Classidelity: Rushes Ensemble: Michael Gordon – Rushes

Spätestens seit Koyaanisqatsi wissen wir, dass Minimal Music ein sinnliches, emotionales, verstörendes und überwältigendes Klangerlebnis sein kann. Die Kraft von Pattern, Phase und Puls vermag unser Denken und Fühlen in ekstatische Zustände zu versetzen. Als der Amerikaner Michael Gordon, Mitbegründer des Avantgarde-Ensembles Bang on a Can, vor einigen Jahren erstmals in ein Fagott blies (ausgerechnet ein Fagott!), entdeckte er auch dort eine ungewöhnliche Kraft der Vibration: Das Fagott hat etwas Gewichtiges, Urtümliches, geheimnisvoll Sonores.

Rushes Ensemble: Michael Gordon – Rushes

Rushes Ensemble: Michael Gordon – Rushes
Cantaloupe Music, 2014

Und als eine Gruppe von Fagottisten Gordon eines Tages um eine neue Komposition bat, entstand eben Rushes, dieses fast einstündige, ununterbrochene Werk für sieben Fagottisten – natürlich ein vibrierendes, pochendes, hypnotisierendes Spektakel. Was hier ertönt, erinnert an pulsierende Lichtspektren, an rhythmisch versetzte Signalfolgen, an rasch wechselnde Blinkmuster, aus deren Zusammenwirken zitternde Unschärfen und schwingende Flackerbilder entstehen. Der Komponist vergleicht den Höreffekt mit einem Seurat-Gemälde und spricht von „Nonstop-Salven ätherischer Schnellfeuer-Klangpunkte, die nahtlos von einem Instrument zum anderen wechseln“. Etwa bei Minute 20 erreicht Gordons postminimalistisches Werk dumpfe, dunkle Tiefen, steigt dann wieder zurück ans Licht und spaltet sich schließlich in Frequenzkontraste auf – ein gewaltiger Ohren- und Seelen-Trip. Am besten laut hören, aber Vorsicht bei der Kombination mit anderen Drogen!

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

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