Buchprüfung: Bill Crow – Jazz Anecdotes (englisch)

Aus dem Nähkästchen

Er war nie eine Berühmtheit im Jazz, aber er ist viel herumgekommen. Bassisten sind immer gefragt. Seine namhaftesten Band-Jobs hatte Bill Crow als junger Mann in den 1950er-Jahren, bei Cool-Jazz-Größen wie Stan Getz und Gerry Mulligan. Auch mit Benny Goodman ging er mal auf eine legendäre Tournee, ausgerechnet in Russland. Crow besitzt aber noch ein zweites Talent, das man nur bei wenigen Jazzmusikern findet: Er kann interessant über seine Musik schreiben. Daher verfasste er (ebenfalls schon in den Fünfzigern) regelmäßig Plattenkritiken für das Magazin „Jazz Review“. Und im reiferen Alter, mit 62, hat er dann dieses Buch veröffentlicht, das zu einer kleinen Legende wurde: „Jazz Anecdotes“. Es ist das Ergebnis einer enormen Sammelarbeit. Crow hat dafür viele Kollegen befragt, aber auch viele Zeitschriften und Bücher ausgewertet. Jahrelang präsentierte er seine Jazz-Anekdoten auch in der Zeitung der New Yorker Musikergewerkschaft.

Buchprüfung

Bill Crow – Jazz Anecdotes
Oxford University Press, 1991

Mehrere hundert komischer, verblüffender Begebenheiten aus dem Leben der amerikanischen Jazzmusiker sind hier zusammengekommen. Crow hat sie thematisch geordnet – zum Beispiel zum Thema „Lampenfieber“, „Notenlesen“ oder „Jazz im Radio“. Etlichen Musikern – den besonders rätselhaften, kauzigen, berühmten oder humorvollen – hat er auch ganze Kapitel gewidmet. Dabei beschränkt sich der Autor meist auf ein paar einleitende Worte und zitiert dann die Anekdote so, wie sie sein Gewährsmann erzählt hat. Manche Geschichte besteht nur aus zwei, drei Sätzen, manche erstreckt sich über eine halbe Seite. Manche besteht nur aus einer verbalen Pointe, einer besonders schlagfertigen Replik. Die meisten aber geben einen charakteristischen und meist heiteren Einblick in die Seele bestimmter Musiker, die Realitäten des Jazzlebens, die Hintergründe der Jazzgeschichte. Für die Wahrheit dieser Anekdoten möchte man nicht die Hand ins Feuer legen, aber wenn sie nicht echt sind, dann zumindest gut erfunden. Für das Verständnis der improvisierten Musik und ihrer Helden sind sie jedenfalls eine unerschöpfliche Quelle. Dass das Buch nicht ins Deutsche übertragen wurde, schadet nicht, denn die Kraft dieser Anekdoten liegt nicht zuletzt in ihrer sprachlichen Authentizität. Amerikanisches Musiker-Englisch lernt man dabei auch noch.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 13 (3/2014)

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