Vincent SV-238 MK – Ein leichtfüßiges Monument

Vincent, die gelungene genetische Kreuzung von Vollverstärker und Endstufe

Er sieht aus wie eine Endstufe. Auch auf den zweiten Blick. Aber der Vincent SV-238 MK ist ein Vollverstärker. Und er bietet erstaunlich viel Komfort, gepaart mit auffallend kultiviertem Klang.

Nein, ich werde hier nicht in den Jammerchor über jene Geräte einstimmen, an denen man sich zuverlässig verhebt. Im rauen Testalltag eines Magazins für hochwertige Musikwiedergabe ist man nämlich ab und an ziemlich froh über einen Verstärker, der keine leichtgewichtige Class-D-Konstruktion ist, sondern konventionelle Schaltungstechnik mit verlässlichen Transistoren, Widerständen und Elektrolytkondensatoren auf stabilen Platinen in einem durablen Gehäuse bietet. Bei den Amerikanern heißt so etwas „heavy duty“ und wiegt im konkreten Fall freundliche 32 Kilo. Wenn der Vincent SV-238 MK erst einmal an dem für ihn vorgesehenen Platz steht, bewegt ihn so schnell auch nichts mehr dort weg, nicht einmal unterarmdicke Lautsprecherkabel mit der Biegefreudigkeit einer Straßenbahnschiene. Dass mit der schieren Masse dieser wahlweise in sattem Schwarz oder dezentem Grausilber erhältlichen Maschine eine erfreuliche Unempfindlichkeit gegenüber Trittschall und anderen Mikrofonie-Effekten einhergeht, liegt auf der Hand: Den Vincent SV-238 MK bringt so schnell nichts aus der Ruhe, zumal auch das Gehäuse von der absolut unerschütterlichen Sorte ist.

Dafür allein würde heutzutage freilich niemand 2900 Euro ausgeben. Angesichts der inneren Werte dieses Boliden erscheint der Preis allerdings absolut gerechtfertigt. Pro Stereokanal stehen 16 sorgsam selektierte Sanken-Leistungstransistoren in Reih und Glied. Mit 1500 VA entzieht sich auch der Trafo des Verdachtes, er könnte bei höheren Pegeln in die Knie gehen. So weit, so endstufig.

Die Leistungsdaten gehen in dieselbe Richtung: Sind es an 8 Ohm immerhin 200 Watt pro Kanal, soll der SV-238 MK an 2 Ohm sogar 700 Watt in die Box pressen können. Im gleichen Atemzug wirbt der Hersteller damit, dass dieser Verstärker ein „Class-A-Design“ mit allen klanglichen Vorzügen dieser Schaltung sein soll. Nun, bis immerhin 60 Watt an 8 Ohm soll der Verstärker laut Firmenangaben im Class-A-Bereich operieren, ehe er automatisch – ein Computer-Regelkreis macht’s möglich – kontrolliert in den AB-Modus hinübergleitet. Ein Vorgang, den der Benutzer nicht beeinflussen kann und soll. Im Betrieb konnte ich nur vermerken, dass sich die Wärmeentwicklung des Vincent im Gegensatz zu vielen anderen Class-A-Schaltungen in Grenzen hält und dass die klangliche Grundtendenz pegel-unabhängig gleichbleibt.

Zu sehr aufwendigen Vor-/Endstufenkombinationen hält dieser Verstärker zwar einen gewissen Abstand ein, in seiner Preisklasse begibt er sich allerdings mit lockerer Lässigkeit an die Spitze. Er kann es sogar mit Maschinen aufnehmen, die deutlich mehr kosten. Einzige Einschränkung, die eigentlich keine ist: Der Vincent SV-238 MK ist ein reiner Hochpegelverstärker, eine Phonostufe sucht man vergebens. Angesichts der Tatsache, dass viele Analogfans sowieso auf externe Phonostufen setzen, die meist deutlich flexibler an Tonabnehmer anpassbar sind als ihre fest in Verstärker eingebauten Gegenstücke, ein verschmerzbarer „Mangel“.

Im Gegenzug gibt es fünf Cinch-Eingänge und einen symmetrischen Anschluss mit sympathisch sorgfältig ausgeführten Buchsen. Allfällige Umstöpselaktionen waren mit dem Vincent SV-238 MK ein gerne und kraftanstrengungsfrei absolviertes Vergnügen. All jene, die an dieser Stelle immer noch etwas von „Endstufe mit regelbaren Eingängen“ murmeln, seien darauf hingewiesen, dass sich auf der sauber gegliederten, mit zwei Tragegriffen versehenen Rückfront auch noch zwei Paar Vorverstärker-Ausgänge (unsymmetrisch und symmetrisch) befinden, sodass weitere Endstufen angesteuert werden können. So steht etwa einer strammen Bi-Amping-Konfiguration nichts im Wege, die Möglichkeiten werden in der reichhaltigen Bedienungsanleitung sogar ausführlich beschrieben.

Vincent SV-238 MK

Das dezent beleuchtete Display verrät nicht nur, welcher Eingang gerade aktiv ist, es informiert auch dezibelgenau über die eingestellte Lautstärke. Nettes Detail am Rande: Auf der haptisch sehr handschmeichlerischen, kompakten Metall-Fernbedienung findet sich ein „Gain“-Knopf, mit dem man die jeweilige Quelle um (fest eingestellte) acht Dezibel abschwächen kann. Was hilfreich bei Quellen mit hohem Ausgangspegel ist und zugleich eine sehr dezente Muting-Funktion darstellt.

Befürchtungen, dass eine so umfassend ausgestattete „Schaltzentrale“ nicht klingen kann, zerstreut der Vincent SV-238 MK in Windeseile. Angesichts dessen, wie leichtfüßig er das via SACD zugespielte Klavierkonzert Nr.21 von Wolfgang Amadé Mozart mit Eugene Istomin und dem Seattle Symphony Orchestra unter Gerard Schwarz (Reference Recordings) an die grandiose B&W 800 D3 weiterleitet, outet er sich schon in der Frühphase, noch gar nicht richtig eingespielt, als erstaunlicher Feingeist. Seine Stärken liegen in wieselflinker Impulsverarbeitung, fein aufgefächerten Klangfarben und einem höchst stabilen Tiefton-Fundament, das jene Schwärze aufweist, die man gerne potenten Endstufen mit fünfstelligen Preisschildern zuordnet.

Vincent SV-238 MK

Dass der Raum beim Vincent einen Hauch enger abgebildet wird als über den mehr als doppelt so teuren Marantz PM-10, ist keine Kritik, sondern ein Kompliment. Seine uneingeschränkte Klassik-Tauglichkeit stellt der Vincent SV 238 MK auch bei der Ende 2017 herausgekommenen CD Dolce Duello mit Cecilia Bartoli und Sol Gabetta unter Beweis. Zwei weibliche Superstars des in jüngster Zeit wieder boomenden Klassik-Geschäfts treffen sich, um in höchst entspannter Atmosphäre barocke Kammermusik-Preziosen in die Ohren ihrer Fans zu schmeicheln. Erschienen ist dieses Laune machende Premium-Album bei der Decca, die aufnahmetechnisch hörbar zu alter Größe zurückgefunden hat. Schließe ich die fulminante Burmester B18 an den Vincent an, dann lassen sich Cecilia Bartolis vokale Kunststücke – niemand schlägt den italienischen Mezzosopran, wenn es um filigrane Koloraturen und Apoggiaturen geht – bis in die letzte feine Stimmmodulation nachvollziehen. Von Sol Gabettas Cellobogen staubt das Kolophonium, und die Finger huschen mit Vehemenz über die Saiten. Da kommt dann tatsächlich das Gefühl auf, einem mit Konzentration und viel Herzblut bestrittenen Musik-Duell beizuwohnen.

Angesichts der wahren Leistungsorgie, die Vincent beim SV-238 MK feiert, nimmt es nicht wunder, dass man sich mit dem Boliden auch so richtig die Kante geben kann. Zunächst bleibe ich in Klassik-Gefilden und gönne mir Adam Schoenbergs in der bei Reference Recordings als SACD/HDCD veröffentlichte American Symphony mit dem Kansas Symphony Orchestra unter Michael Stern: klangvoller Post-Impressionismus mit viel Schlagwerk und gershwineskem Streichergetümmel. Den Pegel der von Keith Johnson wunderbar präsent aufgenommenen Produktion habe ich auf annähernde Live-Lautstärke hochgezogen, ein paar Kollegen werfen beim Vorbeigehen irritierte Blicke in den Hörraum – und bleiben da, weil es einfach eine Lust ist, diese so immens kraftvolle Musik, die mit klug geklitterten Zitaten aus der amerikanischen und globalen Musikgeschichte eine sehr dichte Atmosphäre erreicht, so dicht und unmittelbar, ohne den geringsten Ansatz von Verzerrungen zu erleben.

Völlig anderer Stoff findet sich beim US-amerikanischen A-cappella-Ensemble Pentatonix. Dessen Alben sind typische Pop-Produktionen für einen Massenmarkt, der gewiss keine gesteigerten audiophilen Ansprüche hat. Der Vincent SV-238 MK schafft es gleichwohl, aus den mit zahlreichen Studiotricks auf Gettoblaster-Tauglichkeit getrimmten Aufnahmen so etwas wie Räumlichkeit herauszukitzeln, verschweigt aber nicht, dass hier heftig an den Reglern von Kompressoren und Equalizern gedreht wurde. Bassimpulse kommen in ansatzloser Knackigkeit und mit messerscharfer Kontur, Stimmen strahlen und Vokale bleiben selbst in kritischen Passagen unverzischelt.

Vincent SV-238 MK

Am Ende einer Hörsitzung, die deutlich länger und spannender als erwartet ausfiel, gönne ich mir und dem Chefredakteur noch eine Runde Retro-Rock, den Bono Vox und seine legendäre Combo U2 auf dem neuen Album Songs of Experience als versonnene Nabelschau inszenieren. Für U2-Fans ist übrigens die Schmuckbox Pflicht, die das Album sowohl im LP- als auch im CD-Format (plus opulentes Begleitbuch) beinhaltet. Darauf zu hören: die solide Zementierung des eigenen Nimbus. Wuchtiger Stoff, den der Vincent SV-238 MK mit einer Menge Druck verbunden mit Farben und Details in den Raum zu pumpen versteht, sodass die Füße wie von selbst zu wippen beginnen. Ein Emotionsverstärker im Endstufen-Format.

Vincent SV-238 MK Navigator

 

Vollverstärker
Vincent SV-238 MK

Funktionsprinzip: Transistor-Hochpegelvollverstärker
Leistung (8/4/2 Ω): 2 x 200/400/700 W
Eingänge: 5 x Hochpegel unsymmetrisch (Cinch), 1 x Hochpegel symmetrisch (XLR)
Ausgänge: 2 x Lautsprecher (Drehklemmen), Pre Out symmetrisch (XLR) und unsymmetrisch (Cinch)
Besonderheiten: erhöhter Class-A-Bereich (bis 60 W), Metallfernbedienung, „Gain“-Funktion (−8 dB), dimmbares Display
Ausführungen: Grausilber oder Schwarz
Maße (B/H/T): 43/18/53 cm
Gewicht: 32 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Preis: 2900 €

 

Sintron Vertriebs GmbH
Südring 14
76473 Iffezheim
Telefon 07229 182950

www.vincent-highend.com

 

Mitspieler:
Digitalquellen: Audio Note CDP-2.1x, AVM Ovation MP8.2, Marantz SA-10, Musical Fidelity M1 CLIC
Plattenspieler: Audio Note TT-2, Clearaudio Innovation, TechDAS Air Force III
Tonarm: Clearaudio TT-2 und Universal, Einstein The Tonearm
Tonabnehmer: Clearaudio DaVinci, Einstein The Pick-up
Phonoentzerrer: Clearaudio Absolute Phono, Einstein The Turntable’s Choice
Vorverstärker: Mark Levinson No. 38s
Endstufen: Mark Levinson No. 27, Musical Fidelity M1 PWR
Vollverstärker: Marantz PM-10, Marantz HD-AMP1
Lautsprecher: Bowers & Wilkins 800 D3, Burmester B18, KEF LS50, R900 und Reference 3, Infinity Kappa 7.2 Mk II, Wilson Audio Yvette

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