Buchprüfung: Maarten ’t Hart – Bach und ich

Ratten und Kantaten

Er kennt sich mit Ratten aus, aber ebenso mit Menschen. Der niederländische Verhaltensbiologe Maarten ’t Hart schreibt auch Romane, es dürften inzwischen an die 20 Stück sein. In seiner Heimat wurde er damit rasch bekannt, in Deutschland hat es länger gedauert. Ein wenig zu milieuhaft, zu calvinistisch, zu idyllisch, zu ländlich, zu spießig, zu autobiografisch schien das Ambiente seiner Geschichten zu sein, um international anzukommen. Das änderte sich mit Das Wüten der ganzen Welt, einem Roman, der Brücken schlug aus der kleinen calvinistischen Welt in die Nazi-Zeit, in Verbrechen, Schuld und Verstrickung. Seit diesem Erfolg liest man seine Bücher hierzulande aufmerksamer – mit einem Gespür für die Brüchigkeit seiner Milieus, für ihre absurden und abgründigen Züge. Da weht oft Psycho-Kriminalistisches herein, ein Hauch Patricia Highsmith, der dann doch nicht so gemeint war. Man muss diesen Humor mögen. Und möglichst auch die klassische Musik, denn sie spielt bei ’t Hart eine wichtige Rolle. Auch der Romantitel Das Wüten der ganzen Welt bezog sich auf eine Bach-Kantate.

Maarten ’t Hart – Bach und ich

Maarten ’t Hart – Bach und ich
Piper, 2002

Die Kantaten sind ’t Harts Spezialität – ein Reflex seiner frommen Jugend. Aber ’t Hart analysiert in Bach und ich (2000) auch Bachs Briefstil, referiert Bachs Leben, kommentiert die Texte, die Bach vertonte, und die Fachliteratur. Dennoch: Er ist kein Musikwissenschaftler. Deshalb stimmt der Buchtitel genau: Es geht um Bach, aber es geht auch um des Autors ganz persönliche Sicht. Er verrät, welche Musik er für Bachs schönstes Instrumentalstück hält (die Sinfonia aus BWV 42), für Bachs ergreifendste Komposition (die Matthäus-Passion), für Bachs kürzestes Meisterwerk (die Chaconne aus BWV 1004) oder Bachs schönste Melodie (die Alt-Arie aus BWV 117). Wer ’t Harts Romane kennt, kennt auch diese subjektive Enge: immer ein wenig engstirnig, betulich, autobiografisch. Bach ist hier oft einfach nur „schön“. Etwas spießige Seitenhiebe auf Schönberg, den Jazz, die Beatles usw. muss man außerdem verkraften. Aber, man kennt auch das: In diesem Buch tun sich immer wieder kleine Risse auf, überraschende Einsichten, verwirrende Vieldeutigkeiten. Etwa die Ausführungen über Bachs Unfähigkeit, sich als Komponist kurz zu fassen. Oder all die Hinweise auf zu Unrecht übersehene Stücke. Viele kleine Anregungen für des Lesers eigene Bachforschung. Die Starter-CD liegt bei.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 14 (4/2014)

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