Album-Doppel: Souverän weit draußen

Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. „Gecovert“ werden auch Plattenhüllen. Das gecoverte Cover – ist es witzige Anspielung oder respektvolle Verehrung, Parodie oder tieferer Sinn?

Dieses Cover sorgte 1957 für eine Menge Aufregung. Ausgerechnet Sonny Rollins, der coole New Yorker, der urbane Afroamerikaner, der junge Saxofon-Koloss, der neue „Boss of the Tenors“, der starke Protagonist des selbstbewussten schwarzen Ostküsten-Hardbop – er steht da in einer stadtfernen Wildwestlandschaft, gekleidet in Cowboy-Kluft, einen Revolvergürtel umgeschnallt, das Saxofon als Waffe in der Hand. Wie eine Klischeefigur aus einem Hollywood-Western. Tatsächlich war der Produzent des Albums, Lester Koenig, vormals Filmproduzent gewesen. Die Cowboy-Utensilien stammten angeblich aus seiner persönlichen Sammlung. Koenig beeilte sich dann zwar zu betonen, dass das Coverfoto Rollins’ Idee war – aber das machte das Entsetzen bei Rollins’ Freunden in New York nicht kleiner. Sie waren überzeugt: Sonny Rollins hatte sich für einen Hollywood-Gag verkauft. Der Musiker bekam das Entsetzen zu spüren und suchte einen Sündenbock. Er fand ihn damals im Fotografen, dem legendären William Claxton. Der hatte ihn im Porsche hinaus in die Mojave-Wüste gefahren zum Foto-Shooting. Der hatte dieses abscheuliche Foto gemacht.

Album-Doppel

Sonny Rollins – Way Out West
Contemporary/OJC, 1957

Aber es war ja auch eine besondere Gelegenheit: Der Titel Way Out West deutet es an. Zum ersten Mal befand sich Rollins in Kalifornien – auf Tournee mit der Band von Max Roach. Und der damals 26-jährige Saxofonist fand den Westen so aufregend, dass lauter Jugenderinnerungen an alte Westernfilme wach wurden. Als Lester Koenig ihm eine Plattenaufnahme vorschlug, hatte Rollins sofort die Idee, ein paar einschlägige Western-Songs aufzunehmen, Stücke wie „I’m An Old Cowhand“ von 1936 und „Wagon Wheels“ von 1934. Denn das war ja Rollins’ Spezialität: spießige Melodien in hippen, modernen, aggressiven Jazz zu verwandeln.

Was soll man sagen? Er fühlte sich da in Kalifornien offenbar wirklich ein bisschen wie eine Figur aus einem dieser Western – ungebunden in seinen Entscheidungen, unangreifbar, souverän. „Wenn ich als Kind diese Filme sah“, erzählte er später, „identifizierte ich mich am meisten mit dem einsamen Helden, der von Stadt zu Stadt ritt, um Ordnung zu schaffen.“ Rollins genoss seinen vorübergehenden Outlaw-Status so sehr, dass er nicht mal die Kollegen in der Roach-Band einweihte. Koenig vermittelte ihm stattdessen Ray Brown (Bass), der gerade mit Oscar Peterson in L.A. war, und Shelly Manne (Drums), den großen Helden der Westcoast-Szene. Beide waren viel beschäftigt, deshalb startete die Studiosession um drei Uhr in der Nacht. Sie dauerte bis kurz vor High Noon. Am Ende hat der kleine Ausritt ins Cowboyland Rollins nicht geschadet. Die Platte gehört zu seinen besten und unterhaltsamsten. Und das Cover sieht man heute eher wie einen ironischen Kommentar zu all den Lobhudeleien, die Rollins damals über sich las. Der Kritiker Nat Hentoff zum Beispiel hatte schon vorher geschrieben: „Seine Ideen brechen aus seinem Horn mit der Kraft von Pistolenkugeln.“ Na eben: ein echter Revolverheld.

Album-Doppel

Sandra Weckert – Way Out East
Jazzfiles/NRW, 2001

Auch Sandra Weckert kann ganz schön kraftvoll losschießen – auf ihrem Instrument, dem Altsaxofon, versteht sich, aber manchmal auch mit ihrem Mundwerk. Im Booklet heißt sie wohlbedacht „eine kämpferische junge Frau“. Sie selbst sagt: „Ich bin Widder. Ich muss immer das tun, was verboten ist.“ Laut Aussage ihrer Mutter war Sandra schon „penetrant von Geburt“. In ihrer Jugend in der DDR eckte sie sogar bei der FDJ an und bei der Stasi, aber dann kam zum Glück die Wende. Später hat Sandra Weckert einige Jahre lang mit ihrer Musik die Leute provoziert, mit dem fantasievollsten, verrücktesten, abgefahrensten Sextett-Jazz zwischen Bop, Cool und Free. Auch ihr „eigentliches“ Debüt-Album Way Out East von 2001 bietet Attraktionen am laufenden Band: verwirrte Melodielinien, einen launenhaften Kontrapunkt, wunderschöne falsche Töne. Berüchtigte Berliner Jazz-Anarchisten wie Rudi Mahall und Johannes Fink halfen mit. „Es gefällt mir, ein Freak zu sein“, sagte die Saxofonistin einmal gegenüber einem großen deutschen Nachrichtenmagazin.

Album-Doppel

Anders als Sonny Rollins schöpft Sandra Weckert ihre Souveränität nicht im Westen, sondern im Osten. Sie ist das unangreifbar selbstbewusste Cowgirl aus MeckPom. Statt Cowboyhut: ein Kopftuch. Statt Patronengürtel: Gummistiefel. Statt Mojavewüste: Tante Mariechens Acker bei Jabeln am Jabelner See. Und dann noch die berühmte blaue Kittelschürze aus Dederon – das war das Perlon der DDR. Auch dieses Cover sorgte für Aufsehen, aber nicht für Entrüstung, eher für heitere Erleichterung. Endlich einmal nahm jemand in Deutschland den Jazz nicht bierernst, sondern mit Witz ernst. Sandra Weckert gab dem Jazz den Spaß zurück, die Energie und das Unbedingte. Sie mischte die Szene auf – mit dem wilden Mut, über Grenzen zu gehen, Kopfschütteln zu ernten, als schräges Huhn zu gelten. „Eine geile Zeit“ sei das damals gewesen, findet sie, die einst als einsame Heldin von Stadt zu Stadt ritt, um im Jazz aufzuräumen.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 18 (2/2015)

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