Musiklexikon: O wie Ondes Martenot

Maurice Martenot (1898–1980) war Cellist und Musikpädagoge, begeisterte sich als junger Mann für die aufkommende Radiotechnik und bastelte gerne mit Trioden und Kondensatoren herum. 1923 tauschte er sich mit dem Russen Lew Termen aus, der bald sein Konkurrent wurde. Denn Termens „Theremin“ und Martenots „Ondes Musicales“ gehörten zu den ersten elektronischen Musikinstrumenten und funktionierten beide nach dem Prinzip „Schwebungs-Summer“.

Musiklexikon ODabei werden zunächst zwei unhörbar hohe Frequenzen erzeugt (vergleichbar den Sendefrequenzen des Radios), die kleine Differenz (Schwebung) zwischen ihnen aber wird als Ton hörbar gemacht. 1919 stellte Martenot seinen Prototyp her, 1928 sein erstes Baumodell, 1937 bereits sein fünftes. Der Komponist Olivier Messiaen schrieb im gleichen Jahr die Fêtes des Belles Eaux, ein Stück für sechs Ondes Martenot. Auch Maurice Ravel ließ einige seiner Werke für das Instrument einrichten. Zehn Jahre später startete man sogar eine Unterrichtsklasse am Pariser Konservatorium.

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1919 stellte Maurice Martenot einen ersten Prototyp seines Ondes Martenot her

Am Anfang waren die „Ondes“ einfach nur ein Greifring, der an einem Draht stufenlos verschoben werden konnte wie der Greiffinger auf einer Cellosaite. Dann legte Martenot eine Klaviertastatur dahinter: erst nur zur visuellen Orientierung, später auch zur Bedienung des Instruments.

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Der Komponist Pierre Vellones (stehend) und Maurice Martenot gemeinsam am ursprünglich so genannten “Ondes Musicales”

Der Ring blieb aber bestehen als Alternative – für die Glissandi, Vibrati und Mikrotöne, die zum ätherischen Klang des Schwebungs-Summers so gut passen. Da immer nur ein Einzelton gespielt werden kann, bleibt die linke Hand frei, um an einer kleinen Schublade Lautstärke, Schwingungsform (Klangfarbe), Filter und Transposition zu regeln. Vier Lautsprecher machen das seltsame kleine „Klavier“ hörbar, das allein schon durch seine definierten Tonhöhen dem Theremin musikalisch klar überlegen ist. Mehr als 1000 „seriöse“ Kompositionen wurden dafür geschrieben, u.a. von Boulez, Honegger, Ibert, Martinu, Miilhaud, Scelsi und Varese. Auch in der Film- und Popmusik (z.B. bei Radiohead) kann man die „Ondes“ hören. Etwa 370 dieser Instrumente entstanden in Martenots Werkstatt.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 13 (3/2014)

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