Musiklexikon: U wie Uilleann Pipes

Uilleann PipesUnter den Dudelsäcken oder Sackpfeifen sind die Uilleann Pipes [sprich: Illenn Paips] das schicke Luxusmodell. Sie bieten ein Maximum an Technik, ein Maximum an Ausdruck. Nur bei der Lautstärke hapert es ein wenig, denn der Ton ist fein, vornehm, elegant – für geschlossene Räume gedacht, mehr Oboe als Schalmei. Was ist das für ein Unterschied: Der grobe schottische Dudelsackbläser muss beim Spielen stehen oder gehen und ständig die Wangen aufblasen wie ein Ochsenfrosch. Der kultivierte Uilleann-Pipes-Spieler dagegen sitzt menschenwürdig da, Mund und Gesicht sind frei, und hält sein Instrument fast wie eine zierliche Schoßgeige. Anstatt zu blasen, muss er nur mit dem rechten Ellenbogen ein wenig pumpen, daher der Name „Uilleann Pipes“: Ellenbogen-Pfeifen. Am rechten Oberarm ist nämlich der Blasebalg befestigt, der die Luft in den Luftsack drückt. Dieser wiederum steckt unterm anderen Arm und braucht kontinuierlichen Druck, damit die Luft gleichmäßig in die Melodie-„Pfeife“ strömt.

Uilleann PipesEs heißt, die Iren hätten ihr elegantes Zimmermodell nicht freiwillig erfunden. Unter der englischen Vorherrschaft wurde die irische Kultur unterdrückt – also versteckte man sich zum Sackblasen im Intérieur der Häuser. Die kleineren Dimensionen hatten dabei interessante Nebeneffekte. Zum Beispiel kam kaum mehr Feuchtigkeit an die Melodiepfeife, weil der Mund jetzt aus dem Spiel war. Also konnte man die Pfeife, den „Chanter“, zierlicher gestalten, feinnerviger, technischer, oboenartiger. Heute erlaubt der Chanter, der meist in D-Dur gestimmt ist, einen Tonumfang von zwei bis drei chromatischen Oktaven, dazu einen flötenleichten, schmerzlich-süßen Ton und eine Vielzahl anrührend expressiver Spieltechniken – Stakkato, Tremolo, Glissando, raffinierte Vorhalte. Zum „Full Set“ gehören außerdem drei stimmbare Bordunpfeifen („Drones“, einfaches Rohrblatt) und drei Akkordpfeifen („Regulators“, doppeltes Rohrblatt), die in den Ledersack integriert sind und die Begleitung liefern. Da wird die Zimmer-Sackpfeife zur magischen Kleinorgel.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

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