AcousticPlan Mantra – Ein Hingucker für Hinhörer

Der neue Vollverstärker Mantra führt die Hybrid-Tradition des Hauses AcousticPlan inspiriert weiter.

New York vor 90 Jahren. Ein junger US-amerikanischer Elektroingenieur beeinflusst nachhaltig den Lauf der Welt. Vieles, was uns heute alltäglich, lieb und teuer ist – Telekommunikation, High Fidelity – wäre ohne seine Erfindung nicht denkbar. Denn Harold Stephen Black, geboren 1898 in Leominster, Massachusetts, erfindet am 2. August 1927 den gegengekoppelten Verstärker („negative feedback amplifier“).

Das war jetzt großer Theaterdonner. Vielleicht etwas dick aufgetragen als Einleitung zu einem Artikel über den neuen Vollverstärker einer süddeutschen High-End-Manufaktur. Schließlich erblickte seit Blacks Erfindung vermutlich kein einziger Verstärker mehr das Licht der Welt, ohne sich an irgendeiner Stelle der segensreichen Wirkungen – Stabilisierung, Linearisierung, Vergrößerung der Bandbreite – der Signalgegenkopplung zu bedienen. Aber erstens bin ich begeistert, dass eine elektrische Schaltung Geburtstag feiern kann, zweitens hat Claus Jäckle, Chef der Konstanzer Elektronikschmiede AcousticPlan, selbst die Marschrichtung vorgegeben: Sein neuer Vollverstärker namens Mantra steht, daran lässt die mitgelieferte Dokumentation keinen Zweifel, ganz im Zeichen der Störungsarmut.

AcousticPlan Mantra Hybrid-Vollverstärker

Drei Jahre, sagt Jäckle, habe er die Arbeit von H. S. Black studiert und sich durch dessen Patente gewühlt. Auch von dem Briten Malcolm Hawksford ist die Rede, mittlerweile emeritierter Professor der Essex University im britischen Colchester und Vater einer komplexen (und im Gegensatz zur allgegenwärtigen Gegenkopplung deutlich seltener verwendeten) Methode der Verstärkerlinearisierung. Das Resultat der Mühe: ein Röhren-Transistor-Hybrid mit bis über 70 Kilohertz reichender Bandbreite, reichlich Dämpfungsfaktor und wuchtigen zweimal 160 Watt an vier Ohm.

Der Mantra ist in der Grundversion ein klassischer analoger Hochpegelverstärker. Ein Phono-Einschub in Halbleitertechnik ist in Arbeit – einer von vielen Unterschieden zum ebenfalls hybriden Vorgänger Sitar, der an dieser Stelle auf Röhren setzte. Die Aluminium-Frontplatte strahlt im unverwechselbaren AcousticPlan-Nachtblau. Zu bedienen gibt es hier außer Quellenwahl und Pegelregelung (beides erfolgt via Relais) nichts. Die eingestellte Lautstärke ist von einer riesigen LED-Punktmatrix perfekt abzulesen. Ein „Direct Input“-Kippschalter auf der Rückseite verwandelt den Mantra in eine Stereo-Endstufe, das Display vermeldet daraufhin „DI“.


Der komplett in Konstanz gebaute Integrierte ist ein schwerer Brocken. Beim Sitar war das Netzteil noch in ein eigenes Gehäuse ausgelagert. Im Mantra sorgt dagegen ein herstellerseitig so lapidar wie zutreffend als „überdimensioniert“ beschriebener streufeldarmer Ringkerntrafo in jeder Hinsicht für Standfestigkeit. Claus Jäckle charakterisiert seinen Verstärker als unbeeindruckbar leistungsstark und immun gegen Störeinflüsse aus dem Stromnetz: „Der schiebt einfach nach.“ Empfiehlt er Netzfilter? „Nicht nötig.“

AcousticPlan Mantra Hybrid-Vollverstärker

 

Fragt man nach technischen Details, antwortet Jäckle mit einer Aufzählung der Dinge, die fehlen: Über-alles-Gegenkopplung; Übernahmeverzerrungen in der Class A/B-Endstufe; thermische Verzerrungen; ein negativer Einfluss der Transistor-Endstufe auf das attraktive Klirrspektrum des Röhreneingangs. Jäckles Ziel ist Röhrenklang, aber nur im Sinne von Farbe und Textur. Daher die Forschung über Eigenklang-freie Transistorschaltungen. Daher die Verwendung einer Röhren-Eingangsstufe auch wieder im Mantra. Zwei Doppeltrioden des Typs 6922 (äquivalent E88CC) des Herstellers Electro Harmonix arbeiten einer mit vier bipolaren Sanken-Transistoren pro Kanal bestückten Push-Pull-Endstufe zu, die den nötigen Strom bereitstellt – „ist nur noch Impedanzwandler“, sagt Jäckle. Die lokal in der Endstufe eingesetzten Linearisierungsmaßnahmen sollen die vorgeschalteten Röhren ohne Einschränkung den Gesamtklang des Verstärkers bestimmen lassen.

AcousticPlan Mantra Hybrid-Vollverstärker

Das mit den 160 Watt und dem hohen Dämpfungsfaktor hatte ich eindeutig nicht ernst genug genommen. Der AcousticPlan-Amp hat keine Show-Muskeln, er verfügt über echte, unerschütterliche Standfestigkeit, um auch den ganz großen Radau ohne mit der Wimper zu zucken in den Hörraum zu meißeln. Mit Roger Watersʼunvergleichlicher Produktion Amused To Death, die ich einen Tick zu laut gestartet hatte (wir erinnern uns: ein Küchenradio links an der Wand, Hundebellen …), kam beim massiven Einsatz des Schlagzeugs nicht etwa der Sprint zur Fernbedienung. Denn der Mantra schob, ganz wie von seinem Erbauer versprochen, einfach nach. Endorphinausstoß pur.

Angeschlossen waren da meine Standboxen Ayon Seagull/c. Keine schwere Last, die clever konstruierten Österreicherinnen machen auch schon mit einer Handvoll Röhren-Watt große Freude. Obwohl – vielleicht habe ich mir das bisher ein klitzekleines bisschen schöngeredet. Der Mantra demonstrierte an den Ayons eindrucksvoll die korrekte Verwendung des Adjektivs „explosiv“ im Zusammenhang mit dem Nomen „Grobdynamik“. Das hat bisher, unabhängig von Preisschild und Wattzahl, in dieser restlos überzeugenden Weise noch kein Verstärker in meinen vier Wänden geschafft. Schau an, die Zufallskombination entpuppt sich als veritables Dreamteam!

AcousticPlan Mantra Hybrid-Vollverstärker

Mit dem Mantra fühlt man sich in jeder Situation bestens informiert. Dieser ästhetisch so gelungene, absolut eigenständig und, ja, praxisgerecht (Lautstärkedisplay!) gestaltete Verstärker hat echte Werkzeugqualitäten. Ich habe ihm kein Musikgenre vorenthalten, von einem Live-Direktschnitt der Berliner Philharmoniker bis zu den fantasievollen Elektroklängen des Argentiniers Axel Krygier war die Auswahl bunt und blieb keine Herausforderung schuldig. Der immer makellos fokussiert wiedergebende Amp zeigte, was Sache ist. Das konnten im fast nur noch körperlich spürbaren Tiefbass stattfindende Rhythmen sein, räumliche Beziehungen zwischen Mitgliedern eines Streichquartetts oder Schattierungen von Klangfarben eines Konzertflügels – immer war man nach dem letzten Ton nicht nur bestens unterhalten, sondern auch klüger als zuvor.

Weil sich der Mantra so gut unter den Arm klemmen lässt, durfte er ein externes Gastspiel an einem Paar Edel-Kompaktboxen Reference 201/2 des britischen Herstellers KEF geben. Diese hochgezüchteten Dreiwege-Minis mit komplexer Frequenzweiche und niedrigem Wirkungsgrad sollten eigentlich eine anspruchsvolle Last sein. Nichts dergleichen. Leichtfüßig folgten sie dem Diktat des deutschen Integrierten. Da gerade der erste Todestag des unersetzlichen Künstlers – ehedem bekannt als Prince – anstand, landete dessen 1985er Album Around The World In A Day auf dem Plattenteller. Rhythmisch vertrackte, im Arrangement hochkomplexe Funk-Kost. Die Kombi AcousticPlan und KEF schaffte es mühelos, die mit Prince sozialisierten Zuhörer bis zum Schnappgeräusch der Auslaufrille glücklich grinsend auf dem Hörsofa festzunageln.

AcousticPlan Mantra Hybrid-Vollverstärker

Eine CD, die ich mit dem AcousticPlan regelrecht wiederentdeckt habe: Tell Me Everything des niederländischen Cellisten Ernst Reijseger (Winter&Winter 910 151-2). Die Aufnahme fand in einem italienischen Kirchenbau aus dem 15. Jahrhundert statt. Eine bedeutende Rolle spielen hier die Umgebungsgeräusche, besonders das Zwitschern und Zirpen von allerlei Getier, das den Hörer unwillkürlich in eine wohlige mediterrane Dös-Stimmung versetzt. Wenn dann das Cello sachte einsetzt, ist das weniger ein Aufwecken als ein behutsames An-die-Hand-nehmen. Jetzt ist aber das voluminöse und gleichzeitig sehr obertonreiche Cello, das genauso gut säuseln wie den fiesen Slap-Bass geben kann, eine echte Herausforderung für die Anlage. Der Mantra verzärtelt nicht die feinen Schwingungen, er kreiert auch keinen atmosphärischen harzig-seidigen Überbau, kurz: Er versucht in keinem Moment zu interpretieren. Seine Stärke ist das Zeigen. Wenn Reijseger das Cello zum Percussion-Instrument umfunktioniert, dann sind das Hand, Finger und Knöchel auf dünn gehobeltem Klangholz. Wenn er den Bogen über die Saiten springen lässt und dabei vor den Mikrofonen durch das Kirchenschiff schreitet, während im Hintergrund die Grillen zirpen, dann ist man mit ihm in dem kahlen Gemäuer und wartet gespannt auf den nächsten musikalischen Einfall.

Zu diesem Zeitpunkt kam übrigens ein dritter Lautsprecher zum Einsatz: ein Paar Spendor S3/5, die erste Version vom Ende der 1990er. Die englischen Minimonitore warfen auch in Kombination mit dem deutschen Amp ihre fast schon sprichwörtliche Natürlichkeit ins Spiel. Mit der Abbildungsgröße und der schieren physischen Wucht, die das Gespann AcousticPlan/Ayon erzeugt, konnte diese Kombination erwartungsgemäß nicht mithalten. Ich würde diesem Verstärker, auch nach der Erfahrung mit den KEFs, durchaus anspruchsvolle „große“ High-End-Schallwandler zur Seite stellen.

Der AcousticPlan Mantra besitzt Charakter. Sein Spiel hat Struktur und Verbindlichkeit, Lautsprecherlasten beeindrucken ihn nicht. Er ist kein romantisierender Schönklinger, kein galanter Euphoniker. Wer sich mit ihm einlässt, will wissen, was Sache ist. Der Mantra ist ein durch und durch musikalischer Verstärker für den gereiften Hörer, einer, bei dem man seine Boxen bestens aufgehoben weiß. Kurz: ein „Angekommen“-Verstärker.

AcousticPlan Mantra Hybrid-Vollverstärker Navigator

 

Vollverstärker
AcousticPlan Mantra

Funktionsprinzip: analoger Vollverstärker mit Röhren-Eingangsstufe
Eingänge analog: 4 x Line unsymmetrisch (Cinch), 1 x Direct In unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge: 2 x Lautsprecher
Leistung (8/4 Ω): 2 x 100/160 W
Besonderheiten: Fernbedienung, Eingänge wahlweise −6 dB, Phono-Option in Vorbereitung, ein Eingang optional symmetrisch (XLR)
Abmessungen (B/H/T): 26/17/35 cm
Gewicht: 14 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Preis: 6900 €

 

www.acousticplan.de

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