Rockidelity: Unheilig – Gipfelstürmer

Der Graf verabschiedet sich. Für viele mag dies überraschend kommen, manche werden damit gerechnet haben. Es wirkt tatsächlich stets irritierend, wenn Künstler mit einer derartigen Breitenwirkung an einem Punkt in ihrer Karriere die Bremse drücken, an dem eigentlich alles wie geschmiert läuft. Aufatmen, wenn dann gesundheitliche Gründe nicht der Auslöser sind, sondern private. Wer den Entschluss des stets anonym gebliebenen Künstlers nachvollziehen will, muss in dessen Vergangenheit blicken – und bekommt dann auch den Schlüssel zu Gipfelstürmer geliefert.

Unheilig – Gipfelstürmer

Unheilig – Gipfelstürmer
Vertigo Berlin/Universal, 2014

Musik als Therapie: für Wenige trifft dies so zu wie für den Graf. Im Zuspruch, der ihm entgegengebracht wurde, fand er sein Selbstbewusstsein, das ihm als Stotterer von Kindesbeinen an verwehrt geblieben war. Konnte er dieses Seelenheil zu Beginn seiner Karriere noch nicht von der Bühne mit nach Hause nehmen, gelang ihm dies erst mit dem Erfolg von Große Freiheit 2010. Heute ist sein Selbstfindungsprozess abgeschlossen, der Abschied aber ist einer mit Pauken und Trompeten. Auf Gipfelstürmer ziehen Unheilig noch mal alle Register, von brettharten Gitarrenausbrüchen („Hinunter bis auf eins“) bis zu den für die Band typischen Balladen, die Verluste verarbeiten („Zwischen Licht und Schatten“), hören wir all jene Song-Archetypen, die das Projekt so groß gemacht haben. Als Mini-Autobiografie sei „Mein Berg“ empfohlen, ein zentraler Song, der Motivation, Angst und Erlösung als Lesarten der Bandgeschichte offenlegt. Wenn Abschied, dann so.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

 

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