlautbaren, dass Saris in diesem Umfeld „eine wunderbare Balance zwischen Tradition und Moderne“ gelungen sei. Da widerspricht der Professor und zeigt mit hoch erhobenem Finger auf sein an der Wand hängendes Rhythm-and-Funk-Diplom der Marvin-Gaye-Universität von Funkytown, Hauptstadt von Soulistan. Ab Song sieben, und es sind insgesamt 15, verliert sich das Werk im Durchschnittsquark zwischen Halbfett- und Magerstufe.

Devon Allman

Devon Allman – Ragged & Dirty
Ruf Records, 2014

So, kleines Spielchen: Wer unter den aufmerksamen High-End-Zuschauern weiß, wo er in der jüngeren Vergangenheit die Worte Devon sowie Allman in trauter Zweisamkeit gesehen hat? Gemach, bevor das konzentrierte Aufkommen von Déjà-vus im Lesezirkel diese schöne Kolumne hier zum Implodieren bringt, verrate ich: Ja, es war genau hier, in des Professors feiner Revue, und zwar im Rahmen der Begutachtung des neuen Werks der Royal Southern Brotherhood aus New Orleans. Nun hat Bandmitbegründer Devon Allman mit Ragged & Dirty sein zweites Solo-Album aus der Wiege gehoben: „Beinhartes Brett“ (proudly presented by Europe-Freunde Rendsburg-Altstadt), möchte man sagen. „Half the Truth“ orgelt so extrovertiert drauflos, als habe man dem guten Devon gerade sein Ritalin entzogen. „Traveling“ präsentiert Bluesrocksoul mit einer dezent funkyfunky Rhythmus-Gitarre, die Ahnenlinie zu Vater Gregg und Onkel Duane, Begründer der Allman Brothers Band, liegt glänzend vor uns im Südstaatensonnenlicht. Besonders empfehlenswert: Das neunminütige „Midnight Lake Michigan“, ein Tribut an Chicago, wo die Platte aufgenommen wurde – und eine gelungene Revitalisierung einer halbvergessenen Disziplin, der der ausufernden Bluesballade. Und außerdem eine Mischung von Voodoo-Zauber aus New Orleans und einem Siebziger-Santana-Sexplattenpsychedelicblues. Produziert wurde die „Scheibe“ (Achtung, Retro-Sprachbild!) von Drummer und Songschreiber Tom Hambridge, der schon Johnny Winter, Buddy Guy, Susan Tedeschi und George Thoregood betreute. Man merkt’s.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 18 (2/2015)

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