Winfried Dulisch schlendert durch Nashville

NASHVILLE 1Die Stadt firmiert als „Music City“ und verspricht damit nicht zu viel. Der Musik-Trip beginnt schon in der Gäste-Infozentrale. Dort können sich die Besucher auf einer Bühne mit einer Gitarre fotografieren lassen und ihren Lieben daheim beweisen: I was in Nashville.

Von hier aus sind es zwei Minuten zu Fuß bis zur Country Music Hall of Fame. Diese Ruhmeshalle würdigt die Wegbereiter und Stars der bedeutendsten Hinterwäldler-Mucke aller Zeiten – vom Hausmusikanten-Ensemble Carter Family und dem Rock’n’Roll-Urahnen Hank Williams bis zu Dolly Parton und Willie Nelson. Im gleichen Gebäude erzählt ein Museum die Entwicklungsgeschichte von Hillbilly und Bluegrass hin zum Country-Pop.

Der Berühmteste von allen hat gleich um die Ecke sein eigenes Museum. „Manche Besucher erfahren hier zum ersten Mal, dass er seit 2003 tot ist“, erzählt Randall Bart, Guide im Johnny Cash Museum. „Außerdem ist vielen seiner Fans gar nicht bewusst, was für eine vielschichtige Künstlerpersönlichkeit er war. Johnny Cash war Rock’n’Roll-Sänger und Gospel-Prediger, Showmaster und TV-Comedian. Er spielte Charakterrollen – und zwar nicht nur in Westernfilmen. Er war ein politischer Aktivist und setzte sich für die Rechte von Gefängnisinsassen ein.“

 

Johnny Cash

Dass dieser Singer-Songwriter auch für die nordamerikanischen Ureinwohner seine Stimme erhob, fällt in dem ansonsten thematisch breit aufgestellten Johnny Cash Museum nur dem genauen Betrachter auf. Dabei hatte er bereits 1964 ein verdammt eindrucksvolles Konzept-album zu diesem Thema eingespielt: Bitter Tears: Ballads Of The American Indian.

NASHVILLE gemälde

Thomas Hart Bentons Gemälde “The Sources of Country Music” zeigt die verschiedenen Einflüsse, aus denen sich Countrymusik entwickelte.

50 Jahre später ließen sich Emmylou Harris, Kris Kristofferson und mehrere Bluegrass-Hoffnungsträger davon zu einem Remake inspirieren: Look Again To The Wind: Johnny Cash’s Bitter Tears Revisited (Sony). Diese Wiedervorlage eines immer unbewältigten Themas der US-Geschichte hat sich allein schon für das eindringlich zurückhaltend interpretierte „As Long As The Grass Shall Grow“ gelohnt; neun intensive Minuten lang singen Gillian Welch und David Rawlings davon, wie der weiße Mann die Native Americans heute noch betrügt. Neben all den aufrüttelnden Texten klingt dieser Traditional-Sound angenehm durchhörbar und viel einschmeichelnder als das Original-Album.

Look Again To The Wind: Johnny Cash’s Bitter Tears Revisited

Look Again To The Wind: Johnny Cash’s Bitter Tears Revisited
Sony, 2014

Plattenladen

Gleich um die Ecke vom Johnny Cash Museum steht der Ernest Tubb Record Shop. Andere Musiker investierten ihr Geld in Aufnahmestudios oder Musikverlage, der Countrysänger Ernest Tubb (1914–1984) eröffnete im Jahr 1947 lieber einen Plattenladen in bester Geschäftslage. „Er hatte damit sein Ohr ganz nah dran an den Plattenhörern“, schwärmt Gloria Ellingson von ihrem einstigen Chef, für den sie 1967 als Verkäuferin zu arbeiten begann. Damals setzte der Laden noch die jeweils aktuellen Musiktrends. Heute decken die Country-Nostalgiker aus aller Welt ihren Souvenirbedarf bei Ernest Tubb und können damit ebenfalls nachweisen: I was in Nashville.

NASHVILLE record shop

Die Country-Legende Ernest Tubb eröffnete 1947 einen Plattenladen, der bis heute existiert.

Sinfonisch

Die Musicity steht nicht nur auf einem Country-Fundament. Neben all den vielen Popularmusik-Weihestätten steht das Schermerhorn Symphony Center. Dieses Konzerthaus wurde nach Kenneth Schermerhorn benannt, der das Sinfonieorchester der Stadt von 1983 bis 2005 dirigierte.

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Das goldene Piano an dem Elvis einst saß.

2013 veröffentlichte Nashville Symphony die CD The Impostor (Decca); als Solist wirkte beim Concerto for Banjo & Orchestra der bedeutendste Klassik-Star der Stadt mit: Béla Fleck. Mit diesem Album bewies der Banjo-Virtuose endgültig die Konzertreife seines lange genug als Jazz- und Bluegrass-Schrammel verkannten Instruments.

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Béla Fleck – The Impostor
Decca, 2013

Nashville Sound

Als Erfinder des „Nashville Sound“ ging allerdings ein anderer Saitenzupfer in die Musikgeschichte ein: Chet Atkins (1924–2001). Nach seinen Vorstellungen wurde 1956 das RCA Studio B gebaut, vor allem für die Countrymusic-Klientel. Doch die kommerziell erfolgreichsten Produkte wurden im RCA Studio B von einem Rock’n’Roll-Schnösel eingespielt: „Are You Lonesome Tonight“, „It’s Now Or Never“ und andere Presley-Hits.

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Von Chet Atkins initiiert baute RCA 1956 das Studio B für Nashvilles Countrymusiker. Elvis Presley nahm hier seine großen Hits auf

Heute ist das Studio eine Lehrwerkstatt für junge Tontechniker – und ein Museum. Die Museumsführerin erzählt: „Elvis und seine Musiker kamen immer abends um zehn ins Studio und blödelten die ganze Nacht rum. Zwischen vier und fünf Uhr nahmen sie dann einen Song auf. Als Elvis im Juni 1966 ‚If Every Day Was Like Christmas’ einspielte, ließ er Tannenbäume im Studio aufstellen, um das ‚Nashville A-Team’ und sich selbst in die gewünschte Stimmung zu bringen.“

NASHVILLE chet atkins

Eine Statue zu Ehren von Chet Atkins (1924-2001), der als Erfinder des “Nashville Sounds” gilt.

A-Team

Das „Nashville A-Team“ war ein Studiomusiker-Pool, wie er sonst nirgendwo zu finden war. Neben Chet Atkins und anderen stadtbekannten Guitar-Pickers waren vor allem das röhrende Saxofon eines Boots Randolph, der Klimperkasten-Sound des Pianisten Floyd Cramer sowie die Mundharmonika von Charlie McCoy die Erkennungszeichen des Nashville A-Team. Abgerundet wurde dieses Klangbild meist von den Anita Kerr Singers, von The Jordanaires oder einer anderen – immer ganz nah am Rande der Schmalztopfes entlang singenden – Background-Vokalgruppe.

NASHVILLE studio b

Von Chet Atkins initiiert baute RCA 1956 das Studio B für Nashvilles Countrymusiker. Elvis Presley nahm hier seine großen Hits auf

„Ohne diese gut aufeinander eingespielten Begleiter wären viele Stars niemals zum Star geworden“, erzählt Joe Chambers, Direktor von The Musicians Hall of Fame (MHOF). Sein Museum soll nicht nur die legendären Nashville-Studiomusiker würdigen. Die meisten Instrumente und Aufnahmegeräte, die heute in der MHOF ausgestellt sind, wurden einst verwendet von Musikindustrie-Fließbandarbeitern aus Detroit (Motown), Memphis (Sun, Stax) und anderen Hitfabrik-Standorten.

NASHVILLE Ruhmeshalle

The Musicians Hall of Fame in Nashville, Tennessee

Jazz und Blues

Aus der afroamerikanischen Perspektive betrachtet wird die Music City auf A Shot In The Dark: Nashville Jumps – Blues & Rhythm On Nashville Independent Labels, 1945–1955 (Bear Family). Die 200 Tracks in dieser 8-CD-Box wurden von kleinen Independent-Labels produziert, die in der Hochburg der Country-Music damit auch eine Jazz- und Blues-Tradition begründeten.

A Shot In The Dark

A Shot In The Dark: Nashville Jumps – Blues & Rhythm On Nashville Independent Labels, 1945–1955
Bear Family, 2000

Der Gitarrist David Andersen schafft es tatsächlich, sich von all diesen Einflüssen inspirieren zu lassen. Als „Ambassador of Music City“ schüttelt er im Foyer der Country Music Hall of Fame für alle Besuchergruppen das jeweils passende Repertoire aus dem Ärmel: Country-Schnulzen, Jazz-Standards, Gospel-Songs – “you name it, I play it”. Nur wer diesem Botschafter der Musikstadt Nashville eine CD abkauft und sich mit ihm fotografieren lässt, kann von sich behaupten: I was in Music City.

NASHVILLE anderson

Als “Ambassador of Music City” schüttelt der Gitarrist David Andersen Touristenhände.

 

www.visitmusiccity.com

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