Musiklexikon: M wie Modale Musik

In den 1950er Jahren entdeckten die Jazzmusiker das modale Spiel. Anstatt wie bisher über eine Folge rasch wechselnder Akkorde („Chord Changes“) zu improvisieren, fingen sie an, ihre Themen und Soli formal offener (meditativ oder ekstatisch) über Tonskalen zu entwickeln.

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George Russell – Cheftheoretiker des Modalen

Der Cheftheoretiker des Modalen, George Russell, berief sich dabei auf die mittelalterlichen Kirchentonarten, Cool-Ikone Miles Davis ließ sich von einer Aufführung des Ballet Africaine aus Guinea inspirieren, John Coltrane eiferte dem indischen Sitar-Meister Ravi Shankar nach, Yusef Lateef verwies auf Spieltechniken in der arabischen Welt.

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Ravi Shankar – Meister der Sitar

Mit anderen Worten: In weiten Teilen unseres Planeten ist das modale Musizieren seit vielen Jahrhunderten Alltagskost. Im Grunde kann jede Melodie, die sich innerhalb einer konstanten Tonleiter bewegt, modal aufgefasst und modal umgesetzt werden, auch ein westliches Volks- oder Kinderlied. John Coltrane demonstrierte das um 1960 bereits mit Songs wie „My Favorite Things“, „Chim Chim Cheree“ oder „Greensleeves“.

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Yusef Lateef entlockt seiner Querflöte arabische Klänge

Die Welt der Modi eröffnet reiche Möglichkeiten tonaler Organisation – für Skalen, Tonreihen, Harmonien, Klangfelder usw. –, die vielfach noch ungenutzt sind. So sind die bei uns üblichsten Tonleitern (Dur und Moll) lediglich zwei der insgesamt 21 möglichen heptatonischen (7-tönigen) Modi, die man fünf Ganzton- und zwei Halbtonschritten bilden kann.

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Various Artists – Modal Jazz Loves Disney
Walt Disney Records, 2008

Erlaubt man größere Intervallschritte im Modus, steigt die Zahl der heptatonischen Modi innerhalb einer Oktave sogar auf 462. Die Gesamtzahl möglicher Modi in der Oktave – vom 1-Ton- bis zum 12-Ton-Modus – beläuft sich tatsächlich auf sagenhafte 2048. Da jeder dieser Modi auf jedem der zwölf Töne des chromatischen Spektrums errichtet werden kann, ergibt das 24576 verschiedene Skalen. Sogar unendlich werden die Möglichkeiten, wenn man z.B. das Tonspektrum um Vierteltöne erweitert oder auch nicht-oktavierende Modi einbezieht oder polymodale Konzepte entwickelt. Das sind echte Perspektiven für eine Zukunftsmusik.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 13 (3/2014)

 

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