Clearaudio Charisma V2 – Bewegte Magneten mit Ausstrahlung

Mit einem hochwertigen MM-System greift Clearaudio die Klasse der Einsteiger-MCs an – und triumphiert dank Charisma.

Es gibt diese Tage, da läuft alles wie von alleine. Den passenden Plattenspieler fürs Wohnzimmer gefunden, mal eben diagonal und zurück durch die Republik gefahren, und jetzt steht ein perfekt restaurierter Thorens TD 280 Exklusiv im Wohnzimmer. Auf der Rückfahrt hatte ich sechs Stunden Zeit, mir Gedanken zu machen, was man so unter die Headshell klemmen könnte. Das Dynavector DV20X2 (siehe FIDELITY Nr. 28) beispielsweise war die perfekte Ergänzung meines Musikgeschmacks. Beim Futterstop im Gasthaus „Zum Goldenen M“ störte dann eine redaktionelle Rundmail die Menüfolge. Ob nicht einer der Kollegen Lust auf das allerbeste, allertollste und allerhölzernste Moving-Magnet-System überhaupt habe?

Clearaudio Charisma V2 MM-Tonabnehmer

Das Opus summum der Analogprofis von Clearaudio! Etwas ganz Exklusives, ein Leckerli für die Oberklasse fortgeschrittener Analogkultur. Nun bin ich nicht direkt erster Ansprechpartner für die ganz feinen Sachen, die in der Redaktion eintreffen. Was daran liegt, dass der Redaktion meine Meinung zu Klangmaschinen der allerhöchsten Kategorie bekannt ist. Diese highfidelen Fetische reißen einfach viel zu große Wunden, wenn sie dann zurückgefordert werden und man selbst glaubt, ohne sie nie mehr Musik hören zu können. Schön zu wissen, was geht. Doch es passiert sehr selten, dass die vernünftige Seite meines Hirns von einem konkret begründbaren Muss-ich-haben-Reflex ausgeknockt wird. Zurück zum Thema, mit fettigen Fingern ein „Ich“ an die Redaktion getippt, ohne ernsthaft damit zu rechnen, erhört zu werden. Aber notfalls hätte ich auch noch einen „ordentlichen“ Vinyldreher für den Fall, dass das Nobelsystem und der alte Thorens nicht harmonieren sollten.

Clearaudio Charisma V2 MM-Tonabnehmer

Wenige Tage später folgt dann die Probe aufs Exempel. Ich habe tatsächlich Clearaudios für ein Moving-Magnet-System fast aberwitzig teures Charisma V2 in einen dreihundert Euro teuren Secondhand-Plattenspieler geschraubt. Wer kann, der darf – also darf ich! Draußen schält sich langsam der junge Morgen aus seiner klammen Dämmerung, während sich Glenn Gould durch die Klavierkonzerte von Brahms streichelt. Ja, auch wenn ich keine Ahnung von klassischer Musik habe, schätze ich die kontemplative Stimmung dieser Platte. Dazu ein frisch nach Omas Art aufgebrühter Kaffee und eine Zigarette, um den Start in den Tag in aller Ruhe zu zelebrieren. Es ist einer dieser Momente, in denen man gerne die Pause-Taste des Lebens drücken möchte. Goulds ungewöhnlich relaxte Interpretation der Brahms-Konzerte mit seiner, ich zitiere aus einer Ausgabe der Zeit von 1992: „[…] deutlichen Nuancierung und Akzentuierung der thematischen Linien, vor allem in den für gewöhnlich sich dem Diskant oder dem Bass unterwerfenden Mittelstimmen“ versetzt mich in eine buddhistisch gelassene Grundstimmung, während der legendäre Pianist „die komplizierten Verwebungen des polyphonen Geflechts frei und offen legt“ und „eine in flinken Läufen das Thema verzierende rechte Hand dem markant profilierten Stufengang in der linken“ gegenüberstellt.

Es waren einige Plattenspieler und unterschiedlichste Tonabnehmer (wenn auch immer im „bezahlbaren“ Rahmen), mit denen ich mich in den letzten Jahren beschäftigen durfte. Doch alle Gedanken, ob vinylseitig Aufrüstbedarf besteht, waren komplette Zeitverschwendung. Zumindest seit ich weiß, wie weit man mit einem superben Abnehmer in einem Secondhand-Plattenspieler kommt. Für die Einspielzeit von hundert Stunden blieb der charismatische Clearaudio-Abnehmer im Zweitdreher. Der Scheu und das in ihm verbaute Benz-MC kamen in der Zeit als Vergleichsmaßstab zum Zuge. Gleiche Stellfläche, gleiche Anlage, gleiche Platten. Doch immer lag das Charisma V2 mit einer ganzen Länge vorne, obwohl es nur im vermeintlich unterlegenen Thorens gehört wurde. Was habe ich in den letzten Wochen Geld in Vinyl investiert! Dem Hype um das schwarze Gold geschuldet findet sich mittlerweile alles, was mein Herz begehrt, im Sortiment der Mediawühltischmärkte. Da kauft man schon mal mehr frische Scheiben als geplant.

Clearaudio Charisma V2 MM-Tonabnehmer

Wer genau hat eigentlich den Gleichungssatz aufgestellt, MM-Systeme seien griffig und erdig, aber mit geringerer Auflösung und Feindynamik in der Performance; MC-Abnehmer dagegen genau umgekehrt in ihren Stärken und Schwächen? Vergessen Sie diese Vorurteile! Zumindest wenn Sie zu den Glücklichen gehören, die ein Clearaudio Charisma V2 mal in der eigenen Kette probieren dürfen. Dieser Abnehmer setzt tatsächlich den bis dato absoluten Maßstab an Musikalität. Ob MM, MI oder MC, spielt dabei keine Rolle. Ohne Schnörkel, straff auf den Punkt, mit einer weitgefächerten Palette an Klangfarben, die mir so noch nicht vor die Ohren kam, dazu mit faszinierender Feinauflösung und Weite der Bühnenabbildung definiert das Charisma für mich die Bestmarke analoger Abtastung bis dreitausend Euro, ungeachtet des Funktionsprinzips. Bis hierher bin ich schon so angefixt vom erdigen Charakter des V2, dass meine Neugier auf einen Wechsel des Plattendrehers immer bohrender wird. Im Regelfall tobe ich meinen Schrauberdrang an robusten Mountainbikes aus, und der tägliche Wechsel von Tonabnehmern ist für Grobmotoriker wie mich immer auch mit feuchten Händen und einer Prise Nervosität verbunden. Wenn etwas schiefgeht, wird’s meist empfindlich teuer. Auch hier unterstreicht das Charisma V2 seine Ausnahmestellung: Woran es genau liegt, kann ich nicht eruieren, doch so schnell und problemlos ließ sich bisher keine Tondose in meinem Scheu-Classic-Arm montieren. Das Charisma passt einfach, klanglich wie haptisch. Als Resultat der beinahe täglichen Wechselorgien geht mir der Tausch von Scheu S und Charisma V2 mittlerweile in weniger als zehn Minuten von der Hand. Lediglich das hohe Gewicht des Clearaudio von neun Gramm in Verbindung mit der nervösen Unipivot-Lagerung des Scheu Classic machen es etwas tricky, den Nadelazimut korrekt einzustellen. Der kardanisch gelagerte Arm im Thorens ist da weniger empfindlich. Aber gut, im Alltag stellt man so was einmal ein, und dann war’s das auch. In der Headshell gleicht das MM-Topmodell der Erlanger seinem kleineren Bruder Maestro V2 wie ein Ebenholzwürfel dem anderen. Um aus dem ziemlich guten Maestro dann das allerbeste (inoffizielle These) Moving-Magnet-System der Welt zu machen, war es lediglich erforderlich, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, wie man es noch verbessern könnte. Kann ja nicht so schwierig sein, oder?

Clearaudio Charisma V2 MM-Tonabnehmer

Die kleineren Geschwister unterscheiden sich bei Clearaudio oft nur durch den Selektionsgrad der verwendeten Bauteile. Für den charismatischen König der bewegten Magnete wurde aber erheblich mehr investiert. Ein gutes Jahr wurde probiert, verglichen, verworfen und immer wieder gehört. Daher wundert es nicht – sowohl angesichts des Klanges als auch der geforderten fünfzehnhundert Euro –, dass nur die feinsten Zutaten des Hauses zum Einsatz kommen. Den Bor-Nadelträger samt doppelt poliertem Diamanten mit Gyger-S-Schliff findet man auch am Übertonabnehmer Goldfinger Statement. Statt den winzigen Diamanten wie üblich mittels Kleber zu fixieren, wurde er zunächst mit höchster Präzision auf seinem Träger justiert und dann in das Bor-Röhrchen gepresst. Nur ein mikroskopisch kleiner Kleberklecks fixiert sicherheitshalber, ohne zu viel Energie zu absorbieren. Die Selektion der für die sportliche Ausgangsspannung nötigen leistungsstarken Magnete dürfte ihre Zeit in Anspruch genommen haben – Clearaudio spricht von hundertprozentigen Paarungen. Auch auf die Feinabstimmung des Resonanzverhaltens wurde Wert gelegt. Ein handpolierter Ebenholzbody mit präzise in Material und Masse herausgehörter Neusilber-Einlage lieferte dann das gewünschte – im Zusammenspiel mit Antrieb und Auslesefähigkeit perfekt harmonierende – Ergebnis.

Clearaudio Charisma V2 MM-Tonabnehmer

 

Im Zuge der Abtastung wird folglich keine Energie verschwendet, und dank üppigem Magnetantrieb erreicht das Charisma V2 quirlig-lebhafte 3,6 mV Ausgangsspannung. Mehr als genug, um mit dem Gros an Phonovorverstärkern exzellent musizieren zu können. Glücklicherweise kann ich mit drei externen Phonovorstufen und meinem eigenen im The Tune integrierten Einstein-Entzerrer experimentieren. Unerwartet allürenfrei versteht sich Ihre charismatische Majestät auf Anhieb mit dem Phonovorverstärker von Acoustic Solid; und so richtig brennt die Hütte dann, wenn ich die Signalverarbeitung komplett dem The Tune überlasse (ein dickes „Hab euch lieb“ nach Bochum zu Einstein).

Mister Johnny „Guitar“ Watson benötigt nur eine halbe LP-Seite, um sein anfangs nordisch-unterkühltes Auditorium aufzutauen und in frenetisch mitfeiernde Soulsisters and Funkbrothers zu verwandeln. Man hört förmlich, wie eng sich die Zuhörer drängen. Rauminformationen kommen so nicht wirklich zu Gehör, dafür gelingt der Energietransfer zwischen Band und Publikum, als wären zwischen Protagonist und Auditorium Millionen von Kondensatoren mit fast unendlicher Kapazität geschaltet. Explosiv, direkt aus dem Bauch gespielt und dann voll auf die Zwölf der Anwesenden.

Yeah, so will ich meinen Blues serviert bekommen! Es funkt, stampft, röhrt und funkelt derart, dass Abtanzen zum Pflichtprogramm wird. Wen das hier kaltlässt, der friert selbst inmitten eines aktiven Vulkans. Das Charisma kitzelt ein Überangebot an Soul, Funk und Blues aus den Rillen. Man wird regelrecht an den Ort des Geschehens gebeamt, ohne sich aus dem Sessel erheben zu müssen.

Das ist es, was ich von Musik erwarte. Die perfekte Reproduktion des Klangs reicht mir nicht, ich will pure Emotionen, ich will den Schweiß der Zuhörer in der Luft schmecken. Immer wieder zeigt sich ja, wie unheimlich schwierig es ist, die Euphorie eines Liveauftritts mit technischen Mitteln in den privaten Konzertsaal zu transferieren. Unheimlich schwierig, doch nicht unmöglich. Zumindest dann nicht, wenn ein solcher Ausnahmeabtaster wie das Clearaudio Charisma V2 durch die Rillen pflügt. In der Redaktion haben wir alle so unsere Schwierigkeiten mit dem problematischen Begriff „Referenz“, der High-End-Equipment inflationär aufs Gehäuse geklebt wird und dessen Aussagekraft im Kontext des heimischen Equipments häufig gegen minus eins tendiert. Als Referenz dient mir auch weiterhin das Erleben im Konzert. Was die Wiedergabe im heimischen Hörraum angeht, da muss sich ab heute alles, was noch so kommen mag (egal ob analog oder digital, ob Laufwerk oder Streamer), am konkreten Klangeindruck des Charisma V2 messen lassen. Diesen Tonabnehmer geb ich nicht mehr her, um keinen Preis!

Clearaudio Charisma V2 MM-Tonabnehmer Navigator

 

Tonabnehmer Clearaudio Charisma V2
Funktionsprinzip: Moving Magnet
Frequenzbereich: 20–20 000 Hz
Ausgangsspannung: 3,6 mV (5 cm/s)
Empfohlene Auflagekraft: 2,4 g
Lastwiderstand: 47 kΩ
Nadelschliff: Gyger S, doppelt poliert
Nadelnachgiebigkeit: 17 µm/Nm
Systemkörper: Ebenholz mit Neusilber-Intarsie
Gewicht: 9 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 1500 €

 

www.clearaudio.de

 

Mitspieler:
Plattenspieler: Scheu Cello, Thorens TD 280
Tonarm: Scheu Classic Mk II, Thorens TP 28
Tonabnehmer: MC Scheu S
Phonovorverstärker: Acoustic Solid Phonovorverstärker, Trigon Vanguard Mk III, Project Phonobox DS2 USB
CD-Player: Marantz CD 17, Marantz CD 62, Marantz CD 50
USB-D/A-Wandler: Henry Audio USB DAC
Vollverstärker: Einstein The Tune, NAD C 390DD, Cambridge Azur 640A
Endverstärker: Lehmann Black Cube Stamp
Lautsprecher: Audio Physik Seemon, Opera Seconda Mk II
Kabel: German Highend, Audioquest, T+A, Horn Audiophiles, Black&White, Isotek
Zubehör: Sun Leiste, Steinmusic, Millenium Carbon-Matte, bFly-Audio

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