Jazzidelity: Absolutely Sweet Marie – Roads, Doves And Other Stuff

Die Feuilletonisten verehren Bob Dylan, manche fordern für ihn sogar den Literatur-Nobelpreis (Anm. d. Red.: den er mittlerweile bekommen hat). Aber mal abgesehen von seiner historischen Bedeutung als Liedermacher einer einstmals aufmüpfigen Generation – was ist an Dylan eigentlich musikalisch interessant? In der Melodik fallen seine Songs doch eher dürftig aus, harmonisch sind sie keiner Erwähnung wert, auch rhythmisch eher bescheiden. Warum also sollte eine Jazzband sich mit Dylans Musik beschäftigen?

Absolutely Sweet Marie

Absolutely Sweet Marie – Roads, Doves And Other Stuff
Tiger Moon Records, 2014

Das Berliner Quartett Absolutely Sweet Marie gibt darauf eine interessante Antwort. Es verzichtet auf alle Harmonie-Instrumente wie Klavier, Gitarre oder Bass und geht als Hardcore-Brassband ins Bob-Dylan-Rennen: einfach nur drei Bläser (Trompete, Saxophon, Posaune) und ein Schlagzeug. Dylans kleine Songs mutieren dabei zu unberechenbaren Blas-Ereignissen, einer wildwüchsigen Mixtur aus Marsch und Walzer, Cool Jazz und Blues, Dixie und Fanfare und mit beherzten Ausflügen in die Free-Jazz-Improvisation. Das Quartett um den Saxofonisten Alexander Beierbach macht das mal bewusst grobschlächtig, mal betont feinsinnig, aber immer mit ganz eigener Note. Und Dylans Musik kommt bei dieser Reduktion auf drei Bläserstimmen und einen Trommler irgendwie auch zu sich selbst – direkt, plakativ, schmucklos, provozierend. Eine Brücke wird hörbar zwischen Folk-Rock und Free Jazz, die doch einst Zeitgenossen waren. So mag ich die Sechzigerjahre. So mag ich sogar Dylan.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

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