Buchprüfung: Stephan Schulz – What A Wonderful World

Stephan Schulz Wonderful World

Stephan Schulz – What a Wonderful World
Neues Leben, 2010

Nicht nur für Jazzfans: Dieser liebevoll gemachte, anekdotengesättigte und reich bebilderte Band dokumentiert ein ganz besonderes Stück Kultur- und Zeitgeschichte. Er berichtet nämlich von jener seltenen Gelegenheit, „als Louis Armstrong durch den Osten tourte“. Ganz recht: Im März 1965 gab „Satchmo“, der afroamerikanische Jazzpionier, Trompeter, Sänger und Entertainer, 17 umjubelte Konzerte in der DDR – vor insgesamt mehr als 50000 Zuhörern! Man muss sich das vorstellen: hier die All-Stars aus dem dynamischen Amerika mit so markanten Musikern wie Billy Kyle und Tyree Glenn, dort die staatliche Künstleragentur der DDR und die Bedenkenträger der Stasi. Dass da zwei sehr, sehr unterschiedliche Welten aufeinander trafen, ist klar.

Mit Erinnerungen von Zeitzeugen, authentischen Fotos und Dokumenten und blühenden Legenden macht das Buch diese unheimliche Begegnung der bizarren Art wieder prickelnd lebendig: spannend wie ein Krimi, anrührend wie eine DDR-Familiensaga. Schon die Kapitelüberschriften sind eine witzige Einladung ins Kuriositätenkabinett der Zeitgeschichte. Etwa diese: „Der Deal. Tausche Antiquitäten gegen weltberühmte Jazz-Musiker“. Oder diese: „Was bitte ist kammblasig? Werner Josh Sellhorn verwirrt den Dolmetscher“. Oder gar diese: „Louis Armstrong im Hühnerstall. Else Lücke schmiert dem Jazzkönig ein Butterbrot“. Gefragt, wie ihm das DDR-Publikum gefalle, antwortete Armstrong damals im Sender Schwerin: „Überall, wo wir hinkommen, gibt’s Eisbein, ha, ha. O yeah, yeah! Alles hat den richtigen Drive.“

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

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