Die ultimative Liederfibel

Die schönsten und schrägsten Rekorde aus der erstaunlichen Welt der Musik

Kurz, aber nicht schmerzlos

Napalm Death

Napalm Death – Scum
Earache, 1987

Eine Band mit dem so trostlosen wie verstörenden Namen Napalm Death würde auf diesen Seiten wohl eher keine Erwähnung finden – wenn sie nicht den kürzesten Song der Welt aufgenommen hätten. Er dauert genau drei Sekunden, in einer ultraschnellen Version sogar noch kürzer. Und wie klingt das dann? Schwer zu sagen. Alles ist so schnell wieder vorbei. Da kommt das Ohr ja gar nicht mit! Ob das der Grund dafür ist, dass Fans bei Konzerten immer wieder nach diesem Songs rufen? Bis zu 50 Zugaben hintereinander sollen schon gefordert worden seien. Oder doch Masochismus? Wer weiß. Vielleicht ist der Songtitel Programm, immerhin lautet er „You Suffer“. Der Vollständigkeit halber sei auch noch der gesamte Liedtext zitiert: “You suffer – but why?”

Napalm Death

Hetzen in drei Sekunden durch den kürzesten Song der Welt: Napalm Death

 

Ziviler Ungehorsam

Ach, war das schön! 26 Minuten „Shine On You Crazy Diamond“ von Pink Floyd! 11:40 Minuten „The End“ von den Doors! Allein drei Minuten Gitarrensolo im zehnminütigen „Child In Time“ von Deep Purple. Jenes entspricht genau der Zeit, die ein durchschnittlicher Popsong heute dauern darf, um im Radio gesendet zu werden. Das Lied „Zwei Jahre in“ der Hamburger Formation Phrasenmäher lässt sich so gesehen fast schon als ziviler Ungehorsam bezeichnen. Es dauert 90 Minuten und zehn Sekunden, besteht aus über 11000 Wörtern und 494 unterschiedlichen Refrains und bekam damit 2014 einen Eintrag im Guinessbuch der Rekorde als längstes jemals veröffentlichtes Lied. Im Radio läuft es natürlich nicht. Dergleichen Projekte finden heute im Internet statt. Auch das Video ist dort zu sehen. In Spielfilmlänge. Für alle, die nicht so viel Zeit haben, gibt es auch eine Kurzversion.

Phrasenmäher

Die Hamburger Formation Phrasenmäher

 

Bandwurminstrumentalsongtitelzeichenrekord

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Der längste Songtitel der Musikgeschichte geht auf das Konto der Rednex

Der Vollständigkeit halber seien nicht nur der kürzeste und der längste Song der Welt, sondern auch das Lied mit dem bislang längsten Titel der Welt erwähnt. Umfangreiche Recherchen haben ergeben, dass es der Song „The Sad But True Story Of Ray Mingus, The Lumberjack Of Bulk Rock City, And His Never Slacking Stribe In Exploiting The So Far Undiscovered Areas Of The Intention To Bodily Intercourse From The Opposite Species Of His Kind, During Intake Of All The Mental Condition That Could Be Derived From Fermentation“ des schwedischen Musikprojekts Rednex sein müsste. Mit „nur“ 52 Wörtern hat es zwar ein Wort weniger als der Song „The Black Hawk War, Or, How To Demolish An Entire Civilization And Still Feel Good About Yourself In The Morning, Or, We Apologize For The Inconvenience But You’re Gonna Have To Leave Now, Or, ‘I Have Fought The Big Knives And Will Continue To Fight Them Until They Are Off Our Lands!‘“, der auf dem Album Illinois des US-amerikanischen Folkmusikers und Multiinstrumentalisten Sufjan Stevens zu hören ist. Der hat aber „nur“ 284 Zeichen, der Rednex-Song sogar 308. Beide kommen ansonsten ganz ohne Worte aus: Sie sind instrumental.

Rednex - Sex & Violins

Rednex – Sex & Violins
Jive/Sony Music, 1995

 

Das bekannteste Lied der Welt

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Kennt jeder: “Happy Birthday”. Die Rechte an dem Song gehören Warner Music

Ja, welches ist es denn nun? Vielleicht „Yesterday“ von den Beatles? Der Weihnachtsdauerbrenner „Jingle Bells“? Das gute alte Volkslied „Nehmt Abschied Brüder“, in seiner originalen Version ein traditionelles Neujahrslied in englischsprachigen Ländern? Der Hafengasssenhauer „La Paloma“, der schon seit 150 Jahren um die Welt reist? Das napoletanische „O Sole Mio“, von dem fast jeder zumindest die ersten drei Töne singen kann? Schon richtig: Sie alle tummeln sich in puncto Bekanntheitsgrad auf den vordersten Plätzen. Dennoch gibt es wahrscheinlich einen Song, der noch bekannter ist als alle anderen. Den wirklich jeder irgendwann schon einmal gehört oder selbst gesungen hat. Je nach Alter, Sangeskunst und Alkoholpegel geschmettert, gegröhlt oder geträllert, mit stolzgeschwellter Brust empfangen, lächelnd entgegengenommen, zähneknirschend erduldet hat. Denn jeder hat einmal im Jahr Geburtstag. Macht derzeit, jedenfalls theoretisch, über sieben Milliarden Gelegenheiten pro Jahr, „Happy Birthday“ zu singen. Wussten Sie übrigens, dass das Lied urheberrechtlich geschützt ist? Wer jetzt einwenden will, dass so sein Song doch nur Allgemeingut sein könne, dem sei gesagt: Nix da. In privater Runde dürfen Sie ihn singen, wie und so oft Sie wollen. Aber Vorsicht, wenn Sie ein Geburtstagskind in der Öffentlichkeit damit ehren wollen: Seit 1935 ist das Copyright für Melodie und Text in den USA registriert.1989 hat Warner Music die Rechte gekauft und verdient seither sage und schreibe zwei Mio. Dollar jährlich an den Geburtstagen anderer Leute. Die US-amerikanische Regisseurin Jennifer Nelson von der Produktionsfirma Good Morning to You Productions klagt derzeit dagegen. Das Ergebnis ist noch offen. Deutschland muss sich ohnehin nur noch ein bisschen gedulden: 2016 ist die urheberrechtliche Frist in Europa ohnehin abgelaufen. Dann gehört der bekannteste Song der Welt jedenfalls diesseits Atlantiks endgültig der Allgemeinheit.

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Multilinguales Liedgut

LiederfibelMit Musik geht alles besser. Auch Fremdsprachen. Wer möglichst viele lernen will, kann sich zu diesem Zweck die Internationale vornehmen. Die ehemalige Hymne der Arbeiterbewegung ist in mehr Sprachen übersetzt worden als jedes andere Lied. Nämlich quasi in alle. Es gibt sie auf Albanisch und Japanisch, auf Nepalesisch und Chinesisch und von Arabisch bis Zulu. Auf zweierlei Kurdisch, dem irakischen und dem iranischen. In Quechua, der Sprache der Andenindianer in Südamerika und auf Maori, der Sprache der neuseeländischen Ureinwohner. Auf Altgriechisch und Neugriechisch, auf Hochdeutsch und Plattdeutsch, in britischem, amerikanischem und südafrikanischem Englisch. Und so weiter. Historischer Exkurs: Den französischen Originaltext der sozialistischen Kampfeshymne schrieb der Dichter und Kommunist Eugène Pottier 1871, nachdem er die gewaltsame Niederschlagung der Pariser Kommune durch die reaktionäre französische Regierung überlebt hatte. Die Melodie zum Text komponierte der belgische Liedermacher Pierre Degeyter 1888.

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Historische Hymne

Einen Text über die älteste Musiknotation der Welt zu schreiben ist nicht leicht. Das liegt nicht am Thema, sondern an den Dingen, die nicht in diese Rubrik gehören. Ginge es nur um das Thema, könnte man einfach erzählen, dass die Hurriter im 3. und 2. Jahrtausend vor Christus in Nordmesopotamien lebten und der Welt einige 3400 Jahre alte Tontafeln hinterließen, die in den 1950er Jahren gefunden wurden. Man könnte weiter erzählen, dass auf einer dieser Tontafeln eine Keilschrift zu finden war, die als eine Kombination aus Text und Noten entschlüsselt werden konnte. Man könnte erzählen, dass beides zusammen als hurrian hymn, auf Deutsch auch Nikkal-Hymne, bekannt wurde, und dass das Lied von der Hochzeit der hurritischen Göttin Nikkal und dem westsemitischen Mondgott Jarih handelt. Dann muss man aber auch erzählen, dass die Tontafeln in der antiken Hafenstadt Ugarit, der heutigen Ruinenstätte Ras Schamra gefunden wurden. Die liegt in Syrien, und das ist der Grund, warum man auf der Suche nach weiteren Informationen zu den Tontafeln irgendwann auf der syrischen Website www.heritageforpeace.org  landet, wo man nachlesen kann, wie manche Syrer versuchen, neben ihrem Leben auch noch ihre Jahrtausende alten Kulturschätze zu retten.

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Auf der Suche nach Klangbeispielen stößt man auf die US-amerikanische Assyriologin Anne Kilmer, die die Notation auf den Tontafeln in den 1970er Jahren als erste transkribierte. Man stößt auf den Komponisten und Lyraspieler Michael Levy, der seine Interpretation der uralten Melodie auf originalgetreuen Nachbauten antiker Lyras zum Besten gibt, auf den Multiintrumentalisten Tim Rayborn und den Funkmusiker Daniel Bedrosian, der zum Beispiel mit George Clinton, bei Parliament und Funkadelic mitspielt und der Hymne einen entsprechend moderneren Touch verleiht. Und man stößt auf den syrisch-amerikanischen Pianisten Malek Jandali. Er war der erste arabischstämmige Musiker, der die Nikkal-Hymne interpretierte, und zwar herrlich dramatisch mit großem Orchester, wobei dramatisch plötzlich zu einem beschämend unpassenden Wort wird, sobald man nur ein wenig weiter recherchiert. Malek Jandali wuchs in Homs auf, gibt Benefizkonzerte für die Menschen in Syrien. Für eine Komposition, die er dem ermordeten Volkssänger Ibrahim al-Qashoush gewidmet hat, bekam er Morddrohungen. Das alles gehört längst nicht mehr in diese Rubrik. Aber die Heimat der ältesten Musiknotation der Welt ist nun einmal Syrien.

 

Weitere Rekorde

Live-Rekorde: Wer kann am längsten? Und wenn ja, was? Wer hat die meisten? Und wenn ja, wovon?

 

Info

www.napalmdeath.org

„You Suffer“ zu hören auf dem Album Scum (Earache, 1987)

Rednex: „The Sad But True Story Of Ray Mingus“, zu hören auf dem Album Sex and Violins (Jive/Sony Music, 1995)

Sufjan Stevens, The Black Hawk War, zu hören auf dem Album Illinoise (Rough Trade/Beggars Group, 2005)

Die Internationale:

www.antiwarsongs.org

www.kampflieder.de

Längster Popsong:

www.hochklappdings.de

Album: Zwei Jahre in (Columbia, 2014)

Hurrian Hymn: Interpretationen von

Anne Kilmer: Sounds from Silence (Bella Roma Music, www.bellaromamusic.com)

Michael Levy: An Ancient Lyre (CD Baby, www.ancientlyre.com)

Tim Rayborn: „Hurrian Hymn To Nikkal“ auf dem Album Qidar (Kalamindar, 2004)

Daniel Bedrosian: Seri Mistik (Bozfonk Moosick, 2011)

Malek Jandali: Echoes From Ugarit (Soul b Music, 2009; www.malekjandali.com)

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

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