Focal Utopia Kopfhörer – Spiel ohne Grenzen

Focal revolutioniert den Kopfhörerbau

Mittendrin – so nennt sich eine Orchesteridee des Berliner Konzerthauses, bei der die Zuhörer zwischen den Musikern platziert werden. Unweigerlich musste ich an meine letzten Besuche dieser Konzerte denken, als ich erstmals das aktuelle Spitzenmodell Utopia aus dem Hause Focal für eine längere Hörsession goutierte. Utopia? Sie erinnern sich? Das war und ist die Lautsprecher-Serie, mit der die High-End-Schmiede aus Lyon seit über 20 Jahren Maßstäbe setzt, nicht zuletzt wegen des legendären Beryllium-Hochtöners. Während die Schallwandler bereits in der dritten Generation angekommen sind, ist der Kopfhörer eine Neuentwicklung, für die die Planungsingenieure bewusst die Maxime „No Limits“ mit auf den Weg bekommen haben.

Focal Utopia Kopfhörer

Ziel sollte sein, einen Lautsprecher für den Kopf zu entwickeln, der die nur mit Reibungspotenzial verbundenen Kategorien von Räumlichkeit und Unmittelbarkeit perfekt integrieren würde. Focal betrachtet den Utopia daher als „Ultranahfeld-Monitor“, der die Vorteile eines Kopfhörers mit denen eines hochwertigen Lautsprechers verbindet. Anspruch war es zudem, die technischen und klanglichen Eigenschaften des Berylliums auf die Konstruktionsmöglichkeiten eines Kopfhörers zu übertragen, wodurch die Treiber des Utopia ein weltweites Alleinstellungsmerkmal erhalten. Der Vorteil von Beryllium liegt in der Kombination von äußerst geringem Gewicht bei maximaler Steifigkeit, Nachteile zeigen sich jedoch im Preis und der komplexen Verarbeitung. Aber wir erinnern uns – die Maßgabe aus der Chefetage lautete: „No Limits“. So entstand ein Treiber mit reiner Beryllium-Membran, deren M-Form die Abstrahlfläche erweitert, was speziell dem Bassbereich zugutekommen soll. Hier zahlt es sich aus, dass man sich nicht scheute, über den Tellerrand des Home-Audio zu schauen und positive Erfahrungen aus dem Car-HiFi zu übernehmen.

Nicht nur innere Werte

Trotz seines extravaganten Innenlebens kommt der Utopia äußerlich erfrischend normal daher, er sieht einfach aus wie ein Kopfhörer und nicht wie ein skulpturales Design-Objekt. Dass sich bei näherer Betrachtung, auch mit den Fingern, eine mehr als angenehme Haptik und vor allem eine über alle Zweifel erhabene Verarbeitungsqualität konstatieren lässt, sollte in diesem Marktsegment eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, würdigen möchte ich das nichtsdestotrotz. Mit 490 Gramm ist es trotz des Berylliums kein Leichtgewicht, das man auf Kopf und Ohren niedersenkt, was letztlich den extrem starken Magneten geschuldet ist, die eine satte Flussdichte von immerhin 1,15 Tesla generieren. Auch wenn in meiner Sammlung die meisten Kopfhörer ein niedrigeres Gewicht mitbringen, gibt es doch kaum einen, der sich angenehmer und bequemer tragen lässt, und das sage ich als ausgewiesener bebrillter Quadratschädel.

Focal Utopia Kopfhörer

Begibt man sich auf Spurensuche, indem man die einzelnen Bestandteile des Utopia beim Tragen abtastet und an der ein oder anderen Stelle leicht ruckelt, so hat man schnell die Ohrpolster ausgemacht, die für den Tragekomfort verantwortlich sind. Dabei liegt es weniger am weichen Lammleder als vielmehr an den sich darunter verbergenden Memoryfoam-Polstern, dass das Gewicht sprichwörtlich nicht zum Tragen kommt. Hinzu kommt noch die minimal asymmetrische Bauform, die eine optimale Gewichtsverteilung ermöglicht. Mit einer Impedanz von 80 Ohm ist der Utopia eher ein leichter Sparringspartner für den antreibenden Verstärker. Weder mein Studiospezialist von Grace Design noch der Bryston BHA-1 kommen jemals ernsthaft aus dem Tritt. Insgesamt reagiert der Utopia recht feinfühlig auf die klanglichen Nuancen beider Kopfhörerverstärker: Grace Design lässt die Musik minimal schneller erscheinen, auch auf die Crossfeed-Möglichkeit des Grace spricht der Utopia an, während Bryston etwas mehr Fundament hinzugibt, woraus wir schlussfolgern, dass der Utopia zu den erwähnenswerten Zeitgenossen gehört, die sich nicht auf eine Abhörkette obenaufsetzen, sondern synergetisch interagieren.

Klangliche Ausgeglichenheit am Perfektionslimit

Starten wir mit Klaviermusik: Auch eine tonal und dynamisch perfekt produzierte Klavieraufnahme ist auf der Wiedergabeseite kein Selbstläufer, die Balance von Bass und Diskant, das Verhältnis von Instrument und Raum, das Herausarbeiten anschlagstechnischer Nuancen – dies alles ist durchaus eine Herkulesaufgabe. Zu Beginn erklingt die aufnahmetechnisch und interpretatorisch vorbildliche Gesamtausgabe der Klaviermusik Arthur Louriés mit Moritz Ernst. Der Utopia ist hier ganz kongenialer Spielpartner des Pianisten. Die mächtigen Akkordblöcke der linken Hand stehen wie aus dem Ärmel geschüttelt im Raum, die impressionistischen Arpeggien der rechten Hand werden mühelos in ihren klangfarblichen Nuancen ausgebreitet. Dabei fällt gerade im Diskantbereich auf, dass übertriebene Hochtonausleuchtung nicht die Sache des Utopia ist. Hier wird nicht versucht, Räume auszuleuchten, die gar nicht vorhanden sind.

Focal Utopia Kopfhörer

Welch unangenehme Eigenschaft eine solche Hochtonanhebung gerade bei Klaviermusik haben kann, erkennt man an älteren, schlecht produzierten Klavier-Aufnahmen, die mitunter ins Scheppernde, ja oftmals Verzerrende tendieren. Keith Jarretts erste ECM-Aufnahme Facing You ist ein solches Beispiel. Noch weit vom späteren Klangideal des Labels entfernt, zeigt ein Track wie „Ritooria“ selbst im aufgearbeiteten 24/192-Remastering Hochtonverzerrungen, die der Focal dennoch nie überzeichnet und damit ins Schmerzhafte kippen lässt. Aber auch der umgekehrte Versuch wird nicht unternommen, die Musik bleibt, wie sie ist, von einer Tendenz zur Sedierung kann keine Rede sein. Was freilich auch heißt, dass dünne und räumlich flache Aufnahmen wie etwa Ryan Adamsʼ 1989 nicht künstlich angefettet werden. Wo kein Fundament in der Aufnahme vorhanden ist, da wird auch keins gemauert, womit wir beim Bass des Utopias angelangt wären, haben doch offene Kopfhörer hier mitunter konstruktionsbedingt eine angreifbare Flanke. Um erst gar keine faulen Kompromisse einzugehen, langen wir dabei ins Regal mit den alten Drum-’n’-Bass-Scheiben und lassen mit LTJ Bukems Earth einen Klassiker des Genres erklingen. Und so, wie die Breakbeats wie in Stein gemeißelt werden, so trocken und pointiert, dabei auch bei hoher Lautstärke die Treiber nicht an ihre konstruktionstechnische Grenze führend, so habe ich diese CD bislang noch nicht gehört. Dass der Bass trotz seiner Stabilität auch entspannt swingen kann, zeigt sich anschließend bei Charlie Hadens legendären Closeness Duets. Ohnehin erweist sich der Kopfhörer als Allrounder durch alle Genres.

Inmitten der Zuhörer in Dirigentenposition

Da der Utopia sich im tiefen Frequenzbereich keinerlei Schwäche leistet und der Musik in jeder Situation eine stimmige Grundtonbasis bietet, kann sich das offene Kopfhörerprinzip in Sachen Räumlichkeit und Klangfarbe maliziös entfalten, ohne dass der Klangeindruck irgendwie ins Beliebige tendiert. Im Gegenteil, wenn etwas die Charakteristik dieses Kopfhörers bestimmt, dann ist es das Definierte und Fokussierte des Sounds. Stets wird das Gefühl einer unmittelbaren Präsenz der Musik vermittelt, gerade auch bei Orchestermusik. Ein Showpiece erster Güte ist der „Turkey Trot“ aus Leonard Bernsteins Divertimento, zumal in der Aufnahme von Reference Recordings unter Eiji Oue.

Focal Utopia Kopfhörer

Dass die vorlaut aufspielenden Posaunen und Tuben im Verbund mit Pauke und großer Trommel in der adäquaten Dynamik und in der gegebenen Größe formidabel reproduziert werden, war nach den bisherigen Hörerfahrungen zu erwarten, was aber baff sprachlos macht, das ist die extrem saubere und trennscharfe Wiedergabe der vertrackten Rhythmuswechsel und das dabei zu vernehmende klangliche Obertonspektrum der kleinen hölzernen Schlaginstrumente und des Xylophons in Kombination mit den Klarinetten. Hier ist man nun tatsächlich „mittendrin“. Auch wenn es die Ausgangsphilosophie im Hause Focal war, Lautsprecher für den Kopf zu konstruieren, so vernimmt man doch nie die Musik in einem ungebührlichen Abstand. Es ist eher ein Raumeindruck aus der Dirigentenposition heraus, der sich einprägt, also die privilegierte Kombination aus Raumtiefe und Bühnenbreite bei gleichzeitiger Unmittelbarkeit, die das Besondere und damit in letzter Konsequenz das bis dato tatsächlich Utopische dieses Kopfhörerkonzepts ausmacht.
Es hat sich ausgezahlt, dass die Entwicklungsabteilung im Hause Focal in ein Spiel ohne Grenzen geschickt wurde: Denn auch wenn der Kopfhörer auf den Namen Utopia hört, die klangliche Utopie ist hier in der Gegenwart mit Know-how aus Lyon ganz real geworden.

Focal Utopia Kopfhörer Navigator

 

Kopfhörer Focal Utopia
Konstruktionsprinzip: offen, ohrumschließend
Chassis: Beryllium-M-Membran, 40 mm
Impedanz: 80 Ω
Frequenzgang: 5 Hz–50 kHz
Kennschalldruck: 104 dB (1 mW, 1 kHz)
Gewicht: 490 g
Kabel: 4 m, abnehmbar
Stecker: 6,3-mm-Klinke, 2 x 9,5 mm (Lemo)
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 4000 €

 

www.music-line.biz

www.focal.com

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