Rockidelity: Emigrate – Silent So Long

Gar nicht so einfach, aus der zweiten Reihe plötzlich in die erste zu treten, auch wenn man Richard Kruspe heißt und hauptberuflich der Gitarrist von Rammstein ist. Mit Silent So Long betritt der 47-Jährige zum zweiten Mal ohne Stammband das Rampenlicht – und das heißt: Entscheider sein, das Gesicht der Band sein, die Stimme der Band sein. Eine Rolle, in die man erst hineinwachsen muss, auch wenn man als Musiker bereits alles erreicht hat. Der Erfolg, natürlich gibt er einem Halt, ebenso wie er viele Türen öffnet. Türen zu großen Namen wie Lemmy Kilmister, Marylin Manson, Jonathan Davis von Korn und Peaches. Stars, die allesamt Gastbeiträge auf Silent So Long haben.

Emigrate – Silent So Long

Emigrate – Silent So Long
Vertigo Berlin/Universal, 2014

Hinter ihnen verstecken muss sich Kruspe jedoch nicht, in den vergangenen Jahren ist er als Sänger deutlich gereift, hat an Struktur, Charakter und Dringlichkeit gewonnen. Vom Verdacht, zu sehr im Rammstein-Kosmos verhaftet zu sein, hat er sich eh längst befreien können. Silent So Long ist nicht mehr und nicht weniger als eine Rock-Platte, die ihre Einflüsse erkennen lässt, bei der die Spielfreude im Vordergrund steht. Fett produziert und glasklar abgemischt ruft der Sound Assoziationen wach zur kühlen Klang-Ästhetik eines Trent Reznor. Selbst ein Uptempo-Kracher wie die Lemmy-Kollabo „Rock City“, selbstredend im typischen Motörhead-Stil, wirkt überraschend clean. Das eröffnet neue Horizonte. Kruspe gelingt es mit Silent So Long, aus dem schier endlosen Rammstein-Schatten meilenweit hinauszutreten. Stille war gestern.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 16 (6/2014)

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