Sombetzki ESL Home – Hier gibt es nichts auf die Ohren

Kopfhörer und Lautsprecher – zwei Welten, ein Gedanke. Sombetzki hat mit dem ESL Home nun etwas Einzigartiges geschaffen, das beide Lager miteinander versöhnt. Glücklich jedenfalls, wer im Sweetspot dieses „Personal Speakers“ sitzen darf.

Es ist eine Hassliebe. Ich mag den Klang guter Kopfhörer. Aber der physische Druck, den manche Vertreter dieser Spezies auf meine Ohren ausüben, ist mir zutiefst verhasst, Langzeithören mit den Dingern ist gar nicht meins. Ein Dilemma, dessen man sich auch bei Sombetzki bewusst war. Das Modell „ESL Home“ sieht einerseits entfernt aus wie ein Lautsprecher, ist andererseits ein ungewöhnlich konstruierter, riesiger Kopfhörer für Freiaufstellung.

Sombetzki ESL Home Personal Speaker

Ja, ich weiß, das hört sich alles etwas paradox an, und ich war anfangs auch ziemlich skeptisch, ob dieses ungewöhnliche Prinzip überhaupt funktionieren kann. Diese rechteckigen Kissen an Aluminiumstangen, die drehbar in kleinen, schweren Sockeln mit Lautsprecher-Anschlussfeldern befestigt sind, sollen gleichauf mit teuren Kopfhörern spielen? Mit Mühe konnte ich es vermeiden, dem Chefredakteur den Vogel zu zeigen. War der Kollege doch von der Konstruktion nicht nur überzeugt, sondern sogar sichtlich begeistert. Ich tendiere dagegen eher zur sogenannten Thomas-Philosophie und glaube an manche Dinge erst, wenn ich meine Hand selber in die Wunde beziehungsweise an die mit einer Gradmarkierung versehene Trägerstange gelegt habe.

Vor den Klanggenuss haben die Schöpfer des Sombetzki ESL Home, vor allem Firmen-Mastermind Michael Sombetzki, den Einstellschweiß gesetzt. Normale Lautsprecher platziere ich vergleichsweise selten mit dem Metermaß, bei den Sombetzkis ist dies allerdings ein Muss, denn sie sind – wie Kopfhörer – für exakt einen Musikfan gedacht. Und der muss sich auch noch haargenau im Sweetspot aufhalten, damit die Sache perfekt funktioniert. Außerdem ist der Basswiedergabe halber ein bestimmter, nicht zu großer Abstand zur Rückwand dringend empfohlen. Frei im Raum aufgestellt klingen die ESL Home nämlich dünn und substanzlos, wovor auch die reich bebilderte Bedienungsanleitung warnt. Die Elektrostaten-Dipole brauchen halt Reflexionen, erst dann können sie dank einer ebenso aufwendigen wie komplexen Korrekturschaltung ein Kopfhörer-ähnliches Klangbild erzeugen, das allerdings – im Gegensatz zu üblichen „Schallmützen“ – dennoch eine vernünftige Vorne-Ortung statt einer Im-Kopf-Verortung der virtuellen Schallereignisse ermöglicht.

Damit das sauber funktioniert, sollte man mit den Abständen der Schallwandler zu Ohren und (Rück-)Wand ebenso experimentieren wie mit dem Grad der Einwinkelung und der Sitzhöhe. Aber keine Sorge, der optimale Hörpunkt kann gehörmäßig problemlos ermittelt werden, ist dann aber auch, wie schon gesagt, vergleichsweise scharf abgezirkelt. Beugt man sich ein wenig nach vorne oder nach unten, dann bricht der gerade noch ausgezeichnete Raumeindruck in sich zusammen, die Höhen verflüchtigen sich fast vollständig und an die Ohren dringt nur noch dumpfes Gemurmel. Also, Kopf hoch und locker bleiben beim Musikhören.

Passt allerdings alles, dann wird man vom Sombetzki ESL Home, der mit gerade einmal 7500 Euro in etwa so viel kostet wie ein Top-High-End-Kopfhörer, mit einer klanglichen Präsenz und tonalen Richtigkeit belohnt, wie sie übliche Schallwandler selbst in deutlich höheren Preisregionen kaum je erreichen (können). Paul Simons Graceland beispielsweise, das seit einigen Jahren in einer remasterten Fassung erhältlich ist, wirkt ungemein anspringend und kernig, mit vollsattem, aber nie aufgedicktem Grundton und einer grundehrlich klingenden Balance. Den Chor „Ladysmith Black Mambazo“ erlebt man in der mitreißenden Hymne „Homeless“ aus Dirigentenperspektive, kann den Sängern gleichsam beim Luftholen zuschauen und vor dem inneren Auge sehen, wie sie das Zwerchfell anspannen. Fantastisch!

 

Doch auch flach produzierter italienischer Plastik-Pop, wie ihn die junge Rock-Chanteuse Alice Paba pflegt, macht mit diesem kontaktfreien „Kopfhörer“, der optisch einem kleinen Schiffssegel gleicht, deutlich mehr Spaß als mit den an sich über jeden klanglichen Zweifel erhabenen Wilson Audio Yvette. Die Fehler und Nachlässigkeiten, die bei Pop-Produktionen zum Alltag gehören (das Zeug soll ja schließlich Ghettoblaster-tauglich sein, also wird es bis zum Gehtnichtmehr klanglich komprimiert), bleiben zwar deutlich vernehmbar, stören aber den Groove und das Timing viel weniger als über einen highendigen „Normallautsprecher“. Eher macht sich bei Alice Pabas mit unbekümmerter Mädchenstimme zu markig geschlagener Gitarre geschmetterten Canzoni Disco-Stimmung breit. Man wird gar von Clubatmosphäre eingehüllt, weil die Sombetzkis so unmittelbar und anspringend sind. In dieser Hinsicht ist diese ungewöhnliche, weltweit wohl einmalige Schallwandlerkonstruktion ein typischer Elektrostat: irrwitzig schnell und anspringend, mit wunderbarer Detailfülle und über alle Frequenzbereiche völlig homogen.

Die Macher dieses Ausnahmegerätes – von „Box“ darf man angesichts der Konstruktion definitiv nicht sprechen – verweisen auf den im Vergleich zu üblichen Elektrostaten deutlich gesteigerten Wirkungsgrad, der durch eine besonders dünne Membranfolie erreicht wird. Diese besteht auch beim Sombetzki ESL Home aus Mylar, ist aber nur 1,5 Mikrometer dick, kann dafür aber vollflächig rund vier Millimeter in beide Richtungen schwingen. Der angenehme Nebeneffekt: Es braucht keine wattstarken Verstärker-Monster, um einem Sombetzki ESL quellwasserklare Töne und verblüffend tiefe Bässe zu entlocken.

Sombetzki ESL Home Personal Speaker

Die Endstufe Soulution 511, die ich gerne verwende, weil sie mir während des Testzeitrahmens mehrfach optimal warmgelaufen zur Verfügung steht, ist verführerisch gut, aber eigentlich auch schon ein bisschen Overkill. Denn der „Freikopfhörer“, wie ich den „Personal Speaker“ (O-Ton Sombetzki) für mich nenne, kommt auch mit deutlich schlankeren Verstärkerkonstruktionen bestens zurecht. Nur feinauflösend sollten sie sein, was in noch stärkerem Maß für die Quellgeräte gilt. Der kleine Music-Link-CD-Player von Marantz ist zum Beispiel ein trefflicher Spielpartner für die Sombetzkis – weil der HD-CD1 das Label „High Definition“ nicht nur im Namen trägt. Er wurde auf Detailreichtum in Verbindung mit einem vollen, warmen Grundtonbereich getrimmt, was dem Sombetzki-Klangideal durchaus noch entgegenkommt. Wenn ich über den Digital-Winzling Mahlers titanische Achte Sinfonie in der schlackenfreien, feinstofflichen, ungemein ätherisch und dennoch energischen Lesart David Zinmans mit dem Tonhalle-Orchester Zürich (RCA SACD) über die Sombetzkis höre, dann werde ich selber Teil dieses freireligiösen Sogs, dieser machtvollen Hymne auf das Leben und die Schöpfung. „Komm, Schöpfer des Geistes“ heißt es in dem ausgedehnten Chor zum Auftakt, der über die Freikopfhörer völlig unangestrengt und sauber gestaffelt erklingt. Der Klangkörper – bei dieser „Sinfonie der Tausend“ zwei gemischte Chöre plus Knabenchor plus groß besetztes Orchester – bleibt auch in den massivsten Tutti-Ballungen und im wuchtigsten Fortissimo stets durchhörbar und wirkt in allen Frequenzbereichen wie mit der Kalligrafiefeder durchgezeichnet. Reicht einem das Angebot in den tiefen Bereichen einmal nicht aus, gibt es neben den stabilen Schraubklemmen für die Lautsprecherkabel (die auch Bananenstecker aufnehmen) noch einen Kippschalter, mit dem sich der Bass zwischen 40 und 70 Hertz um drei Dezibel anheben lässt – nicht nur für Bassfetischisten eine Stellung, die je nach gehörter Musik durchaus empfehlenswert ist.

Aufgrund der starken Richtwirkung der vollflächigen Dipol-Elektrostaten hört man im Rest des Raumes zwar, welche Musik der Sombetzki-Eigner sich gerade gönnt – im Falle der Mahler-Sinfonie mit gehörigem Druck –, aber „draußen“ (also außerhalb des Sweetspots) eben deutlich unter Zimmerlautstärke. Der Nachbar im Mietshaus bekommt – total Kopfhörer-like – ganz gewiss gar nichts mit. Und das, obwohl man auf dem Einzel-Hörplatz sehr ordentliche Pegel fahren kann, ohne dass die Elektrostaten zu limitieren beginnen. Die meisten Ohren hissen früher die weiße Flagge.

Mit seiner superben, vollkommen homogenen Über-alles-Qualität spielt der Sombetzki ESL Home in einer Liga, die normalerweise Superboxen mit sehr deutlich fünfstelligem Preisschild vorbehalten ist. Und er nimmt von Kopfhörer-Verächtern wie mir jeden Druck. Im wahrsten Sinne des Wortes!

Sombetzki ESL Home Personal Speaker Navigator

 

Personal Speakers
Sombetzki ESL Home

Funktionsprinzip: elektrostatischer Nahbereichs-Breitbandwandler für Hörentfernungen bis ca. 100 cm, Dipol-Abstrahlung
Anschlussimpedanz: 4–8 Ω
Maße ESL-Element (B/H/T): 30/50/3,6 cm
Max. Membranhub: ±4 mm
Leistungsaufnahme: < 0,5 W
Maße max. (B/H/T): ca. 40–61/115–137/29 cm
Gewicht: 21 kg
Ausführungen: Übertragergehäuse Korpus MDF basaltgrau lackiert mit Seitenwangen in Echtholzfurnier Ahorn, Eiche natur, Kirschbaum oder Lack schwarz oder weiß, Stoffabdeckung hellgrau, gegen Mehrpreis auch Stoff in Orangerot oder Dunkelgrau (200 €) sowie Seitenwangen in beliebiger RAL-Farbe (180 €); Traverse aus Edelstahl; zweite Traverse gegen Aufpreis (170 €)
Besonderheiten: beidseitige Kabelzuführung, schaltbare Bassanhebung
Garantiezeit: 5 Jahre (für Erstbesitzer nach Registrierung)
Systempreis: ab 7500 €

 

www.sombetzki-elektrostaten.de

 

Mitspieler
Plattenspieler: Clearaudio Innovation mit TT5 und DaVinci, TechDAS AirForce III mit Einstein The Tonearm und Einstein The Pickup
Digitalquellen: Audio Note CDT-3 mit Audio Note DAC 3 Signature, Marantz HD-CD1, Marantz SA 14 V1, T+A PDP 3000 HV
Vorverstärker/DAC: Primare Pre60, Soulution DAC 560, Tidal Preos
Endverstärker: Primare A60, Soulution 511
Vollverstärker: Cayin CS-100 A, Daniel Hertz M9, T+A PA 3100 HV

 

Sombetzki ESL Home Personal Speaker

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