Classidelity: J. S. Bach, Matthäus-Passion – Reise durch Zeit und Raum

Eine historisch-kritische Produktion mit Tiefenwirkung

Eine neue Aufnahme der Matthäus-Passion unter der Leitung des belgischen Countertenors und Dirigenten René Jacobs – das lässt erst einmal eine weitere kompetente Interpretation dieses oft, und oft auch sehr gut eingespielten Meisterwerks erwarten. Dann hält man die CD-Box in Händen und entnimmt ihr zwei Hybrid-SACDs mit PCM-Stereo- und 5.1-Surround-SACD-Spur, eine DVD mit der Making-of-Doku, sowie ein 174-seitiges Begleitbüchlein. Und liest über die Leipziger Thomaskirche und die räumlichen Bedingungen dort bei der Erstaufführung der Matthäus-Passion im Jahr 1736. Schnell wird klar: Jacobs hat hier mehr vor, als nur eine weitere Lesart auf den Markt zu bringen. Er will nichts weniger als in eine neue Dimension vorstoßen: die Tiefe.

Matthäus-Passion

J. S. Bach, Matthäus-Passion
René Jacobs, Akademie für Alte Musik Berlin, RIAS Kammerchor
CD, harmonia mundi

Obwohl Kirchenmusik seit Jahrhunderten eine enorm dreidimensionale Angelegenheit ist – von der Orgel im Rücken bis zur Umzingelung des Kirchgängers durch Chöre, ganz zu schweigen von „mitspielenden“ Kathedralräumen –, schrumpft das eindrucksvolle Singen und Klingen auf Stereo-Tonträgern unweigerlich auf schlichtes Opernbühnenformat: In der ersten Reihe die Solisten, dahinter Chor und Orchester, das ganze abgeschmeckt mit fein dosierten Raumklanganteilen – fertig. Was da verloren geht an nicht zuletzt sinnstiftenden Möglichkeiten des Mit- und Gegeneinanders, ist offensichtlich. In seiner für zwei Chöre und Orchester angelegten Matthäus-Passion zielte nun aber Bach, da sind sich René Jacobs und der im Booklet ausgiebig zu Wort kommende Musikwissenschaftler Konrad Küster einig, auf eine bis dato im Wortsinn unerhörte Stufe der musikdramatischen Ausdeutung der komplexen Beziehungen des handelnden Personals. Und zu diesem Zweck, so die Schlussfolgerung, band die Leipziger Erstaufführung auf effektvolle Weise die Möglichkeiten eines Kirchenschiffs mit zwei die Gemeinde quasi in die Zange nehmenden Orgelemporen ein.

Leider werden nur stolze Besitzer von Surround-fähigen SACD-Anlagen die zweifellos spektakuläre Klangwirkung eines virtuellen Barockdomes erleben dürfen. Für den mit (möglichst guten!) reinen Stereo-Anlagen bestückten Rest wurde das originale Vorne/Hinten zu Nähe/Ferne transformiert. Das Prinzip dabei: Chor Nr. 1 und Orchester Nr. 1 betreiben die eigentliche biblische Handlung und stehen damit auch aufnahmetechnisch im Fokus. Was Chor und Orchester Nr. 2 beizutragen haben, sind Kommentare und Zwischenrufe mit eigenem emotionalem Wert. Sie kommen, fußballerisch ausgedrückt, aus der Tiefe des Raumes, wurden also im Mix einige Schritte hinter Ensemble 1 versetzt. Das Resultat (nochmals: eine gute, sauber aufgestellte Anlage vorausgesetzt) ist veritables 3D-Passions-Hörkino.

Es wäre René Jacobs gegenüber ungerecht, diese Produktion allein auf das Nah/Fern-Spektakel zu reduzieren. Aber der erzielte Effekt ist so stark, dass er den individuellen Leistungen von Sängern und Instrumentalisten die Show zu stehlen droht. Doch zunächst einmal fallen Jacobs‘ Tempi auf. Den Eingangschor nimmt er erstaunlich langsam, lässt die Musik weich fließen, ganz so als wollte er den kritischen Hörer sachte aus der Deckung locken. Die Arien dagegen sind durchweg flott genommen, ohne je gehetzt zu wirken. So kommen auch schöne Effekte zustande, wirkt etwa die von Bernarda Fink gesungene Alt-Arie „Tropfen meiner Zähren“ wie pointillistisch hingetupft. Die Erlaubnis zu drängen ermöglicht außerdem schärfere dramatische Zuspitzungen und Kontraste im Handlungsverlauf.

Matthäus-Passion

René Jacobs dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin, den RIAS Kammerchor, den Staats- und Domchor Berlin und eine Riege ausgezeichneter Solisten mit Werner Güra als Evangelist und Johannes Weisser als Jesus

Die zweite Überraschung: eine Laute! Jacobs setzt auf ein Continuo-Trio aus Cembalo, Laute und Orgel. Da werden später einige feine Effekte zu hören sein, wenn sich die drei im turbulenten Rezitativ-Geschehen pointiert die Bälle zuspielen. Die Gambe hat auch noch einen ganz großen Auftritt: Historischen Quellen folgend, übernimmt sie den gewohnheitsmäßíg der Gambe zustehenden Part in der Bass-Arie „Komm süßes Kreuz“. Wer hier je den Gambisten wild durch die Intervalle rudern hat sehen, der wird anerkennen, dass an der These durchaus was dran ist, Bach habe die in der Frühfassung nachgewiesenermaßen für das Zupfinstrument gedachte Stimme später einfach für Gambe umgewidmet. Sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste. Für Traditionalisten ist die Gambenfassung am Ende der CD angefügt.

Als erste Arie kommt „Blute nur du liebes Herz“ aus der Distanz (Sopran: Christina Roterberg). Die Wirkung ist stark und angemessen verstörend. Zwar stellt sich im Verlauf des Werks eine gewisse Gewöhnung ein, geraten Nummern wie die von Arttu Kataja gesungene Bassarie „Gebt mir meinen Jesu wieder“ unter die Räder des Konzepts, dass man rufen möchte „Gebt mit bitte meinen Bass und die virtuose Orchesterbegleitung in voller Deutlichkeit wieder!“. Für die genial gänsehauterregende Wirkung des verhallten „Erbarm es Gott“-Rezitativs mit seinen irr peitschenden Geigen wünscht man der Aufnahme im Handumdrehen aber doch wieder alle Schallplattenpreise dieser Welt.

Die Klangqualität der in den Berliner teldex-Studios produzierten Aufnahme ist makellos – feinziseliert, klangfarbenreich, niemals vordergründig. Wenn die Leistungen der Ausführenden hier kaum herausgehoben wurden – Jacobs dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin, den RIAS Kammerchor, den Staats- und Domchor Berlin und eine Riege ausgezeichneter Solisten mit Werner Güra als Evangelist und Johannes Weisser als Jesus –, dann nur, weil sie sich auf einheitlich hohem Niveau bewegen.

Diese sich manche Freiheit erlaubende Matthäus-Passion lässt sich ohne Übertreibung als Meilenstein bezeichnen. Sie wird und muss sicher nicht jedem gefallen. Ganz sicher werden ihr aber viele verfallen. Der Autor nimmt sich da nicht aus.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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