Live-Rekorde: Wer kann am längsten? Und wenn ja, was? Wer hat die meisten? Und wenn ja, wovon?

Die schönsten und schrägsten Rekorde aus der erstaunlichen Welt der Musik.

Musik, radikal entschleunigt

Cage-Orgel

“As slow and as soft as possible” – im Jahr 2639 wird die Aufführung des Cage-Werks “Organ²/ASLSP” beendet sein.

Piano und forte, andante und allegro, crescendo und ritardando – in der Musik gibt es knapp vierzig Tempo- und Dynamikbezeichnungen. Die sollten eigentlich ausreichen, möchte man meinen. Aber von wegen. Der radikal experimentelle Komponist John Cage hat eine dazuerfunden, die da lautet: ASLSP, as slow and as soft as possible. So nämlich ist sein Werk Organ²/ASLSP zu spielen, und in Halberstadt hat man das so wörtlich wie möglich genommen. Weshalb Organ²/ASLSP auch seit 2001 in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt gespielt wird. Richtig gelesen: seit 2001. Und das ist noch gar nichts! Denn insgesamt ist die Darbietung auf 639 Jahre angelegt und endet im Jahr 2639. Der letzte Tonwechsel war im Oktober 2013, der nächste wird am 5. September 2020 stattfinden. Und weil kein Mensch so lange sitzen kann, liegen Sandsäckchen auf den Tasten. Derzeit lassen sie einen Fünfklang aus c’, des’, dis’, ais’ und e’’ ertönen.

Cage-Orgel

Sandsäcke beschweren die Pedale, die jahrelang einen Ton halten müssen

Aber warum Halberstadt, und warum ausgerechnet 639 Jahre? Das kam so: In Halberstadt wurde 1361 die erste Großorgel der Welt gebaut. Sie war vermutlich die erste mit 12-töniger Klaviatur und diente fortan als Vorbild für die Orgelbaukunst in der westlichen Welt. Für das John-Cage-Orgelprojekt wurde eigens eine solche Orgel gebaut. Oder besser: wird gebaut. Denn die Orgel wächst im Laufe der Aufführung, mit jedem Klangwechsel kommt eine Pfeife dazu. Die gesamte Spieldauer ergibt sich aus der Anzahl der Jahre zwischen 1361 und der Jahrtausendwende, und das sind 639 Jahre. Die Uraufführung dauerte übrigens gerade mal 29 Minuten – gespielt von einem Menschen.

Cage-Orgel

Heimspiel

Apron

67 Stunden dauerte ein ApRon-Konzert 2010 in München

Ha! Wer glaubt, für die Superlative dieser Welt nach London, New York, Tokio reisen zu müssen, zumindest aber nach Berlin oder Rio, der liegt oft richtig. FIDELITY freut sich aber verkünden zu dürfen, dass auch das gelegentlich und nicht ganz zu unrecht als Millionendorf belächelte München Schauplatz eines offiziell zwar nicht anerkannten, aber doch tatsächlich existierenden Weltrekordes war. 2010 fand hier nämlich das längste Rockkonzert der Welt statt! Jawohl! 2010! In München! Gespielt von der Rockband ApRon. 67 Stunden standen sie in der Kranhalle des Feierwerks, einem kleinen und für Münchner Verhältnisse angenehm schmuddeligen Club, auf der Bühne und rockten, was die Boxen hielten. Ja, aber! möchte man ausrufen, der Mensch muss doch mal was essen! Und was anderes auch! Wann sind die denn aufs Klo gegangen? Antwort: Alle fünf Stunden durfte jeweils einer der Musiker zwei Stunden Pause machen, und auch eine Schlafpause von einmal sieben Stunden war gestattet. Aber nur nacheinander, denn es mussten sich immer drei Bandmitglieder gleichzeitig auf der Bühne befinden. Für den, der Pause hatte, standen Physiotherapeuten für Massagen zur Verfügung. Der Eintrag im Guinessbuch der Rekorde scheiterte übrigens ausschließlich an der Bürokratie, weil die Band beim Anmelden in das falsche Regelwerk gesteckt wurde und der Rekord anschließend nicht anerkannt werden konnte. Irgendwie hat man das immer schon geahnt: Rockmusik und Bürokratie passen halt nicht zusammen.

white stripes

The White Stripes spielten das kürzeste Konzert der Geschichte, aber Nachahmer ließen ihren Rekord bedeutungslos werden.

Ein Ton macht die Musik (oder auch nicht)

Ähnliches passierte Jack White, dem Gitarristen und Sänger der Band The White Stripes. Denn da es nichts gibt, das es nicht gibt, gab es natürlich auch schon einen hochoffiziellen Versuch, das kürzeste Konzert aller Zeiten zu spielen. Unternommen hat ihn Jack White während einer White-Stripes-Tournee durch Kanada. Auf der Insel Neufundland betraten er und seine Bandkollegin Meg White die Bühne und spielten genau einen Ton. Schon war der Auftritt beendet, und siegessicher warteten die Musiker auf die Anerkennung des Rekordes. Die gab es zunächst – aber sie wurde wieder entzogen, als mehr und mehr Bands die Auftrittslänge zu unterbieten versuchten. Was schließlich die Frage aufwarf, wann man überhaupt noch von einem Konzert sprechen konnte. So wurde die gesamte Rekordkategorie wieder aufgegeben.

Pavarotti

Für seinen Nemorino in Donizettis “Liebestrank” erhielt Luciano Pavarotti 1988 einen 67minütigen Rekordapplaus

Klatschen bis es wehtut

Das könnten sich die Zuschauer irgendwann gedacht haben, als sie den längsten Applaus spendeten, den begeisterte Zuhörerhände jemals geklatscht haben. Er galt Luciano Pavarotti, der an jenem Abend ziemlich ausgiebig damit beschäftigt war, vor den Vorhang und wieder hinter den Vorhang und wieder vor den Vorhang zu treten – und zwar genau 67 Minuten und 115 registrierte Vorhänge lang. So geschehen am 24. Februar 1988, als er in der Berliner Deutschen Oper in Donizettis Liebestrank den Nemorino sang.

rupam sarmah

Während “A Musical Journey for World Peace” erklangen 315 verschiedene Instrumente auf einer Bühne.

Multiinstrumentalistisch

Dass Musik Menschen zusammenbringt, ist quasi eine Binsenweisheit. Aber eine, die im Falle des indischen Komponisten Rupam Sarmah eine ganz neue Dimension erhält. In dessen Stück A Musical Journey for World Peace, das am 24. Februar 2013 in Jorhat, Indien, uraufgeführt wurde, machten 315 Instrumente Musik. Jetzt bitte nicht an eine typische Orchesterbesetzung mit 20 ersten Violinen, 15 Bratschen und 10 Kontrabässen denken. Es waren 315 verschiedene Instrumente! Zählt man die doppelten dazu, waren es sogar 370, plus 106 Sänger. Erwähnenswert scheint an dieser Stelle, dass Rupam Sarmah von Beruf – auch – Ingenieur ist. Ingenieuren sagt man nach, sie könnten besonders gut methodisch vorgehen. Solche Fähigkeiten dürften auch nötig gewesen sein, um 476 Musiker zu koordinieren.

 

Monty Python

“Jeder nur eine Kokosnuss!”, 2013 beklapperten 5500 Spamalot-Besucher den Londoner Trafalgar Square mit hohlen Kokosnusshälften …

Nussrekordknacker

Es hilft alles nichts. Das Wortspiel muss einfach sein. Oder vielmehr der Hinweis auf die Möglichkeit eines Wortspiels. Die Steilvorlage dazu haben die Darsteller des Monty-Python’s-Musicals Spamalot geliefert. Weil: Um den einjährigen Broadway-Aufführungsgeburtstag des Musicals zu feiern, riefen die Darsteller zum Geklapper. Und die Engländer wären keine Engländer, wenn sie sich eine solche Gaudi hätten entgehen lassen. Prompt strömten sie am 23. April 2013 zuhauf zum Trafalgar Square, um mit „rechts“ und „links“ beschriftete Kokosnusshälften entgegenzunehmen und damit den Song „Always Look On The Bright Side Of Life” zu begleiten, dirigiert von den Monty-Python’s-Urgesteinen Terry Jones und Terry Gilliam. Die ersten waren sie damit übrigens nicht. Im Jahr zuvor hatten die New Yorker einen Kokosnussklapperrekord mit 1785 Teilnehmern aufgestellt. Vergleichsweise Peanuts: Zum Trafalgar Square kamen 5567 Teilnehmer. Und hier jetzt endlich das Wortspiel: totally nuts.

Monty Python

… Vorher wurden sie natürlich ausreichend instruiert.

Alphorn-Konzert

Was den Monty-Python’s-Fans die Kokosnuss, ist den Schweizern ihr Alphorn! 513 eidgenössische Alphornisten kamen am 17. August 2013 zum Gornergratfest im Kanton Wallis zum Alphornblasen zusammen und heimsten gleich noch einen zweiten Rekord ein, weil auch das größte Alphorn der Welt, das 14 Meter lange Superhorn mit von der Partie war. Monty-Python’s-Songs spielten sie natürlich nicht. Vielmehr das eigens vom Schweizer Gilbert Kolly komponierte Werk „Uf em Gornergrat“.

Alphorn

513 Alphornisten und das längste Alphorn der Welt waren 2013 gut für gleich zwei Rekorde

Seid beschallt, Millionen!

Frage: Was haben Berlin, die erste Oktoberfestwoche in München, Rod Stewart und Jean Michel Jarre gemeinsam? Antwort: 3,5 Millionen. So viele Menschen leben in Berlin, so viele kamen in der ersten Woche des 180. Oktoberfestes nach München – und auf ein Konzert von Rod Stewart beziehungsweise von Jean Michel Jarre. Letztere könnten sich nun darum streiten, wer von beiden das größte Konzert aller Zeiten gegeben hat. Offiziell steht das nicht fest. Rod Stewart gab an Silvester 1994 an der Copacabana ein Konzert vor 3,5 Millionen Zuschauern. Der Strand und notfalls auch Meer boten genug Platz für so viele Zuschauer. Genauso viele kamen zu Jean Michel Jarres Auftritt in Moskau vor der Staatsuniversität am 6. September 1997 zur 850-Jahr-Feier der Stadt. Das Universitätsgebäude ist größte der Stadt, es ist 350 Meter breit und steht auf einem Hügel, so dass es von der ganzen Stadt aus zu sehen ist. So hat sage und schreibe ein Drittel der Einwohner Moskaus das Konzert live gesehen.

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3,5 Mio. Zuschauer sahen Jean Michel Jarre in Moskau

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Kurorchester

Das Kurorchester Bad Kissingen spielt über 700 Konzerte jährlich …

Etwas beschaulicher mutet der offizielle Weltrekord für die meisten Konzerte pro Jahr an. Den hat das Kurorchester Bad Kissingen inne, seit der Posaunist Roman Riedel das Orchester angemeldet und eine Dokumentation der Auftritte eingeschickt hat. Der Rekord wurde prompt anerkannt. So beschaulich, wie es klingt, ist das aber gar nicht, jedenfalls nicht für die Musiker. Die stehen mindestens 727 Mal pro Jahr für einen mindestens einstündigen Auftritt auf der Bühne. Moment mal, das macht ja zweimal pro Tag? Mehr sogar. Manchmal spielt das Orchester dreimal pro Tag, denn zu zwei täglichen Kurkonzerten kommen noch Sonderkonzerte. Dabei decken sage und schreibe 2000 Stücke alle Stilepochen der Musikgeschichte ab. Nur montags ist spielfrei.

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… und beherrscht 2000 Stücke aus allen Stilepochen – Weltrekord!

Weitere Rekorde

Die ultimative Liederfibel – Die schönsten und schrägsten Rekorde aus der erstaunlichen Welt der Musik

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 16 (6/2014)

 

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