Reportage: Auge und Ohr in Berlin

Perfektionismus im Dienste des Klangs

Bilder: Stefan Schulwitz

Beim Betreten des Ladengeschäfts Auge & Ohr ist sofort offensichtlich, dass sein Inhaber ein Mensch mit zahlreichen Leidenschaften ist: Schaufenster und Regale werden von Filmfiguren wie dem Terminator und Rocky Balboa bevölkert, im Vorführraum begrüßen einen große Dinosaurier und King Kong höchstpersönlich, selbst im Badezimmer lauern futuristisch-surrealistische Alien-Skulpturen von HR Giger. Neben den Figuren beherbergt der Hörraum eine Sammlung von rund 5000 LPs, die wie in einem Plattenladen präsentiert werden. Bei näherer Betrachtung der Regale offenbart sich dann auch eine beeindruckende Blu-ray- und DVD-Kollektion, die endgültig klar stellt, dass der Herr über dieses Reich nicht nur musikverrückt, sondern auch Filmaficionado ist.

Auge und Ohr

Der Filmaficionado Thomas Mewes betreibt seinen Laden “Auge und Ohr” in Berlin seit 1995

Thomas Mewes stellte schon in jungen Jahren fest, dass ihn die meisten Dinge, von denen sich andere angetan zeigten, nicht zufriedenstellen konnten. Als 16-Jähriger besserte der Berliner sein Taschengeld auf, indem er für ein TV- und HiFi-Geschäft Fernseher austrug. Nebenbei ließ er sich vom Besitzer des Ladens, der Mewes’ Interesse für technische Dinge zu schätzen wusste, in die Details des Innenlebens von Audiogeräten einweihen. Zugleich wirkte die Beschäftigung mit HiFi als Katalysator für die Entwicklung seiner Begeisterung für verschiedenste Arten von Musik. Bald begann er, selbst Lautsprecher zu bauen, die er in akribischem Forscherdrang stetig verbesserte und an seine Mitschüler verkaufte. Viele an seiner Stelle hätten spätestens zu diesem Zeitpunkt den Entschluss gefasst, ihr Hobby eines Tages zum Beruf zu machen. Was Thomas Mewes motivierte und anspornte, war aber von Anfang an nicht das Ziel, seine Arbeit in klingende Münze umzusetzen, sondern schlicht der Wunsch, für sich und andere einen Lautsprecher zu konstruieren, der Musik so wiedergibt, wie sie sich natürlicherweise anhört.

Auge und Ohr

Thomas Mewes gibt sich meist bescheiden, trotzdem hält er sein Lautsprechersystem Ultimate State of the Art Reference 1 für “den besten Lautsprecher der Welt”

Nach dem Abschluss der Realschule dienten ihm seine immer ausgefeilteren Schallwandler zwar weiter als Einnahmequelle, daneben ging Mewes aber zunächst diversen Berufen nach, ehe er sich in den 1980er-Jahren entschloss, Familientherapeut zu werden. Parallel dazu eröffnete er Anfang der Neunziger gemeinsam mit seinem Vater sein erstes Geschäft. 1995 hatte der vielfältig interessierte Tüftler schließlich genug davon, sich mit den Beziehungsproblemen anderer Menschen zu befassen, und widmete sich fortan mit seiner Firma Auge und Ohr in Berlin-Schöneberg hauptberuflich der Konstruktion und Reparatur von Lautsprechern sowie dem Tuning von HiFi- und Heimkinoketten.

Als Grund für seine angeborene Fähigkeit, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen beim Hören eines Audiosystems sofort dessen klangliche Schwächen zu erkennen, nennt der Autodidakt sein „exzentrisches Gehirn“: Da er sich immer schon gefragt hatte, was bei ihm anders als bei anderen war, unterzog er sich einer funktionellen Magnetresonanztomografie. Dabei stellte sich heraus, dass sein Gehirn eine ungewöhnlich hohe Aktivität im Broca-Areal im Frontallappen der Großhirnrinde aufweist, das als ein Hauptbestandteil des Sprachzentrums gilt und unter anderem für die auditive Wahrnehmung zuständig ist. Laut einer in den 1990er-Jahren durchgeführten Studie zählen nur etwa 0,01 Prozent der Weltbevölkerung zu den Exzentrikern, bei denen es sich nicht nur um überdurchschnittlich intelligente und kreative Nonkonformisten, sondern auch um außerordentlich optimistische und idealistische Menschen handelt, die von Neugier statt von materiellen Erfolgen angetrieben werden und den Wunsch verspüren, die Welt zu verbessern – alles in allem eine recht treffende Beschreibung des leidenschaftlichen Lautsprecheroptimierers.

Auge und Ohr

Thomas Mewes erläutert seine Vorstellungen von gutem Klang …

Das Herzstück von Mewes’ Hörraum bildet das von ihm konstruierte Fünf-Wege-System Ultimate State of the Art Reference 1, das er selbstbewusst als „besten Lautsprecher der Welt“ bezeichnet: Nach 31 Jahren Entwicklungsarbeit sei es ihm damit endlich gelungen, eine wahrhaftige Musikwiedergabe zu erreichen. Bei der Abstimmung der Frequenzweiche ließ Mewes befreundete Musiker in seinem Hörraum verschiedenste Instrumente spielen und verglich deren Klang immer wieder mit über die Lautsprecher wiedergegebenen Aufnahmen. So viel Akribie hat freilich ihren Preis: Für die rund 800 Kilogramm schweren, etwa 1,70 Meter hohen Boxen mit Sandwichverbundgehäusen müssen inklusive Bi-Amping-Verkabelung 570.000 Euro investiert werden, eine größere, 1400 Kilogramm schwere Version schlägt mit 970.000 Euro zu Buche. Laut Mewes liegt allein der Wert der Kabel bei 45.000 Euro. Insgesamt will er von seinen „ultimativen“ Lautsprechern nicht mehr als sieben Paare fertigen, wobei er es zur Bedingung macht, dass Käufer auch Liebe zur Musik und zum guten Klang mitbringen. Wer lediglich nach einem teuren Prestigeobjekt sucht, kann sich den Weg in seinen Laden sparen.

Musikliebhabern, die nicht über das nötige Kleingeld für die USotAR 1 verfügen, bietet Mewes an, in Anpassung an ihren Geldbeutel das klanglich Maximale aus ihrer Anlage herauszuholen. Der Perfektionist legt Wert auf die Feststellung, dass er im Gegensatz zu anderen Reparatur- und Tuningdiensten niemals eine Maßnahme durchführen würde, die nicht zu einer klanglichen Verbesserung führe. Nach seinen Erfahrungen gebe es aber so gut wie kein HiFi-Gerät, das sich nicht durch den Austausch bestimmter Bauteile wie Spulen oder Kondensatoren klanglich deutlich verbessern ließe. So würde selbst bei Lautsprechern der höchsten Preisklassen bei Frequenzweichen und Schaltungen in nicht nachvollziehbarer Weise gespart. Als Konsequenz daraus hat Mewes die beiden Frequenzweichenschaltungen PPF und HDPPF entwickelt (wobei PPF für „Puristische Perfektionsfrequenzweiche“ und HD für „High Definition“ steht). Ein weiterer Grund dafür, dass die große Mehrzahl der im Handel angebotenen Geräte ihr klangliches Potenzial nicht ausschöpfe, liege in der unzureichenden Qualität der Verkabelung. Zu Mewes’ Standardmaßnahmen beim Tuning wie auch bei Reparaturen zählt daher der Austausch der Verkabelung durch seine selbst entwickelten A&O-Kabel. Das Nonplusultra stellen dabei die nach seinen Worten „revolutionären“ USotAR-Kabel dar: Im Laufe seiner langjährigen Entwicklungsarbeit auf der Suche nach einem Leiter, der keinerlei Einfluss auf das Klangsignal nimmt, landete Mewes bei einem Hybridkabel aus Reinkupfer und einer Silber-Gold-Legierung, die aus 99 Prozent Reinsilber und 1 Prozent Gold besteht. Zur Fertigung seiner Kabel greift er auf Reinkupferleiter des US-amerikanischen Herstellers Kimber Kable der höchsten Qualität „Select“ zurück.

Auge und Ohr

… Reporter Patrick Pohlmann folgt Mewes’ Ausführungen mit großem Interesse

Zur Vorführanlage gehören auch ein 11.2-Dolby-Atmos-/DTS:X -Surround-System und eine zwischen den Boxen aufgehängte Beamerleinwand, auf die Thomas Mewes beim Hörtest zunächst einige Ausschnitte aus Musik-Blu-rays projiziert, um den authentischen 3D-Sound zu demonstrieren. Kraftwerk-Videos verschaffen einen ersten Eindruck von der außerordentlichen Dynamik und Räumlichkeit des Systems. Als über die Frontlautsprecher von Mewes’ ebenfalls selbstentwickeltem Schallplattenlaufwerk Muddy Waters und die Cowboy Junkies erklingen, kann man sich mit geschlossenen Augen der Illusion hingeben, die verstorbene Blues-Legende und die Alternative-Country-Ikonen hätten ihre Mikrofone unmittelbar vor dem Sweet-Spot aufgebaut. Am Ende der viel zu kurzen Hörsession steht für mich fest, dass dies, auch wenn ich wohl nie die monetäre Grundbedingung für einen Erwerb dieser Lautsprecher erfüllen werde, auf jeden Fall nicht mein letzter Besuch bei Auge & Ohr gewesen sein wird.

Auge und Ohr

Welcome to the jungle: In Thomas Mewes’ Laden “Auge und Ohr” sieht es anders aus, als in einem typischen HiFi-Geschäft.

Auge und Ohr

Kolonnenstraße 28

10829 Berlin

Telefon: 030 78 71 93 43

 

www.augeundohr-berlin.de

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