Jazzidelity: Joris Roelofs – Aliens Deliberating

Neues vom Zauberhorn

Erst rund 100 Jahre nach der Klarinette wurde ihre Bass-Variante erfunden. Doch seitdem hatten alle Alt- und Tenorklarinetten keine reelle Chance mehr, denn der Tonumfang der Bassklarinette ist theoretisch nach oben unbegrenzt. Das Instrument erlaubt Intervallsprünge über mehrere Oktaven, ist laut wie ein Saxofon, kann jaulen wie eine Schalmei, quäken wie eine Sirene, brummen wie ein Didgeridoo und schnurren wie ein Akkordeon. Als Eric Dolphy die Bassklarinette in den frühen Sechzigern solistisch emanzipierte, hat er deshalb nicht nur eine neue Stimme in den Jazz gebracht, sondern einen ganzen Musikkosmos eröffnet. An den Maßstäben, die er setzte, wollten sich seitdem allerdings nur wenige messen.

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Joris Roelofs – Aliens Deliberating
CD, Pirouet

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Der Niederländer Joris Roelofs war fünf Jahre lang Mitglied des Vienna Art Orchestras

Einer von denen, die die Bassklarinette im Jazz voranbringen könnten, ist der 30-jährige Niederländer Joris Roelofs. Fünf Jahre lang war er Mitglied im Vienna Art Orchestra, sein eigenes Debütalbum präsentierte er 2008. Wie einst Eric Dolphy startete Roelofs als Kind auf der Sopranklarinette, machte dann das Altsaxofon zu seinem Hauptinstrument und bläst nebenher noch die Flöte. Auf Aliens Deliberating allerdings ist er ausschließlich an der Bassklarinette zu hören – und wie! Roelofs stürmt im Opener „Diana’s Castle“ mit grandioser Virtuosität durch die Register, swingt im Cool-Jazz-Klassiker „Kary’s Trance“ flüssig die Uptempo-Chorusse entlang oder lotet mit gaumig-warmem Ton die Ellington-Ballade „Sophisticated Lady“ aus. Ob aggressiv oder weich, geheimnisvoll oder schrill, in sich gekehrt oder explosiv: Die Bassklarinette scheint bei ihm über unbegrenzte Spiel- und Klangmöglichkeiten zu verfügen. Und der Weg ist freigeräumt: Kein Harmonie-Instrument stellt sich quer. Dafür sichert ein sensationell freigeistig aufspielendes Rhythmus-Gespann das durchgängig hohe Niveau des Albums: die beiden Amerikaner Matt Penman (Bass) und Ted Poor (Drums).

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Joris Roelofs entwirft Soundbilder, die vor Kreisch- und Sägetönen nicht zurückschrecken.

 

Wie groß der Spaß ist, den Roelofs an der Bassklarinette hat, demonstriert er auch in fünf kurzen Zwischenspielen, in denen er einfach nur die klanglichen Extreme des Instruments erkundet. Es sind Soundbilder, die vor Kreisch- und Sägetönen nicht zurückschrecken. Ihre assoziativen Titel – die „beratenden Außerirdischen“ oder die „große betrunkene Hummel“ – verraten Sinn für Humor. Den muss man wohl auch haben, wenn man dieses bizarre und faszinierende Zauberhorn bläst.

 

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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