Einstein Audio The Pure – Reinheitsfachkräfte

Legen Sie sich Einstein in den Weg!

 

Einstein Audio The Pure Lautsprecher

Was in der Nomenklatur des Herstellers als teilaktives Dreiwege-System firmiert, ist bei genauerer Betrachtung etwas komplexer: Präziser müsste man The Pure als Breitbänder mit Hochtonerweiterung und aktivem Subwoofer bezeichnen. Um einen Treiber von Fostex mit der Modellbezeichnung FW168HR, der wiederum offiziell als Tieftöner deklariert ist, aber bei Einstein als astreiner unbeschalteter Breitbänder läuft, gruppieren sich ein ebenfalls vom japanischen Edel-Ausrüster stammendes Hochtonhorn mit Alnico-Magnet und ein mächtiger Tieftöner von Pearless mit breiter Gummisicke, der von einer 700-Watt-Class-D-Endstufe angetrieben wird. Der zentrale Fostex-Treiber mit auffälliger reliefartiger Membran- und Sickenform zeigt sich im Frequenzschrieb extrem gutmütig mit einem Impedanzminimum von acht Ohm zwischen 200 und 500 Hertz und bricht auf Achse erst bei rund zwölf Kilohertz spürbar ein. Schon deutlich früher übernimmt der übergeordnete Ringradiator sanft mit sechs Dezibel pro Oktave – wie früh, kann man über einen dreistufigen Drehschalter auf der Rückwand selbst regulieren; mit für Einstein typischer Konsequenz liegt dann lediglich einer von drei Kondensatoren im Signalweg. Die nach hinten geneigte Schallwand und der im Gegensatz zum Tiefmitteltöner versenkte Einbau des Horntreibers kompensieren den leichten Phasenversatz und bringen die Schwingspulen – also das Moment, in dem das elektrische Signal mechanisch gewandelt wird – auf eine vertikale Linie.

Solid as a Rock

Möglichst unverfälscht soll das Musiksignal die Lautsprecher verlassen, dafür steht der Name The Pure. Um dies zu erreichen, wählt Einstein-Chef Volker Bohlmeier einen im Grunde erzkonservativen Ansatz: Das Gehäuse darf nicht mitspielen, darf nichts addieren, auch wenn die Versuchung, mehr Farbigkeit oder Effizienz herauszukitzeln, lockt. Schall- und Rückwand der flachen Gehäuse bestehen aus massivem, zwölf Millimeter starkem Aluminium. Erstere erhält eine Veredelung aus Edelstahl und schwarzem Acryl, die sich sogar auf das Resonanzverhalten – falls man angesichts dieser Materialschlacht noch von Resonanzen sprechen kann – auswirkt, da sich die drei unterschiedlichen Materialien gegenseitig beruhigen. 40-mm-MDF bildet den umlaufenden Rahmen, im Inneren sorgt eine wabenförmige Kammerstruktur für Ruhe. Hinsichtlich ihrer Stabilität ähneln die Gehäuse der Pure eher der Blackbox eines Flugzeugs als gängigen Lautsprecherboxen. Um den sensiblen Mittenbereich in jedem Fall von rückwärtigem Schall oder eventuell doch noch vorhandenen minimalen Gehäuseresonanzen sauber zu halten, residiert der mächtige Tieftöner zusammen mit der Endstufe und einem aktiven, variablen analogen Filter in einer separaten Kammer. Jene scheint knapp bemessen, und ein Blick ins Lehrbuch bestätigt, dass Bass Volumen braucht wie Pferdestärken Hubraum. Aber das ist nur der einfache Teil der Wahrheit: Der theoretisch langhubige Tieftöner mit Papiermembran verhält sich im eigentlich nicht artgerechten, beengten Käfig wie ein Saugnapf. Jeder Impuls muss sich gegen robusten Widerstand durchsetzen, jede Amplitude wird sofort mit der rohen Gewalt des Vakuums korrigiert, die Membran also wieder in die Ausgangslage gezwungen wie Mariah Carrey in ein Schlauchkleid.

Einstein Audio The Pure Lautsprecher

Diese störrische Ineffizienz zu kompensieren, braucht es heutzutage aber keine zentnerschweren Endstufen mehr; ein kühler, herzhaft zupackender Schaltverstärker erfüllt diese Aufgabe im Tiefton ohne qualitative Abstriche. Der Bassbereich der Pure ist wahnwitzig schnell, hat Kontur wie Farbe und wirkt insgesamt äußerst trittsicher. Darüber hinaus erlaubt es die brachiale Leistung von 700 Watt in Einheit mit dem geringen Volumen, dem Tieftöner Schalldruck bis hinunter zu 20 Hertz zu entlocken – das liegt unter seiner eigenen Resonanzfrequenz! Über zwei Regler auf der Rückwand lassen sich Pegel und Frequenzdämpfung an den Raum oder die Hörgewohnheiten anpassen. Wohlgemerkt, von einer Übernahmefrequenz zu sprechen wäre in diesem Fall nicht ganz korrekt, da der Tiefmitteltöner von Fostex, der im Sinne einer Punktschallquelle nahe ans Hochtonhorn aus Alu rückt, völlig ungezwungen spielt und im Bass lediglich unterfüttert wird. Das mag wie Haarspalterei klingen, ist aber meiner Ansicht nach ein wichtiges Konstruktionsmerkmal, das man bei den einfachen, aber sinnvollen Einstellungsoptionen, die The Pure bietet, im Hinterkopf behalten sollte. In den Hörbeispielen werde ich versuchen, diese Aussage zu verdeutlichen.


Ein unerschütterlicher T-Träger aus Stahl schließlich verbindet die beiden Teilgehäuse zu einer monolithischen Einheit, der dünne, aber schwere Standfuß ruht auf vier Spikes, ein fünfter bohrt sich nach oben ins Bassabteil, um Schwingungen auf direktem Weg abzuleiten. Angesichts eines Gewichts von über hundert Kilo pro Kanal holen Sie sich besser eine zweite und dritte Person, die bei der Aufstellung hilft.

Kompetenz-Management ohne Berührungsängste

Bevor es Lautsprecher mit Einstein-Logo und -Design gab, führte die Bochumer Röhren-Manufaktur mit Systemen des amerikanischen Herstellers Audiomachina vor, die in ihrem Aufbau nicht ganz zufällig an The Pure erinnern. Wie schon beim Tonarm oder Tonabnehmer profitiert Volker Bohlmeier auch bei den Lautsprechern von der fruchtbaren Kooperation mit einem erlesenen Partner: Dr. Karl Schuemann, der Audiomachina im Jahr 2000 gründete, gewährte Bohlmeier tiefe Einblicke in seine Konstruktionen und das Recht, mit The Pure eine Art Klon zweier Modelle der Schallwandler aus Colorado zu bauen. Rechtzeitig zum Rocky Mountain Audio Fest im Oktober, bei dem FIDELITY wieder in der Jury des internationalen Presseawards sitzen wird, hat Dr. Schuemann übrigens einen offenbar bahnbrechenden neuen Lautsprecher namens XTAC angekündigt. Wenn Sie ohnehin vor Ort sind, lohnt sich der kurze Abstecher nach Fort Collins ganz sicher …

Einstein Audio The Pure Lautsprecher

Zurück zum Thema: Die Schallwand des Mittelhochtonmoduls der Pure ist dem Bassabteil angepasst und damit breiter als jene der amerikanischen Vorbilder. Das erhöht den Wirkungsgrad geringfügig – die angegebenen 89 Dezibel sind entweder sehr konservativ oder die Lautsprecher sind von der Basslast befreit subjektiv sehr gute Leistungsverwerter – und erleichtert die Aufstellung in europäischen Mietwohnungen. Wenn es unbedingt sein muss, kann The Pure relativ nahe zur Rückwand positioniert werden; ein Aspekt, der im ersten Stock einer Ranch im Mittleren Westen der USA eine untergeordnete Rolle spielt. Auch dürfte The Pure durch die vollflächig geneigte Schallwand mutmaßlich weniger Kantenreflexionen produzieren als die stufige Pyramidenbauform des Originals.

Einstein Audio The Pure Lautsprecher
Ihr Signal bekommt The Pure wahlweise komplett von der Endstufe, wobei ein kurzer Kabel-Jumper die beiden Gehäusehälften über massive Schraubklemmen verbindet, oder nur zum Teil für die Mittelhochton-Einheit. Für den Bass stehen dann Cincheingänge zur Verfügung, die direkt mit dem Ausgang der Vorstufe verbunden werden können. Beide Optionen haben ihre theoretischen (und finanziellen) Vor- und Nachteile bezüglich der Kabelwege, -längen und – bitte beachten! – Phasenlage. Bei annähernd gleichwertiger Verkabelung von in-akustik, Vovox und AudioQuest (Cinch) konnte ich im Hörvergleich keinen Unterschied ausmachen, über den es sich zu diskutieren lohnte. Gedankenspiele über Bi-Wiring könnte man anstellen, sinnvoll sind sie meines Erachtens nach aber nicht.

Unverfälscht, rein, effektfrei – The Pure

Mächtige Dreiwege-Systeme können nachhaltig beeindrucken, zeigen aber ihre Schwachstellen oft dann, wenn man genauer hinhört, wenn man sich auf Zusammenhänge in der Musik konzentriert. Auch jene ganz konkreter Natur, etwa wie glaubhaft ist ein Sänger im Verhältnis zum Schlagzeug im Raum positioniert, schwebt der Background-Chor über allem oder entfaltet er sich von einem festen Standpunkt aus? Aufgrund ihres eingangs erläuterten ungewöhnlichen Funktionsprinzips versprach ich mir von The Pure eine natürliche und betont homogene Wiedergabe – und wurde nicht enttäuscht.

 

Nach ein paar Versuchen mit der Aufstellung, bei denen The Pure sich bemerkenswert unkapriziös zeigte, führte mich mein Ohr zunächst zu den beiden Reglern für den aktiven Bass. Die Erkenntnis, dass weniger mehr sein könnte, folgte auf dem Fuß. Es lohnt sich, der Versuchung des Bassgewitters zu widerstehen. Auch wenn es bei „schmutzigen“ Hardrock-Scheiben – im Speziellen Them Crooked Vultures, das bislang einzige Album der gleichnamigen Supergroup um Dave Grohl, John Paul Jones und Josh Homme, den Cream des neuen Jahrtausends – verführerisch sein mag, von unten noch mehr Schub zuzuführen, wird anhand feinfühligeren Materials wie etwa Book Of Days vom Vokalensemble um Meredith Monk – wer das Album nicht kennt: Dead Can Dance in ernsthaft – schmerzlich deutlich, was man dafür eintauschen muss. Zu viel Oberbass bremst den wundervollen Breitbänder, kann ihn an seiner vollen Entfaltung hindern.

Einstein Audio The Pure Lautsprecher

Das fällt beim ungemein drängend und schmissig wiedergegebenen, raubeinigen und verzerrten „Scumbag Blues“, der mich tatsächlich an „White Room“ erinnert, nicht so sehr ins Gewicht wie beim mehrstimmigen, fließenden und filigranen Chorgesang der Avantgarde-Vokalisten, die von nasal bis brummend ein gewaltiges Farbspektrum als kompakte kompositorische Einheit präsentieren. The Pure kann diesen fragmentarisch erweiterten Soundtrack exemplarisch hochaufgelöst, mit genau der richtigen Dosis Empathie, viel- und tiefschichtig, geschlossen und als natürliches Klangensemble transportieren, sofern man das exklusiv teure Chassis von Fostex möglichst unbehelligt walten lässt. Es muss auf dem ehernen Fundament des Tieftons aufrecht stehen und sollte nicht bis zu den Knien darin versinken. Faszinierend ist die Fähigkeit der Pure, echten Tiefbass kontrolliert wiederzugeben, nicht der Knalleffekt.

 

Einstein Audio The Pure Lautsprecher

Genau wie bei einem Subwoofer muss man sich an das optimale Maß herantasten. Dazu nehme ich gerne Aufnahmen, die ich gut kenne. Ella Fitzgerald eignet sich in mehrfacher Hinsicht perfekt. „All Through The Night“, zunächst sogar mit abgeschaltetem Aktivbass, klingt überaus süß, verführerisch und detailreich, The Pure könnte auch als Zweiwege-Monitor schon überzeugen, die sehr feine Qualität des zentralen Fostex-Treibers kommt dabei voll zur Geltung. Aber es fehlt der voluminösen Jazz-Ikone eben doch an Körper und Substanz, an Erdverbundenheit. Fürs nötige Bauchgefühl schalte ich den Aktivbass eine Spur zu laut zu, um den Frequenzbereich herauszuhören, über dem er nicht mehr gebraucht wird, und verringere dann den Pegel bis zu dem Punkt, an dem der Präsenzbereich, die der Stimme inhärente Musikalität aufblüht. Am Ende flüstert Ella Fitzgerald, unterstützt von ihrer körperlichen Präsenz, vor dem Orchester, ihr Gesang dehnt sich in druckvolleren Passagen fast unendlich aus und bleibt bis in höchste Lagen vollkommen transparent. Selbst dann noch, wenn im Hintergrund breite Bläsersätze durchs Bild rauschen wie eine Dixieland-Band. The Pure hat nun all dies, was Fans von Breitbändern zu Recht so schätzen, und noch ein wenig mehr: umfassende, vollständige Glaubwürdigkeit.

Verstärkerfreundliche Last

Bedingt durch ihre außergewöhnliche Konstruktion verlangt The Pure ein wenig initiale Aufmerksamkeit. Wenn man aber die passenden Einstellungen einmal gefunden hat, belohnt sie mit einem selten gehörten, porentief reinen Klangbild, das bis ins kleinste Detail durchhörbar bleibt, aber nichtsdestotrotz die große Linie, den weiten Melodiebogen, die innere Spannung nicht aus den Augen verliert. Verstärkerleistung steht bei ihr nicht im Vordergrund, sie ließ sich weder von wattstarken Boliden wie einer Musical Fidelity M8-500s, Gato PWR-222 oder Audia Flight FLS4 (siehe FIDELITY 33) ins Boxhorn jagen, noch spuckte sie Röhrenendstufen wie die Air Tight ATM-3211 unverdaut wieder aus. In den letzten Wochen hat sie mehr als einmal – in Vollendung an den hauseigenen Silver-Bullet-OTLs – bewiesen, dass sie nicht nur ätherischen Melodiefahnen folgen kann, bis sie sich in vollendetem Wohlgefallen verlieren, sondern auch lustvoll die Wände erzittern lässt, wenn man ihr Zunder gibt. Einen Lautsprecher, der harten Bluesrock ebenso beherrscht wie Kammermusik für Cello und Flügelhorn, gibt es nicht? Lassen Sie sich von Einsteins The Pure eines Besseren belehren.

Einstein Audio The Pure Navigator

 

 

Lautsprecher Einstein The Pure
Funktionsprinzip: modularer 3-Wege-Standlautsprecher, geschlossen
Frequenzbereich: 20 Hz–35 kHz
Impedanz: 8 Ω
Wirkungsgrad: 89 dB
Bestückung: Pearless-Bass (26 cm, Papiermembran), Mitteltöner und Hochtonhorn von Fostex
Besonderheiten: aktiver Bass, regelbarer Hochton, unbeschalteter Mitteltöner, Spezialständer mit hohem Gewicht und exakter Neigung
Ausführungen: Edelstahl und schwarzes Acryl oder verschiedene Holzfurniere
Maße (B/H/T): 40/125/35 cm (inkl. Standfuß)
Gewicht: 110 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Paarpreis: 44 000 €

 

www.einstein-audio.de

 

Mitspieler:
Plattenspieler: TechDAS Air Force III
Tonarm: Einstein The Tonearm
Tonabnehmer: Einstein The Pick-up
Phonovorverstärker: Einstein The Phono Amp
CD-Player: Ayon CD-3sx
Vorverstärker: Einstein The Preamp, Tidal Preos
Endverstärker: Einstein The Silver Bullet, Air Tight ATM-3211, Musical Fidelity M8-500s, Gato PWR-222, Audia Flight FLS4
Lautsprecher: Avantgarde Acoustic Uno XD, Martin Logan Expression ESL 13A, Monitor Audio Platinum PL 300 II, Nubert nuLine 334, Nime Elite One
Kabel: in-akustik, Vovox, AudioQuest
Zubehör: AudioQuest, Sieveking Sound, Subbase Audio, Solidsteel

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