Albumdoppel: Mit gebeugtem Rücken

Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. Auch Plattenhüllen werden „gecovert“. Das gecoverte Cover – ist es witzige Anspielung oder respektvolle Verehrung, Parodie oder tieferer Sinn?

Alles ganz rätselhaft. Ein alter Mann mit Bart und Hut, gestützt auf einen Stock, auf dem gebeugten Rücken ein großes Bündel Brennholz. Dieses Bild steckt in einem alten, ramponierten Rahmen, der Rahmen hängt an einer Zimmerwand, von der sich die altertümliche Tapete abschält. Klappt man die Albumhülle auf, erscheint die Zimmerwand als der Rest eines abgerissenen Hauses. Wo die Wand abbricht, blickt man auf britische Suburbia-Tristesse: braune Ziegel, ein profilloses Hochhaus, Bäume und Büsche, viel weißgrauer Himmel. Nirgendwo aber steht der Name des Albums oder der Name einer Band. (Nicht einmal Label und Bestellnummer.) Wer soll diese Platte nur kaufen?

Albumdoppel

Wir rühren hier an die Mythen des Rock. Denn dieses Album gehört zu den berühmtesten der Musikgeschichte. In den USA steht es noch heute auf Platz 2 der meistverkauften Alben aller Zeiten – und auf diesem Platz wird es nach menschlichem Ermessen für alle Zeit verharren. Rund 23 Millionen Mal haben die Amerikaner das unbeschriftete Album gekauft, etwa doppelt so oft wie Sergeant Pepper’s. In Deutschland dagegen hat die Platte – enttäuschenderweise – nicht einmal die erste Million erreicht. Aber in der Tat: Sie trug keinen Namen. Dort, wo auf dem Plattenetikett der Albumtitel stehen müsste, finden sich nur vier rätselhafte Symbole. Doch das bremste diese Platte nicht. Weil der Vorgänger III hieß und der Vorvorgänger II, wurde das Album schließlich als IV bekannt – auch ohne offiziellen Albumtitel. Led Zeppelin Vier. Die Mechanismen des Marketings waren in den Siebzigerjahren noch innovativ und unberechenbar.

Led Zeppelin IV

Led Zeppelin – IV
Atlantic, 1971

Berühmt wurde die Platte vor allem wegen eines Stücks, das da heißt: „Stairway To Heaven“. Ein Champion-Stück, dessen galaktische Popularität bis heute nicht restlos erklärt werden konnte. Tausendfach ausgezeichnet als beste Rockballade aller Zeiten, tausendfach gecovert und parodiert. Auch geehrt für das beste Gitarrensolo, den verquersten Songtext, das häufigste Airplay und meinetwegen die inspirierteste Bassblockflöte. Wer das Stück heute noch hören kann, hat vermutlich damals noch nicht gelebt.

Aber die Platte ohne Namen bietet zum Glück noch andere Highlights: Gleich der erste Track zum Beispiel, „Black Dog“, ist ein absoluter Hardrock-Klassiker und dabei völlig einzigartig. Da sind diese viertaktigen Gesangs-Breaks (der Rhythmus setzt aus), da ist dieser irre Riff im 5/4-Takt (über einem 4/4-Beat), da ist die Riff-Fortführung (eine Quart tiefer), und dann gibt es noch einen Oh-yeah-Abschnitt, einen Ah-Ah-Teil und einen Hey-baby-Part. Und natürlich ein Gitarrensolo. Kann man in fünf Minuten noch mehr hineinpacken?

Dread Zeppelin 5.000.000

Dread Zeppelin – 5.000.000
IRS, 1995

Bleibt das Albumcover: der Mann mit dem Brennholz, ein Stück britischer Folklore, eine Pop-Art-Provokation, echt rätselhaft. Wer käme wohl auf die Idee, dieses seltsame Cover zu covern? Natürlich eine Led-Zeppelin-Coverband! Nun gibt es ja grundsätzlich zwei Sorten von Coverbands: die Sorte, die genauso klingen will wie das Original, und die Sorte, die bewusst nicht so klingt. Dread Zeppelin gehören zur zweiten Sorte. Sie spielen zwar Led-Zeppelin-Songs, aber anders. Allerdings konnten sie sich über die Richtung, in die sie gehen wollen, nie so ganz einig werden. Die eine Hälfte der Band meinte: Reggae! Die andere: Elvis! Und so sind sie die weltweit einzige Rockband geworden, die Led-Zeppelin-Songs im absolut surrealistischen Reggae-plus-Elvis-Style covert. Die Künstlernamen der Musiker spielen dabei entweder auf Led Zeppelin an oder auf Jamaika oder – genau wie der Name der Band – auf beide: etwa „Jah Paul Jo“. Ihr Elvis dagegen nennt sich Tortelvis, heißt eigentlich Greg Tortell und war wirklich einst in Las Vegas als gewichtiger Presley-Imitator tätig. Und der Titel ihrer zweiten Platte lautet nicht IV, sondern viel größer: 5,000,000*. Natürlich eine Anspielung auf die Presley-Compilation von 1959.

Übrigens haben Dread Zeppelin noch eine Menge mehr drauf als nur Reggae- und Elvis-Verfremdungen. Die Band rockt auf ihre Weise – und sie hat Humor in jedem Takt! Ihre Cowboy-Karibik-Rock-Version von „Stairway To Heaven“ gehört definitiv zu den fünf originellsten und witzigsten der Myriaden von Cover-Aufnahmen dieses Songs. Das Album bietet nebenbei noch ein Bob-Marley-Cover („Stir It Up“), einen alten Rock’n’Roll-Song aus dem Led-Zeppelin-Live-Repertoire („The Train Kept A-Rollin’“) sowie auch drei starke eigene Nummern zwischen Page, Presley und Jamaika-Pop. Und wer ist der Mann auf der Hülle? Er nennt sich Charlie Haj und ist, wie man sieht, Dienstleistender. Dass er immer Billard-Queues auf dem Rücken herumschleppt, darf man bezweifeln. Realistischer sind das Handtuch in seiner Hand und die Hawaii-Blumenketten. Charlie Haj soll nämlich als der freundliche Konzert-Assistent des pfundigen Tortelvis gewirkt haben. Als Mann für Wasserflasche und Schweißtuch.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

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