Musiklexikon: N wie NDW

Mit dem Punk kam die Provokation in die Musik, das Stachlige, das Nicht-mehr-nett-sein-Wollen. Nachdem diese Attitüde mehrere kulturelle Filter durchlaufen hatte, tropfte sie auch in die Neue Deutsche Welle hinein, kurz: NDW. Das war um 1980 und sollte ein paar Jahre lang vorhalten. Die Bands der NDW konnten rotzfrech sein, kokettierten mit ihrem Dilettantismus, musizierten flapsig und texteten unverfroren.

NDW

Minimalismusexperten hoch drei: Trio

Nur richtig aggressiv waren sie nicht, eher gaben sie sich unpathetisch, illusionslos-kühl. Man thematisierte die grassierende Kälte zwischen den Menschen, die Industrie-Wüste Europa, die Maschinen-Seelen in unserer Brust. Man agierte in roboterähnlicher Choreographie, sang mit der Stimme gehetzter Anonymität, nutzte minimalistisch schnatternde Synthesizer, Sequencer und Drum-Machines.

NDW

Ideal: Eitel Optimal – Das Beste
WEA, 1992

Die NDW entwarf eine tiefgefkühlte Endzeit-Vision aus Neon und Beton. Legendäre Zeilen: „Mir mir beginnt die Eiszeit“ und „Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht.“

NDW

Didi Zill: NDW – Neue Deutsche Welle
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf

Die NDW war auch ein poetisches Ereignis. Nach Jahren der dumpfen Schlagerseligkeit wurde hier erstmals das Deutsche als Pop-Sprache entdeckt, als Vehikel für dringliche, knappe, zeitgeistige Mitteilung. NDW-Bands wie Ideal, Trio, Extrabreit, Fehlfarben, Abwärts oder Spliff sangen Texte von oftmals expressionistischer Konzentration, die an Gedichte von August Stramm oder Gottfried Benn erinnerte. Die Worte transportierten zynisch gebrochene Romantik, eine traurige Desillusioniertheit, den Trotz großgewordener Kinder. Darin vibrierte viel West-Berlin – aber vor allem die Spätzeit des Kalten Kriegs. Es waren ja die Jahre der Nachrüstung: NATO-Doppelbeschluss, Pershing-II-Raketen, Star Wars. Es war Weltuntergangsstimmung in Europa. Deutschland erwartete den Atomkriegsmorgen. „Die zweite Sonne strahlt ohne Schatten“, hieß es bei Ideal. Mit der NDW hat sich Deutsch als eine Sprache der Popmusik etabliert. Viele der heutigen Auswirkungen sind nicht unbedingt begrüßenswert, aber dafür konnten die NDW-Bands ja nichts.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 13 (3/2014)

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