Konzertsaal auf großer Tour

Die Oberklasselimousine S90 von Volvo hätte ich auch ohne Musikanlage gern zur Probe gefahren. Mit amtlichem Soundpaket von Bowers & Wilkins macht es natürlich doppelt Spaß

Da sind sie genau an den richtigen geraten: Als großen Fan der Fahrzeuge aus Schwedenstahl, musste Volvo mich nicht lange bitten, einen S90 mit B&W-Soundausstattung zu testen. Privat fahre ich einen fast zwanzig Jahre alten Volvo C70 der ersten Generation (das viertschönste Auto, das Volvo je gebaut hat), übrigens das erste Fahrzeug mit High-End-Anlage von Dynaudio als Serienausstattung – der mechanisch ausfahrende Dreifach-CD-Wechsler fasziniert Mitfahrer noch heute. Mit dem deutlich bulliger wirkenden S90 hat der mittlerweile selten zu bewundernde Oldie nicht mehr viel gemeinsam, bis auf den Umstand, dass auch der S90 Zeugnis ablegt vom Stilbewusstsein und der Individualität des Fahrers und ihn dadurch umgehend attraktiver erscheinen lässt.

Volvo S90 Bowers & Wilkins

Von der allgemeinen Entwicklung zum selbstfahrenden Auto kann und will Volvo sich nicht ausschließen. Auch der S90 ist nicht mehr das, was man als Fahrerauto bezeichnen würde, sondern eine Sänfte für Passagiere, wozu über kurz oder lang auch der Fahrer gehören wird. Es ist diesen Fahrzeugen egal, dass es durch jede Kurve eine fahrzeugspezifische Ideallinie gibt, sie nehmen lieber die, die genau mittig zwischen den Fahrbahnmarkierungen verläuft, denn diese kann der Spurhalteassistent zumeist erkennen. Zwischen den Zeilen lesen Sie wahrscheinlich heraus, dass ich mit dieser Richtung nicht völlig einverstanden bin, aber das lässt sich nicht mehr aufhalten und ist nun wirklich kein ausgesprochenes Volvo-Manko. Ich kümmere mich besser um die rundweg positiven Aspekte dieses Tests: das B&W-Soundsystem.

Das Herzstück der Installation bildet ein zwölfkanaliger Class-D-Verstärker mit 1400 Watt Gesamtleistung. Er versorgt 19 im Fahrzeug verteilte Lautsprecherchassis, einige davon sind leicht zu finden, wie der auf der berühmten Nautilus beruhende Hochtöner nach Tweeter-on-top-Technologie mittig am unteren Ende der Windschutzscheibe, andere sind gut im Blech versteckt, wie beispielsweise der von Volvo „Fresh-Air-Subwoofer“ genannte Basstreiber im Heckabteil. Abgesehen davon sind noch vier langhubige Tieftöner in der Nähe jedes Sitzes platziert. Hoch- und Mitteltöner treten dagegen immer paarweise auf, was der Homogenität und Ortungsschärfte zugutekommt; am auffälligsten sind die gelben Membranen der Mitteltöner in den Türverkleidungen.

Über das Touch-Display in der Mittelkonsole, die digitale Schaltzentrale des Wagens, lässt sich das Soundsystem umfassend regeln: Alleinfahrer legen den Sweetspot auf den Fahrersitz, müssen Passagiere transportiert werden, kann der Fahrer zugunsten der anderen Sitzplätze auf sein optimales Stereopanorama verzichten. Aus persönlicher Erfahrung möchte ich anmerken, dass es nicht gut ankommt, dies als Druckmittel einzusetzen. Auf der ersten Etappe meiner Tour, die mich durchs frühlingshafte Voralpenland führte, war ich noch alleine und nutzte die Gelegenheit, mich ausführlich mit den angebotenen Presets – unter anderem haben Volvo und B&W sehr überzeugend die Göteborger Konzerthalle in den Fahrgastraum gefaltet – vertraut zu machen. Für nüchterne Hörer (und das sollte man als Fahrer im Wortsinn ohnehin sein) gibt es eine „Studio-Einstellung“, die tatsächlich sehr neutral klingt, mit hoher Auflösung und faszinierend realistischer Bühnendarstellung. Ein so greifbares Stereopanorama habe ich in einem Fahrzeug noch nicht gehört, vielleicht ist das sogar die größte Leistung der Ingenieure von Bowers & Wilkins. Das letzte Album You Want It Darker des verstorbenen Song-Poeten Leonard Cohen erreicht mühelos die Abbildungsschärfe von gehobenem HiFi, was für, ich nenne es untertrieben einfach mal Car-HiFi, eine erstaunliche Leistung darstellt. Insbesondere das ineinander gleiten unterschiedlicher Frequenzbereiche, Cohens tiefe, brüchige Stimme und der engelsgleiche Backgroundchor beispielsweise, gelingt dem B&W-System absolut stimmig und bruchlos – möglicherweise eine der positiven Auswirkungen der räumlichen Nähe von Mittel- und Hochtönern. Als Audiophile wissen wir Punktschallquellen nicht ohne Grund zu schätzen. „Studio“ ist für Hörer, die es genau wissen wollen, die exakt richtige Einstellung und ein krasser Gegensatz zur effektvollen Göteborger Konzerthalle, die mir – ich schäme mich fast, es zuzugeben – dennoch mehr zusagte.

Volvo S90 Bowers & Wilkins

Göteborger Konzerthalle: Das passt doch niemals alles in ein Fahrzeug! Doch, in den neuen Volvo S90 schon.

Ich empfand das Klangbad auf entspannten Autobahnetappen – inzwischen befand ich mich auf dem Weg ins Saarland, um dem Kollegen Georg Jatta auch einmal das Fahrvergnügen einer Oberklasselimousine zu gönnen – als sehr unterhaltsam. Der volle Sound des virtuellen Konzertsaales funktioniert aus meiner Sicht auch bei sperriger Rockmusik von Grinderman oder Country-Musik, von der ich bei jedem Ausritt grundsätzlich ausreichend Material dabei habe. Sogar der witzige Effekt von Nachrichtensprechern in unendlichen, leeren Weiten hat mich nicht sonderlich gestört. Anfangs hatte ich das als Marketing-Gag abgetan, muss meine Meinung aber revidieren: Die „Göteborger Konzerthalle“ ist eine ernst gemeinte Option, wenn auch keine streng neutrale oder gar analytische. Aber es gibt noch einen Mittelweg zwischen klinischer Studioabstimmung und der Doppelrahmstufe des virtuellen Konzerthauses: Die individuelle Option klingt zwar in der Grundeinstellung für meinen Begriff ein bisschen blutarm, lässt sich aber mit wenigen Wischbewegungen auf einem sinnvoll gegliederten Equalizer individuell sehr genau anpassen: Die Wahl für alle, die bereit sind, fünf Minuten Einarbeitungszeit für den perfekten Klang zu investieren.

Volvo S90 Bowers & Wilkins

Edles Leder im Innenraum. Hinter den Alublenden links und rechts sitzen Hoch- und Mitteltöner, mittig unter der Windschutzscheibe ein Tweeter-on-top nach dem Nautilus-Prinzip

Der Volvo S90 verfügt zwar über ein CD-Laufwerk, aber wirklich genutzt habe ich es nicht. Mir reichte für meinen mehrtägigen Ausflug ein kleiner USB-Stick, der in einem geschlossenen Fach der Mittelkonsole Anschluss fand. Für die „kleine“ Steuerung während der Fahrt, also Titelsprünge und Pegelregelung, genügt ein Knopf am Multifunktionslenkrad oder ein schöner Drehregler unterhalb des Touch-Displays, dessen Bedienung während der Fahrt bitte nur unter äußerster Vorsicht geboten ist. Es macht durchaus einen Unterschied, ob man Knöpfe drückt, von denen man genau weiß, wo sie sind und wie sie wirken, als über einen Bildschirm zu wischen, der mehr Aufmerksamkeit fordert, als man im fließenden Verkehr übrig haben sollte.

Volvo S90 Bowers & Wilkins

Von links nach rechts: Volvo S90, Volvo V90 und Volvo XC90

Es war ein sonniger Vormittag als Kollege Jatta, der texanische Songschreiber Ben Kweller und der Chauffeur, dessen Rolle mir wie auf den Leib geschneidert passte, einen Sightseeing-Ausflug zur Boucle de la Sarre, wie wir Frankophilen die Große Saarschleife bei Mettlach poetisch nennen, unternahmen. Natürlich wollten wir auch in der Göteborger Konzerthalle sitzen, weshalb ich mit glücklicherweise nur geringfügig überhöhter Geschwindigkeit in einer 30er-Zone geblitzt wurde, während ich das Touch-Display bediente. Merke: siehe oben. Im krassen Gegensatz zu Ben Kweller und B&W, die die spärlich instrumentierten Americana-Songperlen auf Changing Horses mit vereinten Kräften direkt und ohne Umwege auf den Punkt brachten, mäandert die Saar auf einem riesigen, völlig unnützen Bogen durch den Taunusquarzit als hätte sie alle Zeit der Welt. Andererseits wiederum hat der gemächliche Fluss eine ähnlich beruhigende Wirkung wie das von sanfter Ironie durchzogene Country-Album. Gerade bezüglich des Timings bei Stücken wie dem Honky-Tonk-Rhythmus folgenden „Sawdust Man“ oder dem quälend gezogenen „Wantin‘ Her Again“ setzt B&W Maßstäbe: Ein highendiger, detailreicher und in sich vollkommen stimmiger Zugang zur Musik, wie man ihn im Auto bislang nur in wirklich edel ausgestatteten Porsches hören konnte. Ben Kweller sitzt, seine Akustische lässig auf dem Knie, zwischen Georg Jatta und mir, aber etwas vor uns auf der Motorhaube und haucht mit jungenhafter Stimme „Gypsy Rose“ in den vollkommen mit Musik erfüllten Fahrgastraum. Auf der langen Heimfahrt nach München überkommt mich manchmal sogar der gar nicht so weit weg liegenden Gedanke, dass es sich beim Volvo S90 weniger um eine Limousine mit hochwertiger Stereoanlage handelt, als vielmehr um eine mobile Highend-Anlage. Unterstützt von allerlei Assistenzsystemen, die mir den eigentlich lustvollen Vorgang des aktiven, möglichst geschickten Fahrens abnehmen, kann ich mich vermehrt auf die Musik und ihre ausgezeichnete Wiedergabe konzentrieren – schade, dass man dabei die Augen (noch) nicht schließen kann.

Volvo S90 Bowers & Wilkins

Passende Fahrerschuhe hat Volvo ebenfalls im Angebot

Volvo S90 Bowers & WilkinsInfo

Volvo S90 Oberklasselimousine ab ca. 45.000 Euro

Aufpreis für B&W-Soundsystem: rund 3000 Euro

Unser Testmodell mit 4-Zylinder-Benzinmotor: rund 85.000 Euro

 

Weitere Informationen

www.volvocars.com

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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