Winfried Dulisch schlendert durch Innsbruck

Welches Andenken kauft ein Musikfreund in der Tiroler Landeshauptstadt? Zum Beispiel eine Konzertglocke für den heimischen Partykeller

„Diese Glocke – eigentlich ist es eine Klangschale – hat die Münchner Firma ‚schlag zu’ bei uns bestellt“, erklärt Peter Grassmayr, Chef des ältesten Familienbetriebs in Österreich. „Seit 1599 gießen wir Glocken und andere Kunstwerke aus Bronze. Aber dieser Auftrag von ‚schlag zu’ war eine handwerkliche Herausforderung, die wir in unserer Firmengeschichte noch nicht erlebt hatten.“

Der Schlagwerk-Verleiher „schlag zu“ bestellte das Musikinstrument für Opernhäuser, die möglichst partiturgetreu den Parsifal aufführen wollen. Der Gigantomane Richard Wagner hatte in das Werk den Klang einer Glocke hineinkomponiert, die eigentlich 30 Tonnen schwer sein müsste. „Solch ein Monstrum würde in keinen Orchestergraben passen. Also konstruierten wir eine 80 Kilogramm schwere Klangschale, sie erzielt genau den vom Komponisten gewünschten Effekt.“

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Die Glockengießerei Grassmayr ist der älteste Familienbetrieb Österreichs

Philharmoniker

Für die pompösen Klangschöpfungen eines Hector Berlioz, für Arvo Pärts Credo oder Verdis Nabucco hat die Glockengießerei Grassmayr auch schon die passenden Zutaten geliefert. Peter Grassmayr blättert weiter in den Auftragsbüchern: „Die Wiener Philharmoniker und das Staatsorchester vom Emirat Katar sind bei uns Stammkunden. Oder das Leipziger Gewandhaus benötigte für Mahlers Neunte ein großes Fis, 46 Zentimeter Durchmesser, 38 Kilogramm, das macht 2.000 Euro.“

Geht es auch preiswerter? – „Ab und zu haben wir mal einen Fehlguss, also wie ein Fehlwurf beim Hundezüchter. Solch eine Glocke klingt auch hervorragend, aber sie kann bei keinem Orchester mitspielen. Die verkaufen wir dann für den Einsatz im Partykeller.“

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Glockengießer Peter Grassmayr

Tierquäler

Produzieren Sie auch Kuhglocken? – „Selbstverständlich. Die sind überhaupt nicht teuer. Eine Kuhglocke ist eigentlich keine aufwendig gegossene Glocke – sondern eine Schelle, die aus mehreren Teilen zusammengefügt wird.“ Trotz des geringen Preises stehlen Touris den Kühen diese Signalgeber vom Hals weg. „Das ist eine Tierquälerei“, echauffiert sich der Glockengießer. „Wenn sich die Kühe anschließend verlaufen, findet der Bauer sie nicht wieder.“

InnsbruckVöllig entspannt redet Peter Grassmayr inzwischen über diesen Verlust: „Wir hätten gerne eine Glocke für den Kölner Dom gegossen. Wir bekamen aber bloß den Auftrag, einen Klöppel zu liefern.“

 

Lautsprecher

Abgehakt hat er auch dieses Thema: „Wir gießen keine Lautsprechergehäuse mehr.“ Dabei sprechen gute Argumente für das Material: „Es hat bei 20 Grad Celsius die gleichen Klangeigenschaften wie Knochen eines Menschen bei gesunder Körpertemperatur von 37 Grad. Aber die Boxen aus Glockenbronze war nicht markttauglich, wir mussten dafür mindestens 20.000 Euro verlangen.“

Preiswerter ist sogar ein Designerstück von Swarovski, die Kristallglas-Schleiferei residiert seit 1985 vor den Toren von Innsbruck. – Oder ein Dirndlkleid aus dem Innsbrucker Heimatwerk-Laden. Das Tiroler Heimatwerk versteht sich nicht als Lieferant für Oktoberfest-Fashion, sondern engagiert sich seit 1934 – laut Selbstverpflichtung – „für einen Kleidungsstil, der einen wichtigen Beitrag leistet zur Erhaltung regionaler Identität und kultureller Vielfalt einer Region“.

 

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Volksmusikforscher Thomas Nussbaumer

Volksmusikforscher

Schon seit 1905 sammelt das Tiroler Volksliedwerk regionales Liedgut. Im Archiv lagern mehr als 10.000 Tonaufnahmen. Einige davon lieferte Prof. Dr. Thomas Nussbaumer. Sein Spezialgebiet ist die Tiroler Fas(t)nacht. Außerdem forscht er über Volksmusik und Nationalsozialismus. „Manche Politiker missbrauchen die Volksmusik als Transportmittel für tendenziös nationalistisches Gedankengut“, hat er beobachtet. „Oder sie schauen tatenlos dabei zu, wenn Volksmusik missbraucht wird“.

Die behutsame Arbeit von Thomas Nussbaumer wird inzwischen auch außerhalb von Tirol geschätzt. Die Old Order Amish, eine zurückgezogen lebende Religionsgemeinschaft, luden ihn ein nach Kalona, Iowa. Thomas Nussbaumer durfte dort Tonaufnahmen von ihren Gottesdienstgesängen produzieren. Nicht einmal Alan Lomax, der in den 1940ern im Auftrag der Washingtoner Library of Congress die Volkskultur der USA dokumentiert hatte, konnte mit einer ähnlich großen amischen Sängergruppe arbeiten.

 

Erker

Und wo möchte Thomas Nussbaumer fotografiert werden? – „Treffen wir uns unter dem Goldenen Dachl.“ Für Musiker ist dieser spätgotische Erker eine Kultstätte. Chöre und Jazz-Bands aus aller Welt bitten um die Erlaubnis, unter den 2.657 feuervergoldeten Kupferschindeln ihr Ständchen bringen zu dürfen.

Ein historisch bedeutsamer Auftrittsort ist auch das Kongress- und Konzerthaus. Es steht genau dort, wo 1630 das erste feste Opernhaus im deutschsprachigen Raum eingeweiht wurde. Somit ist Innsbruck eine Top-Adresse für die globale Early Music Scene.

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Konzertsaal im Schloss Ambras

Biker

Philip Brunnader, Medien-Manager bei den Festwochen der Alten Musik, gibt eine Klangvorstellung: „Naturhörner und Naturtrompeten. Keine Stahlsaiten. Außerdem Barock-Pauken mit Naturfellen. Und natürlich Sängerinnen und Sänger, die sich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert haben.“ Und wenn im Juli oder August ein Harley-Biker mit wallendem Haupthaar vorbeifährt, flüstern sich die Innsbruckerinnen zu: Ist das nicht dieser Countertenor, der gestern Abend im Schloss Andras gesungen hat?

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Mehr noch als diese Stars zählt für Philip Brunnader: „Neben dem Festival veranstalten wir auch die weltweit wichtigste Casting-Show für Alte Musik. 2012 bekamen wir 180 Anmeldungen aus 33 Ländern zu unserem Sänger-Wettbewerb.“

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Jet-Sound im Audioversum

Abenteuer

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Guide im Audioversum

Immer wieder neue Töne liefert seit 2012 das Audioversum, eine Galerie für wechselnde Ausstellungen zum Thema akustische Wahrnehmung und Sinnestäuschungen. Die Guides tragen auf ihren T-Shirts die Einladung „Folgen Sie mir ins Abenteuer Hören“. Denn solch ein Abenteuer-Trip führt schon mal vom Jodel-Schnellkurs bis hin zum sonoren Brummen eines Jumbo-Jets.

 

 

Glockengießerei Grassmayr

www.grassmayr.at

 

Tiroler Volksliedwerk

www.volkslied.at

 

Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

www.altemusik.at

 

Allgemeine Reise-Informationen über Innsbruck

www.innsbruck.info

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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