Klangschloss Greifensee 2018

Gruß aus der Hörküche

Klangschloss Greifensee Schweiz 2018

Schon weit vor dem Sommer steht fest: 2018 wird mein persönliches „Schweizer Jahr“. Häufiger als je zuvor sammle ich im Alpenland bleibende Erinnerungen. Und der Besuch am schönen Greifensee weckt sofort angenehme Erinnerungen an letztes Jahr: identische Location, erstklassiges Festtagswetter, engagierte Aussteller. Das Klangschloss 2018, mittlerweile in der 13. Auflage, lässt sich gut an und enttäuscht nicht. Wenngleich, wie sich später herausstellt, der Besucherrekord vom vergangenen Jahr nicht wieder erreicht wird.

Frisch serviert in diesem Jahr: die „Kopfhör-Küche“ mit ausgesuchten Spitzenkopfhörern und passenden Spezialverstärkern. Eine willkommene Attraktion mit Hauptdarstellern von Stax, HiFiMan, Audeze, Abyss, Pawel Acoustics, Shure und Amoenus Audio und noch einigen anderen. Das audiophile Wettkochen um den besten Kopfhörerklang findet originellerweise – aber kaum wirklich überraschend bei einem Organisator wie Markus Thomann – in der picobello freigeräumten Schlossküche statt. Hier werden insgesamt 14 höchstklassige Magnetostaten und Elektrostaten aus ein und derselben Musikquelle bespielt, um beste Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Die Klang- und Passformunterschiede der diversen Schallmützen sind teils enorm – und durchaus überraschend. Unter den Probanden befindet sich auch ein originales, rund 40 Jahre altes und von Manfred Stein perfekt restauriertes Jecklin-Float-Modell, das sich keineswegs vor so manch frechem „Youngster“ zu verstecken braucht. Was ihm ohnehin nicht recht gelänge: Der Bezugstoff des Float-Youngtimers ist nämlich knallorange.

Lediglich zwei Kandidaten der Crème de la Crème der Kopfhörer sind nicht in der cool-gemütlichen Hörküche zu finden: Michael Sombetzki präsentiert seine einzigartigen „Personal Speakers“ namens ESL Home sinnvollerweise in einer Raumecke des Kellergewölbes. Sennheiser wiederum teilt sich eine der Schlosskammern mit Daniel Weiss. Der „digitale Düsentrieb“ führt im Demowechsel mit dem fantastischen Orpheus-Duo von Sennheiser seine stets aufs Neue verblüffende „Livebox“ vor. Und beide Demos sind auf jeweils völlig eigene Art mitreißend.

Was überhaupt für den Großteil der Aussteller und im weiteren Sinne auch für das gesamte Klangschloss gilt. Für die angenehme Atmosphäre der kleinen, feinen Messe ist wohl in erster Linie die entspannte, sach- und fachkundige Atmosphäre von Besuchern und Ausstellern verantwortlich. Und wer sich zwischen all den guten Vorführungen ein wenig Durchschnaufen oder einen kulinarischen Genuss gönnen will, setzt sein Ticket wie gewohnt als Getränke- und Snack-Bon ein. Auf der Terrasse sitzend lässt sich schon mal die Route zum benachbarten Gemeindehaus anschauen (kaum 150 Meter), um einen der vier Spezialvorträge zu besuchen, oder auch einen Blick auf die Renovierungsbauarbeiten des Nachbargebäudes werfen. Jenes wird übrigens, so Markus Thomann, nach seiner Wiedereröffnung die Ausstellerfläche der Messe spürbar vergrößern, die in diesem Jahr aus Platzgründen auf die Plattenbörse verzichten muss.

Klangschloss Greifensee Schweiz 2018

Von den vier sehr gut frequentierten Vorträgen auf dem Klangschloss 2018 besuche ich zwei: Ein launiger und wie immer unterhaltsamer Jürg Jecklin (ja, genau der!) referiert über Phantom-Schallquellen. Der Kollege Lothar Brandt wiederum knöpft sich in Wort und Sound „das Rockmusikjahr 1968“ vor, das er ausgerechnet mit dem Schmachtfetzen „Delilah“ eröffnet – in der knallharten deutschsprachigen Version vom bekannten Hardrock-Shouter Peter Alexander! Immerhin erspart uns diese „Nummer 2 der Charts von 1968“ den einzigen noch erfolgreicheren Achtundsechziger-Titel. Ach, Sie wollen wissen, welcher das wohl war? Da kommen Sie vermutlich nicht drauf. Ich jedenfalls habe „Monja“ eines gewissen Roland W. zuvor noch nie gehört (verzichte nach späterer Recherche auch gern weiterhin darauf).

Zeitgenössisches Rock’n’Roll-Feeling vermittelt Ralph Zünd auf dem Klangschloss. Er bietet in der Nachbarschaft von Vovox-Klangleitern und Sombetzki-Elektrostaten seine speziellen, durch und durch analogen Produktionen nach dem „straight2tape“-Verfahren selbst via Kopfhörer überaus überzeugend dar. Mehr zu „straight2tape“ und den dazugehörigen Live-Konzerten in den 2INCH-RECORDS in einer kommenden FIDELITY-Ausgabe. Bis dahin empfehle ich einen genaueren Blick auf die bisherigen Analog-Produktionen von 2INCH-RECORDS: mit Paolo Mendonça und Souls Revival. Beide sind auf erstklassigem Vinyl, aber auch als einzeln angefertigte Masterkopie auf Tonband zu bekommen.

Apropos Tonband: Klassische High-Fidelity-Komponenten mit Tonbandmaschinen-Beteiligung finde ich auf dem Klangschloss 2018 erneut bei Jürg Schopper. Doch so gut es hier auch klingt: Bei ausnahmslos jedem Swissonor-Besuch wird hier ungehemmt und vernehmlich geplaudert, was dem saftig-kräftigen Klangvergnügen nicht wirklich zuträglich ist. Wunderbar ruhig hingegen – und auch deutlich „neuzeitlicher“ – geht es bei Tobian Sound Systems zu. Bei Günter Tobian spielen nicht nur gute Vinylquellen, sondern auch Streaming und der DAC-Einsatz wesentliche Rollen, um die hauseigene Röhrenelektronik und die vorzüglichen Koaxial-Lautsprecher klanglich zum Glänzen zu bringen. Die Kette mit einem analogen Frontend, das mit Langer, Origin Live und Lyra bestückt ist, spielt an der Tobian 10 flüssig und quirlig, vielleicht am ersten Messetag noch eine Spur zu hell, was sich am Sonntag aber schon harmonisiert hat. Günter Tobian und Michael Kromschröder werfen sich kurz vielsagende Blicke zu und lassen verlauten, man hätte tatsächlich lieber ein komplett eingespieltes System mit nach Greifensee mitgebracht. Die hörbare Verbesserung am zweiten Messetag sei den zusätzlichen Betriebsstunden geschuldet.

Prinzipbedingt völlig anders als überall sonst klingt es bei MBL. Doch deren Rundumstrahler können mich – trotz grundsätzlich großer Sympathie für das omnidirektionale Abstrahlprinzip – in diesem Jahr nicht vom Hocker hauen. Zu harmlos und auch indifferent intoniert beispielsweise Rebecca Pidgeon ihr „Spanish Harlem“ im MBL-Raum. Wieder mitreißend präsentieren sich Illusonic und QUAD im oberen großen Raum des Schlosses. Wobei von den aufgestellten QUAD ESLs im Grunde genommen nichts zu sehen ist: Sie sind hinter einem schalldurchlässigen Vorhang positioniert, und zwar als Trio. Markus Thomann demonstriert mittels Knopfdruck den mitunter drastischen Unterschied, wenn die übliche Stereo-Wiedergabe (zwei Schallquellen) durch eine zusätzliche, per Illusonic perfekt eingebundene Center-Schallquelle unterstützt wird. Mit dem dritten Weg klingt’s mehr „live“, Bühne, Stimmen und Instrumente bekommen mehr Gestalt und besseren Fokus. Spannende Sache!

Geradezu klassische stereofone Prioritäten herrschen auf der gegenüberliegenden Seite des gleichen Raumes. Im Wechsel mit Illusonic/QUAD präsentiert Blumenhofer seine Hornlautsprecher an dänischer Verstärker-Elektronik von Gato Audio und eidgenössischem Digital-Equipment von Merging Technologies, standesgemäß unterstützt von Cammino (Netztuning) und Dr. Andrea Vitali (Knowledge), der übrigens im Verlauf des Klangschloss-Events noch einen einführenden Vortrag zum Thema Hornlautsprecher absolvieren wird.

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Totales Extrem-Tuning ist ein Hauptthema bei Audiophil-Dreams. Chef-Tuner Thierry Mayer hat in der präsentierten Kette wirklich alle beteiligten Komponenten mechanisch entkoppelt bzw. „behandelt“, inklusive Kabel, Netzteile und Minirechner. Zahlreiche zusätzliche Akustik- und Entstör-Elemente, die im Raum verteilt sind, sollen dafür verantwortlich sein, dass dieses derart umsorgte Set-up auf dem Klangschloss tatsächlich derart rund und offen tönt. Die Freude über teils erstaunlich günstige Basis-Komponenten wird allerdings von den mitunter kostspieligen Tuningmaßnahmen geradezu konterkariert. Bei Kii Audio wiederum besteht das einzige sichtbare „Tuning“ aus mehreren stategisch eingeklemmten Stoffstücken, um die Türen des im Raum befindlichen Schranks vom Mitrasseln abzuhalten. Denn die hier spielende, digital voll entzerrte und kontrollierte Kii Three schaufelt trotz kompakter Bauweise erstaunliche Bässe in den Raum. Doch als dann „Happy Merry Christmas“ gespielt wird (im Mai!), verlasse ich vergleichsweise fluchtartig den Raum.
Teils ebenso vollmundig, zugleich aber auch entspannter klingt es durchweg im Piega/Devialet-Raum, wo Piega-Mastermind Kurt Scheuch gleich drei optimierte Set-ups persönlich „abgesegnet“ hat. Darunter eine Spezialversion der Coax 511, die nicht nur zwei, sondern vier dynamisch angetriebene Bässe im geschlossenen Gehäuse zu bieten hat und von den Devialet-Amps sehr gut kontrolliert wird. Das gefällt mir persönlich sogar noch besser als die hier ebenfalls demonstrierte MLS2, was aber wohl auch mit der Tagesform des Autors zu tun hat. Oder mit dem für eine MLS2 vielleicht etwas zu knapp bemessenen Raum?

Thematisch zunächst etwas überraschend wirkt ein Stand von Amplifon im Obergeschoss des Schlosses. Hier stellt jedoch nicht etwa die polnische Röhren-Manufaktur Amplifon ihre Schwergewichte aus, sondern das irritierenderweise gleichnamige (immerhin deutlich größere und bekanntere) Unternehmen für hochklassige Hörhilfen. Nachdem mir ein sympathisches Besucherpärchen im besten Alter eine geradezu romantische Szene liefert („Ach Schatz, weißt du noch …“) und mir gleich darauf eine wirklich sehr junge Besucherin (im Grundschulalter) mit fröhlichem Hörschutz entgegenlächelt, nehme ich freundlich beschwingt die vielen Treppenstufen hinunter ins Erdgeschoss, um einen kleinen Espresso zu genießen. Gemütlich auf der Terrasse sitzend halte ich dann sogar einen aufdringlichen Verschwörungstheoretiker am Nebentisch aus. Die gibt es wohl überall, sogar am schönen Greifensee. Ein paar Minuten später entferne ich mich grußlos von dem (mittlerweile mit sich selbst schimpfenden) Misanthtropen und begegne ihm auf meiner nächsten intensiven Runde durchs Klangschloss auch nicht mehr. Bei den allermeisten der insgesamt 550 Besucher blicke ich jedenfalls in zufriedene Gesichter.

Klangschloss, ich komme wieder. Der 30. und 31. März 2019 ist schon notiert.

 

www.klangschloss.ch

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