Wütende Hummeln, Fledermausfrequenzen und Auftritte am Abgrund

Die schönsten und schrägsten Rekorde aus der erstaunlichen Welt der Musik. Teil 5: Musiker

Hochleistungsdrumming

Musik ist kein Sport, möchte man meinen. Es geht um Kunst! Ausdruck! Große Gefühle! Virtuosität! Und nicht etwa darum, höher, schneller, weiter zu sein als alle anderen. Oder doch?

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Der Drummer Peng Wang aus China schaffte 2014 sagenhafte 1049 Schläge und wurde damit Sieger in der Kategorie “Single Stroke”.

Man kann das mit der Musik auch ganz sportlich sehen. Besonders Schlagzeuger tun das gern – und betreiben eine Art Hochleistungstrommeln in puncto Geschwindigkeit oder Dauer. Bei Ersterem unterscheidet die „Extreme Sport Drumming Organization“ zwischen zwei Disziplinen: Beats-per-Minute-Handspielrekorde bei der „Battle of the Hands“ und Beats-per-Minute-Fußspielrekorde bei der „Battle of the Feet“. Sieger in der Kategorie „Single Stroke“, also Einzelschlägen mit der Hand, war im Jahr 2014 der Drummer Peng Wang aus China: Er schafft 1049 Schläge pro Minute. Das sind über 17 Schläge in der Sekunde. Klingt anstrengend. Aber dafür ist es immerhin schnell vorbei.

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Man kann ein Schlagzeug auch als Sportgerät betrachten

Viel, viel anstrengender dürfte es sein, das längste Schlagzeugsolo der Welt zu spielen. Derzeit ist der Amerikaner Russ Prager bereits zum dritten Mal als Rekordhalter etabliert. 2003 begann er mit vergleichsweise bescheidenen, seinerzeit aber rekordhaften 58 Stunden, bis er im Jahr 2008 vom Iren Allistor Brwon entthront wurde. Der trommelte gleich vier Tage am Stück, insgesamt 102 Stunden, was aber Russ Prager nicht auf dem Drumhocker sitzen lassen konnte. Er trommelte einfach noch mal knapp einen Tag länger und erhöhte auf 120 Stunden. Ob er sich geärgert hat, als im Jahr 2011 der Kanadier Steve Gaul eine Stunde länger schaffte? Aber ein Jahr später spielte sowieso der Indonesier Kunto Hartono vom 27. Dezember bis zum 1. Januar für insgesamt 122 Stunden und 25 Minuten. Wieder ein Jahr später war Russ Prager erneut am Start und erhöhte auf bislang ungebrochene 135 Stunden. Dieser Rekord ist zwar wegen einer Unterbrechung des Videostreams nicht offiziell anerkannt worden, aber der 60-Jährige hat wirklich so lange getrommelt. Und für einen guten Zweck: zum Spendensammeln für die Katastrophenhilfe des Roten Kreuz.

 

Hummeln im Finger

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Nikolai Rimski-Korsakow

Die Originalkomposition gibt das rasche Tempo von 180 Viertelschlägen pro Minute vor. Manchen reicht das noch nicht. Besonders beliebt für Rekordversuche ist der Hummelflug von Nikolai Rimski Korsakow. Seinerzeit für Orchester komponiert, finden vor allem Geiger und Gitarristen die Komposition heute unwiderstehlich. Der Schnellste bei den Geigern ist derzeit der Violinist Ben Lee, der 2010 das Stück in 64,21 Sekunden spielte und damit David Garrett vom Thron stieß, dem zuvor mit 65,25 Sekunden der Titel gebührte.

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So porträtierte Walentin Alexandrowitsch Serow Nikolai Rimski-Korsakov im Jahr 1898.

Wer bei den Gitarristen der Allerschnellste ist, lässt sich kaum herausfinden, zu viele Videos kursieren im Netz und ein offizieller Rekord ist nicht verzeichnet. Für sich in Anspruch, der Schnellste zu sein, nimmt der Inder Vahid Iranshahi, der den Hummelflug bei 350 bpm (beats per minute) spielen kann. Im Internet wird zwar diskutiert, ob das Video ein Fake ist, technisch möglich ist die Geschwindigkeit aber noch. Und es klingt sogar, wie es soll: nach einem Schwarm Hummeln. In diesem Tempo nach einem Schwarm sehr schneller und irgendwie wütender Hummeln.

 

Hoch hinauf, Kategorie I – Auftritt in dünner Luft

Ungewöhnliche Auftrittsorte sind eine Leidenschaft des Pianisten und Sängers Stefan Aaron. Im Rahmen der „Orange Piano Tour“ hat er schon auf der Chinesischen Mauer gespielt, erschreckend nah an der Kante der gigantischen norwegischen Felsplattform Preikestolen und auf einer Art künstlichem fliegendem Teppich auf dem Münchner Flughafen.

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Stefan Aaron bespielte 2011 den Schweizer Gipfel des Alphubels und erzielte damit den Rekord für die höchste Piano-Performance.

Und im Jahr 2011 auf dem Schweizer Berg Alphubel (bei Saas Fee) auf 4206 m Höhe. Dieses war die erste Station, und mit ihr erzielte der Musiker den Rekord für die höchste Piano-Performance, die je gegeben wurde. Die Höhe sowie der Ausblick auf hochalpine Gipfellandschaften dürfen durchaus als atemberaubend bezeichnet werden. Trotzdem hatte Aaron noch genügend Luft, nicht nur zu spielen, sondern auch zu singen – eine neue Ballade mit dem fast schon pathetisch gut passenden Titel „Doing The Undoable“.

 

Hoch hinauf, Kategorie II – Singen mit Fledermäusen

Die Musikwebsite Vintage Vinyl News weist zu Recht darauf hin, dass das Schielen auf den Stimmumfang allein irgendwie Quatsch ist. Weil der noch gar nichts über die Qualität des Gesangs aussagt. Das ist vollkommen richtig und argumentativ leicht zu belegen. Geht es nur nach dem Stimmumfang, dann liegt vor Adele, Björk oder Frank Sinatra nämlich ausgerechnet Justin Bieber. Einen Blick darauf zu werfen, zu was eine menschliche Stimme in der Lage ist, lohnt aber trotzdem. Eineinhalb bis zwei Oktaven schafften untrainierte Nichtsänger. Die Callas schaffte drei, die Peruanerin Yma Sumac vier. Axl Rose und Mariah Carrey, die auf so mancher Stimmumfang-Rekordeliste ganz oben stehen, decken beeindruckende fünf Oktaven ab und es klingt, musikalische Geschmacksfragen außer Acht gelassen, immer noch nach menschlicher Stimme und sogar nach Singen.

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Tim Storms Stimme verfügt über einen Umfang von zehn Oktaven – Weltrekord!

Nicht mehr zu hören ist der höchste Ton der offiziellen weiblichen Weltrekordhalterin. Georgia Brown aus Brasilien hat einen Stimmumfang von acht Oktaven. Von Sachverständigen gemessen und jedes Jahr aufs Neue im Guiness-Buch beglaubigt. Dieser Umfang entspricht dem Tonumfang eines ganzen Klaviers, ihre Stimme liegt aber höher. Der höchste Ton, den Georgia Brown jemals erreicht hat, liegt beim siebengestrichenen G – mehr als zwei Oktaven über der höchsten Klaviertaste. Und damit in einem Frequenzbereich, der für das menschliche Ohr nicht mehr hörbar, sondern nur noch mit Geräten messbar ist. Hunde und Katzen allerdings könnten Georgia in diesen Höhen noch singen hören, ebenso natürlich Fledermäuse.

Auch Tim Storms kann mit Tieren singen, zwar nicht mit Fledermäusen, aber mit Elefanten, die sich in besonders tiefen, für Menschen nicht mehr hörbaren Frequenzen verständigen. Der US-Amerikaner hält den Weltrekord im tiefsten gesungenen Ton: Es ist ein G, acht Oktaven unter dem tiefsten G eines Klaviers, oder auch 0,189 Hertz. Für Menschen ist das nicht mehr hörbar, es ist aber ebenfalls gemessen worden. Und noch einen zweiten Rekord hält Tim Storms: er ist der Mann mit dem größten Stimmumfang. Konkret bedeutet das: zehn(!) Oktaven. Höher hinauf als er kommt allerdings der australische Sänger Adam Lopez Costa, Weltrekordhalter in der Disziplin „höchster von einem Mann gesungener Ton“. Dieser Ton, ein fünfgestrichenes Cis, liegt einen Halbton über der höchsten Note eines Klaviers und damit ausnahmsweise noch im hörbaren Bereich.

 

Rekorderekord

Man kann ihn bemitleidenswert, größenwahnsinnig, weltfremd oder auch einfach nur blöd gefunden haben. Aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass er den Titel „Erfolgreichster Unterhaltungskünstler aller Zeiten“ verdient hat: Michael Jackson.

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Erfolgreichster Unterhaltungskünstler aller Zeiten – Michael Jackson

Um nur ein paar seiner Rekorde zu nennen: Das allein in Amerika mit 29 Millionen, weltweit mit 100 Millionen Auflage am häufigsten verkaufte Album der Welt (Thriller). Die meisten Nummer-eins-Hits eines Sängers in den USA (13). Die meisten Alben mit einem Einstieg in die US-Charts von null auf eins (vier). Höchstdotierter Plattenvertrag aller Zeiten (900 Millionen Dollar mit Sony Music). Die meisten Nummer-eins-Hits gleichzeitig auf einem in den USA erschienenen Album (fünf). Weltrekord an gleichzeitig erhaltenen Grammy Awards (1984, acht Stück). Teuerste Videoproduktion aller Zeiten („Scream“, sieben Millionen Dollar). Und so weiter und so weiter. Erwähnenswert ist aber auch, dass Michael Jackson bis heute der Popstar ist, der die meisten Wohltätigkeitsorganisationen mit seinem Namen und finanziell unterstützte. Das ist doch mal ein wirklich sinnvoller Rekord.

 

Oh Sweet Lorraine

Die schönsten, rührendsten und poetischsten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Etwa die Geschichte von Fred Stobaugh. Der ist Jahrgang 1917, lebt in Illinois, und verliert im Jahr 2013 nach 75 Jahren gemeinsamem Leben seine Frau.

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Fred Stobaugh schrieb “Oh Sweet Lorraine” für seine verstorbene Frau und wurde darauf mit 96 Jahren zum ältesten Menschen, der jemals in den Billboard Charts vertreten war.

In seiner Trauer setzt er sich hin und schreibt ein Lied, und als ein örtliches Tonstudio einen Talentwettbewerb ausschreibt, schickt er es hin. Nicht per Internet wie alle anderen, sondern per Post. Die Betreiber des Studios sind von seinen Zeilen so angetan, dass sie das Lied produzieren – und einen Hit generieren, der Fred Stobaugh mit 96 Jahren zum ältesten Menschen macht, der je die Billboard Charts erreichte. Die sonst ja nur von Jungspunden belegt werden, die leichtbekleidet und popowackelnd Nichtigkeiten vor sich hinträllern. Da ist „Oh Sweet Lorraine“ nicht nur eine schöne Abwechslung, sondern auch irgendwie beruhigend: Auch in einer künstlichen und unauthentischen Popowackelwelt ist manchmal Platz für echte Gefühle. Den Wettbewerb hat Fred Stobaugh damit zwar nicht gewonnen. Aber darum ging es auch nicht. Inzwischen hat Fred zusammen mit dem Greenshoestudio einen zweiten Song produziert; er heißt „Took Her Home“.

 

Menschenskind!

Mit drei Jahren spielte er auf einem elektrischen Spielzeugklavier mit verschiedenen Sounds und Licht. Als plötzlich Radiomelodien erklangen, glaubte seine Mutter zunächst, ihr Sohn habe den Wiedergabeknopf gedrückt und das Gerät würde einprogrammierte Songs spielen. Aber es war nicht das Gerät. Die Eltern engagierten einen Klavierlehrer.

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Wunderkind Ethan Bortnick: Klavierunterricht mit drei, erste Konzerte mit sechs, erste Tournee mit neun Jahren.

Nur drei Jahre später begann Ethan Bortnick, Konzerte zu geben und im Fernsehen aufzutreten. Wieder drei Jahre später, mit neun Jahren, wurde der junge Amerikaner ukrainisch-stämmiger Eltern im Guinessbuch der Rekorde als jüngster Musiker und Entertainer, der je Headliner seiner eigenen Tour war, verzeichnet. Mit zunehmendem Alter wird es logischerweise schwieriger, Rekorde im Jungsein aufzustellen, aber angesichts der bisherigen Karriere des mittlerweile 13jährigen Ausnahmemultitalents – zahllose Fernsehauftritte, nationale Tourneen, Plattenaufnahmen, die Hauptrolle im Film Anything Is Possible, wo er gleichzeitig an der Filmmusik beteiligt war, und einiges mehr – ist so ein Eintrag auch nur ein aufsehenerregendes Detail von vielen.

 

 

Links, Infos, Hörproben

www.extremesportdrumming.com

www.vintagevinylnews.com

georgiabrownonline.wordpress.com

timstormsvo.com   

www.adamlopez.com

„Oh Sweet Lorraine“ – feat. Jacob Colgan & Fred Stobaugh (Green Shoe LLC 2013)

 

Weitere Teile der Serie finden Sie HIER oder HIER bzw. DA

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 18 (2/2015)

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