Nicht wundern, nur staunen – Kuriose Musikinstrumente, Teil 2

Nicht nur bei den Saitisten gab es allerlei Kurioses zu bestaunen, wie sich im ersten Teil dieser Reportage zeigte. Nein, es gibt sogar Instrumente, die sind auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennbar!

Nicht nur der Stromgitarre, sondern vor allem dem Schlagzeug dürfte in der Popularmusik wohl ein gewisser heroischer Symbolcharakter anhaften. Während die E-Gitarre mit ihren Protagonisten und der Art, wie Soli zelebriert werden, bisweilen etwas Pathetisches hat, macht beim Schlagzeug – neben der motorischen Komplexität des Spiels – die schiere Größe und Lautstärke des Instruments Eindruck. Man sollte annehmen dürfen, dass diese Attribute für den selbstbewussten, oftmals selbstdarstellerischen Gestus dieses Instruments genügen.

Kuriose Musikinstrumente

Imposant, vor allem aber laut: North Drums

Beat It

Den Münchner TV-Schürzenjäger und –Kommissar Monaco Franze gab es zwar in den 70er Jahren noch nicht, aber sein Motto „A bissl was geht immer“ könnte man genauso auch dem amerikanischen Trommelhersteller North Drums zuschreiben. Roger North gestaltete die Trommelkessel mit einer hornförmigen Öffnung, die nach vorne in Richtung Publikum abstrahlt, was ein bisschen wie ein abgeschnittenes Alphorn aussieht. Zweifelsohne war es ein Hingucker. Die Idee wurde 1968 geboren und 1971 zum Patent angemeldet. Die konische Kesselform aus kohlefaserverstärktem Kunststoff konnte zwar mit einem deutlich höheren Schalldruck gegenüber einem geraden Kessel aufwarten, war auch im Studio leichter mit Mikrofonen abzunehmen, aber setzte sich letztlich nicht durch. Selbst nachdem 1976 ein weltweiter Vertrieb dafür sorgte, dass Drumstars wie Billy Cobham, Gerry Brown, Doug „Cosmo“ Clifford (Creedence Clearwater Revival) oder Alan White (Yes) hinter einem North Set gesichtet wurden, konnte von Durchbruch keine Rede sein. Anfang der 80er Jahre wurde die Produktion eingestellt. Übrigens trommelte auch Chad Channing aus der Urbesetzung von Nirvana zwischen 1988 und 1990 auf einem North-Set. Die wenigen verbliebenen Anhänger halten der Marke loyal die Stange. Ein Trommler aus Hamburg hat sogar eine eigene Fanseite im Netz eingerichtet.

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In solchen Gussformen wurden die Kunststofftrommeln für North Drums gefertigt

Good Vibrations

Zugegeben, es mutet schon komisch an: ein kleines, quaderförmiges Holzkästchen mit ein paar Drehknöpfen auf der Front; zur Seite und nach oben ragt so etwas wie eine Antenne heraus … „Wie soll da Musik herauskommen?“ fragt man sich unweigerlich, wenn man ein Theremin zu Gesicht bekommt. Die Töne werden beim Theremin berührungslos erzeugt, schlicht durch angewandte Physik: Die in die Höhe ragende, antennenförmige Elektrode ist für die Tonhöhe gedacht, mit der aus der linken Gehäuseseite ragenden Elektrode wird die Lautstärke gesteuert. Dies geschieht, indem man die Hände auf die Elektroden zu- oder wegbewegt. Sehr vereinfacht ausgedrückt wird durch die elektrische Kapazität des menschlichen Körpers das elektromagnetische Feld der beiden Elektroden verändert. Das Ausmaß der Veränderung für die beiden Parameter Tonhöhe und Lautstärke ergibt sich durch die Position der Hände und wird – über eine Elektronik verstärkt – an einen Lautsprecher ausgegeben.

Den mystischen, je nach Vibrato gar geisterhaften Klang des Theremins würde ich bei den höheren Registern irgendwo zwischen verfremdeter Frauenstimme und Violine einordnen. In tieferen Lagen klingt es, als hätte sich Jimi Hendrix’ Geist in ein Theremin eingeschlichen: psychedelisch, dunkel und unnahbar.

In den Frühtagen führte das Theremin-Wunderkind Clara Rockmore, deren Mäzen Leon Theremin war, konventionelle Solo-Literatur und neuere Klassik auf. Bis in die 60er Jahre hinein war das Theremin – auch Ätherophon genannt – immer wieder in Filmsoundtracks zu hören, etwa in Frankensteins Braut (1935), The Lost Weekend (1945), Spellbound (1945), Das Ding aus einer anderen Welt (1951), Gefahr aus dem Weltall (1953) u.a. In der 60er-Jahre-Sitcom Mein Onkel vom Mars kann jener Onkel seine Antennen ein- und ausfahren, akustisch untermalt von einem Theremin. Die bekanntesten Theremin-Momente in der Pop- und Rockmusik dürften wohl die Beach Boys mit dem Intro zu „Good Vibrations“ und Led Zeppelin mit dem orgastisch-kakophonischen Mittelteil in „Whole Lotta Love“ abgeliefert haben.

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Bitte nicht berühren: ein Theremin

Benannt wurde das Instrument nach seinem Erfinder, dem russischen Physiker Lew Termen (1896–1993), der sich nach seiner Emigration in die USA in Leon Theremin umbenannte. Jener erfand übrigens auch das Rhythmicon, ein früher Vorläufer des Drumcomputers (siehe „Basteleien mit Folgen“). Das Theremin hat darüber hinaus auch einen gehörigen Anteil am Siegeszug des Synthesizers in der Popmusik. Der Synthesizer-Pionier Robert Moog hat in jungen Jahren ausgiebig an Theremins herumgebastelt, für eine Weile sogar Bausätze vertrieben und aus diesen Ansätzen den bahnbrechenden Moog-Synthesizer entwickelt. Heute ist Moog der größte Hersteller von Theremins.

 

Blowin’ In The Wind

So sehr ich persönlich die kernige „Meat-and-Potatoes“-Philosophie gitarrenlastiger Rockmusik auch mag, ab und zu muss als intellektueller Gegenpol und Ausgleich harmonische Feinkost her. So hörte ich auf den Solo-Alben von Michael Brecker (1949–2007), seines Zeichens Tenorsaxlegende und eine Hälfte der Jazzrock-Ikonen The Brecker Brothers, vor knapp zwanzig Jahren erstmalig einen Sound, der mich stutzig machte. Das klang eindeutig synthetisch, nur die Spielart, das war niemals ein Keyboard. So spielt und phrasiert doch nur ein Saxophonist! Was ging da ab? Hatte ich etwas verpasst?

Des Rätsels Lösung: ein EWI (Electronic Wind Instrument). Für diese Idee gibt es zwei Urväter: den amerikanischen Trompeter Nyle Steiner und Bill Bernardi mit seiner Firma Computone. Beide verfolgten unabhängig voneinander die Idee eines Blas-Synthesizers. Die Form des Lyricon, so nannte Bernardi seine Schöpfung, war noch ein klarer Ableger eines Sopransaxophons mit der bekannten Klappenmechanik. Das EWI von Nyle Steiner hingegen hat nur noch wenig mit der originären Optik eines Sopranosax zu tun. Es kommt sehr futuristisch daher – das Ding könnte in den Händen meines Juniors glatt als langgezogenes Raumschiff durchgehen. Gespielt wird wie auf einem Saxophon oder einer Klarinette, doch das EWI ist lediglich ein Controller, eine Steuereinheit also, mit der ein externes soundausgebendes Synthesizermodul angesteuert wird. Steiner experimentierte bereits in den 60er Jahren damit und brachte eine frühe EWI-Version – ebenso wie Bernardi sein Lyricon – Mitte der 70er Jahre auf den Markt. Doch die Zeit schien noch nicht reif, so war für beide um 1980 zunächst Schluss.

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Spielwiese für experimentierfreudige Bläser: Akai EWI

Nyle Steiner ging eine erfolgreiche Beziehung mit dem japanischen Elektronikkonzern Akai ein, an den er die Rechte für sein neuartiges Instrument abtrat. Akai führt seither, von Unterbrechungen zu Beginn der 90er Jahre einmal abgesehen, die Idee Steiners fort. Bernardi hingegen zog sich zwar vom Business zurück, repariert jedoch bis zum heutigen Tag Lyricons und hat noch große Pläne: „Wenn ich in Rente gehe, werde ich das Lyricon III bauen, mit der ganzen verfügbaren, neuen Technik. Es gibt bereits einen Prototypen.“ Integer scheint Herr Bernardi auch zu sein, denn er weigerte sich damals, dem „Girl-from-Ipanema“-Saxer Stan Getz ein Lyricon kostenlos zu überlassen: „Ich war der Auffassung, er sollte wie jeder andere dafür bezahlen.“

Die Anzahl an Herstellern von EWIs ist recht überschaubar. Casio und Softwind haben sich auch an dieser Technik versucht, mit mäßigem Erfolg. Einzig Yamaha konnte mit der WX-Serie einen achtbaren Erfolg erzielen, jedoch nicht zum Platzhirschen Akai aufschließen.

Ein Lyricon ist unter anderem im TV-Soundtrack der US-Serie Starsky & Hutch, bei Steely Dans „Peg“ und sogar bei Michael Jacksons „Billie Jean“ zu hören; bei letzterem allerdings nur sublim. Puristische Bebopper sind synthetischen Klängen aus einem Blasinstrument wohl nicht ganz so aufgeschlossen, so dass das EWI von Akai – das Lyricon wird längst nicht mehr hergestellt – vorrangig im Smooth Jazz und Jazzrock eingesetzt wird, also etwa von Michael Brecker, Bob Mintzer, Herbie Hancock, Jeff Kashiwa oder Dino Soldo.

 

Zurück in die Zukunft

Nach dem Sechssaiter-Exkurs im ersten Teil dieser Geschichte glaubte ich, diesbezüglich alles abgegrast zu haben. Großer Irrtum! Ohne gezielt danach zu suchen, bin ich auf ein Saiteninstrument gestoßen, das ich unbedingt in diesem Teil der Geschichte mit drin haben wollte, weil sie ein absolutes Novum darstellt: eine E-Gitarre aus einem 3D-Drucker!

Gut, nicht ganz. Bei ODD Guitars wird lediglich der Korpus in einem 3D-Drucker erstellt. Der aber hat’s wirklich in sich! Nicht nur ein schnöder, massiver Gitarrenkorpus aus Kunststoff, sondern ein filigranes, skelettartiges Gebilde, je nach Modell einem Spinnennetz, den Waben eines Bienenstocks, der amerikanischen Flagge oder den Formen, die Öltropfen auf Wasser bilden, nachempfunden. Die äußeren Konturen des Korpus bilden dabei wahlweise die Form einer Gibson Les Paul oder ein eigenes Design von ODD Guitars ab.

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E-Gitarren aus dem 3D-Drucker: ODD Guitar

Für den Hals und das schlanke Kernstück in der Mitte des Korpus werden bewährte Klanghölzer wie Mahagoni oder Ahorn von Warmoth, einem der großen Zulieferer im E-Gitarrenbau, verwendet. Die restliche Hardware kommt von den üblichen Verdächtigen, die Industriestandards definiert haben: Tonabnehmer von Seymour Duncan, Stimm-Mechaniken von Gotoh, die Brücke von Schaller.

Der Kopf von ODD Guitars, Olaf Diegel aus Neuseeland, hat sich nicht ohne Grund der 3D-Drucktechnik zugewandt. Er ist Professor für Mechatronik an der Massey Universität in Auckland und lehrt dort neben Produktentwicklung und -design, CAD, CAM auch 3D-Druck. Mit letzterem beschäftigt er sich schon seit 1995! Zudem ist er ein großer Freund von „good ol’ 50s and 60s Rock’n’Roll“. Da war die Symbiose von Schlüsseltechnologie und Rockgeschichte naheliegend – „Zurück in die Zukunft“ gewissermaßen. Die ODD Gitarren werden durch selektives Lasersintern (SLS) hergestellt: Auf einer Bauplattform wird eine hauchdünne Schicht Polyamid-Pulver in einer Stärke von 0,1 mm aufgebracht und ein Laser schmilzt die gewünschte Form in das Material. Die Plattform wird um jenen Zehntelmillimeter abgesenkt, eine neue Werkstoffschicht in dieser Stärke wird aufgetragen und der Laser bringt an den vorgesehenen Stellen das Pulver erneut zum Schmelzen. So kommt schichtweise eine ODD-Gitarre aus dem 3D-Drucker. Auf diese Art und Weise entstanden in den letzten 15 Monaten immerhin 28 E-Gitarren und sechs E-Bässe.

 

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Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: die unsichtbare Meeresorgel in Zadar

Der Wind und das Meer

Die zwei Urgewalten, die der Seefahrer-Troubadour Hans Albers seinerzeit in „Der Wind und das Meer“ sehnsüchtig besang, mögen in ihrer Erhabenheit für manch einen schon wie Musik klingen, geben aber streng physikalisch betrachtet nur Geräusche von sich. Das lässt sich durch gekonnten Eingriff von Menschenhand in eine ästhetisch-klangvolle Natursymphonie verwandeln. So geschehen im kroatischen Zadar. Die Stadt, gelegen auf halber Höhe entlang der Adriaküste, hat den großen touristischen Vorteil, dass der historische Stadtkern sich auf einer natürlichen Halbinsel befindet; sie kann somit von Schiffen bequem angesteuert werden. Doch es sollten nicht nur Fährschiffe, sondern auch die allergrößten Kreuzfahrtriesen in Zadar Station machen können, so das ambitionierte Ziel der Stadtverwaltung vor gut zehn Jahren. Die Passagiere sollten gewissermaßen mitten hinein in die Altstadt von Bord gehen können. Dazu musste der vorhandene Pier entsprechend modifiziert werden.

Der leitende Architekt Nikola Bašić wollte aber noch mehr: Er wollte die Energie des Meerwassers nutzen, um eine passende musikalische Untermalung für das Flanieren in diesem mediterranen Ambiente zu schaffen. Dazu hat er im Jahr 2004 einen 70 Meter langen Abschnitt der Promenade direkt neben dem Pier mit flach ins Meer führenden Stufen gestaltet und zusammen mit dem Bauingenieur Prof. Dr. Vladimir Andročec und dem Orgelbauer Tomislav Faullend Heferer die sogenannte Meeresorgel konzipiert; die Eröffnung fand 2005 statt. Die unterirdisch schräg eingelassenen Klangröhren arbeiten nach dem Prinzip einer Orgelpfeife. Die Wassersäule in den einzelnen Pfeifen verändert sich je nach Bewegung des Meeres und drückt die enthaltene Luft durch die Pfeifen. Der Klang wird durch kleine Öffnungen in den obersten Stufen hörbar. Die Zadar Sea Organ besteht aus insgesamt 35 Pfeifen, aufgeteilt in sieben Blöcke zu je fünf Pfeifen. Wechselweise sind die Pfeifen der sieben Blöcke auf die Akkorde G und C6 gestimmt. Wer sich für Harmonielehre begeistern kann: Die erste und vierte Stufe in G-Dur (Tonika und Subdominante) sorgen hier für einen angenehm-freundlichen, unaufdringlichen Klang, zwanglos in der Ausrichtung, eine perfekte Klangmalerei für einen Sonnenuntergang, zusammengestellt nach dem Zufallsprinzip von Wind und Meer.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 10 (6/2013)

 

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