Gewagte Tastenspiele

Ein Porträt des Pianisten Moritz Ernst

Irgendwo in Deutschland. Ein Klavierabend. Zu hören sind ausschließlich Kompositionen der letzten 20 Jahre, darunter auch einige Uraufführungen. Beim Smalltalk nach dem Konzert drückt ein Komponist dem Interpreten mit einem vielsagenden und höflichen Lächeln ein Bündel Noten in die Hände, ob dieser vielleicht bei Gelegenheit einen Blick auf das Werk werfen könne …

Was beinahe wie eine Soiree-Szene aus dem 19. Jahrhundert anmutet, ereignete sich im Jahre 2014. Schon immer gab es Komponisten, die ihre auserwählten Interpreten hatten und für diese komponierten, man denke etwa an die Symbiose zwischen Johannes Brahms und „seinem“ Klarinettisten Richard Mühlfeld. Und aktuell sind es Interpreten wie Moritz Ernst, die gesuchte Partner für Uraufführungen sind. Was aber fasziniert an dessen Klavierspiel? Sicher ist es zunächst die Offenheit und die Neugierde, sich Unbekanntem zu widmen. Dann natürlich ein unbestechliches handwerkliches Spiel. Aber vor allem natürlich sein musikalischer Zugang: Ernst kostet jede klangliche Wendung aus, mit rhythmischer und dynamischer Präzision werden die Feinheiten der Komposition herausgearbeitet, aber stets so, dass es sich nicht um vereinzelte klangliche „Schmankerl“ handelt, sondern um Details, die für das große Ganze der Musik notwendig sind.

Ernst, 1986 in Ostwestfalen geboren, begann dort als 16jähriger Jungstudent sein Klavierstudium, das er ab 2003 in London bei Peter Feuchtwanger fortführte. Hinzu kam noch eine Ausbildung als Cembalist an der Baseler Schola Cantorum, sodass Ernst einer der wenigen Interpreten weltweit ist, der sowohl das zeitgenössische Repertoire für Klavier als auch für das Cembalo fließend beherrscht und bisweilen in seinen Recitals Kompositionen für beide Instrumente aufführt.

Moritz Ernst

Moritz Ernst beherrscht den Flügel ebenso wie das Cembalo

Ernsts Engagement für die zeitgenössische Klaviermusik ist hervorragend auf der gerade erst im Frühjahr 2014 erschienenen CD Bird in Space dokumentiert, die bei dem kleinen, aber feinen Label Stan Music produziert und veröffentlicht wurde. Dieses Recital zeigt die Flexibilität des Pianisten, der auf keinen spezifischen Kompositionsstil festgelegt ist. Sei es, dass es darauf ankommt, den Klangresonanzen des Klaviers in einer Komposition nachzuspüren – so in der der CD den Titel gebenden Komposition Gabriel Iranyis – und diese für den Hörer erlebbar zu machen, sei es, mit detektivischer Genauigkeit die Strukturen eines Werks offenzulegen, wie in den Variationi des Schweden Miklós Maros, oder sei es, mit brachialem Tastendonner die neoromantischen Ambitionen und Referenzen in Johannes K. Hildebrandts Liszt-Variationen zu befriedigen. Bemerkenswert auch die unglaubliche Selbstverständlichkeit, mit der er die virtuosen Läufe und Trillerfiguren in Giorgos Taccanis I muri bianchi di Endenich bewältigt. Eine echte CD-Entdeckung jenseits des gängigen Mainstreams der Klavierveröffentlichungen.

Ernst ist aber klug genug, um sich nicht alleine in die Nische der Neuen Musik zu begeben, die schnell auch ein Ghetto für Nerds und intellektuelle Autisten werden kann. In seinen Konzerten, insofern diese nicht in speziellen Reihen für zeitgenössische Musik stattfinden, präsentiert Ernst die ganze Bandbreite seines Repertoires, wie etwa aktuell bei einer Klaviermatinee im Begleitprogramm der Bayreuther Festspiele, bei der Kompositionen von Rameau, Beethoven, Ullmann und Maros erklangen. Ein weitgespannter historischer Rahmen, der heute viel zu selten bei Klavierkonzerten abgesteckt wird.

Einem breiteren Publikum wurde er mit der Gesamteinspielung der Klaviersonaten Viktor Ullmanns und Norbert von Hannenheims bekannt. Mit Recht erhielt er hierfür vom einschlägigen Feuilleton überschwängliche Kritiken. Diese Einspielungen – und Ernsts genereller Einsatz für Komponisten verfemter Musik – sind hörbar eine Herzensangelegenheit. Gerade bei den unbekannten Sonaten Hannenheims ist es faszinierend anzuhören, wie es gelingt, die häufig nur zweistimmige Linienführung in den langsamen Sätzen mit einer inneren Spannung wiederzugeben, die verhindert, dass diese Art der Satztechnik ins Nebensächliche abdriftet. Die fugierten Sätze Ullmanns werden hier mit solcher Intensität vorgeführt, dass man sich wünscht, auch einmal die Kompositionen William Byrds oder Orlando Gibbons aus dem Fitzwilliam Virginal Book auf Tonträger zu hören, die zu Ernsts Standardrepertoire gehören und die seit Glenn Goulds Aufnahmen im verschatteten Winkel der Spezialisten für das 16. und 17. Jahrhundert verschwunden sind. Ergänzt werden die Sonaten Ullmanns mit einer Interpretation dessen Klavierkonzerts, für das Ernst erstmals mit den Dortmunder Philharmonikern konzertierte.

Für den Rundfunk ist demnächst eine umfangreiche Zusammenarbeit mit DeutschlandRadio Kultur geplant, die Kompositionen Arthur Louriés (1892–1966) liegen bereits vor – wer noch einen guten UKW-Tuner sein Eigen nennt, darf sich also glücklich schätzen. Alle anderen können sich auf eine Reihe bevorstehender CD-Veröffentlichungen freuen: Noch dieses Jahr steht die Veröffentlichung des Klavierwerks Bernfried Pröves bei der renommierten Edition Zeitklang an. Spannender noch wird die bei Neos erscheinende CD mit Werken für 1/16-Ton Klavier von René Wohlhäuser. Für den Beginn des Jahres 2015 ist eine CD-Produktion mit dem DLF der Klavierwerken Peter Köszeghys geplant. Weiterhin steht die Fortsetzung der Kooperation mit Stan Music an, diesmal mit Klavierwerken Stephan Baumgartners. Wie man sieht, die Diskographie wächst rasant und damit die Möglichkeit, neue musikalische Räume für sich zu entdecken.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 16 (6/2014)

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