Bauchlandung Berlin

Roger Waters‘ „The Wall“, 04. September 2013, Olympiastadion Berlin (oder: Die Erkenntnis, dass alles eine Halbwertszeit hat – auch ein Rockspektakel)

Sommerzeit ist Open-Air-Zeit. Und wie alle Jahre wieder ist Roger Waters, ehemaliger Bassist und Gründungsmitglied von Pink Floyd, mit seinem Puppentheater The Wall unterwegs. Der Ort: das geschichtsgeladene Olympiastadion Berlin. Das Drumherum: ein milder Spätsommerabend, nicht zu heiß und nicht zu kühl, gerade richtig. Die Technik: State-of-the-Art. Was will der Fan mehr?

The Wall

Die Story

The Wall ist vermutlich die aufwendigste Live-Rock-Produktion aller Zeiten. Und das ist sie von Anfang an. Dem Konzertspektakel geht Ende 1979 zunächst das gleichnamige Album voraus: ein Konzeptalbum bedrückender Themendichte, wegweisend mit seinen Sound-Effekten, unvergleichbar in seiner emotionalen Intensität.

The Wall erzählt die Geschichte des jungen Musikers Pink, der mit der Welt nicht klarkommt. Vaters Soldatentod. Mutters bizarr-unerträgliche Liebe. Die Verachtung und die Brutalität des Lehrers … Pink bleibt nur ein Ausweg: die Flucht hinter die Mauer in die völlige Isolation. Dort verfällt er faschistoid-diktatorischen Allmachtsfantasien, bis es zum Prozess gegen ihn kommt. Pink wird verurteilt, und zur Strafe wird die Mauer eingerissen – woraufhin plötzlich wieder das musikalische Eingangsthema erklingt. Die Botschaft ist klar: Alles geht von vorne los, das Leben ist ein Teufelskreis. Kein Entkommen. No Future.

Der Maßstab

Die Bühnenshow setzt zu Beginn der 1980er Jahre völlig neue Maßstäbe für Live-Konzerte, zum einen für den neuen Surround-Sound, zum anderen durch die nie dagewesenen Lichteffekte und Filmprojektionen. In der Zwischenzeit ist die damals schon 73 Meter breite und elf Meter hohe Mauer der frühen Hallenspektakel nochmal gewachsen, auf rund 150 mal zwölf Meter. In Berlin erstreckt sie sich quer durch das ganze Olympiastadion und bietet eine Projektionsfläche von gigantischen 1800 Quadratmetern. Hinzu kommt die große runde Leinwand direkt über der Bühne, die es seit den Anfängen von The Wall gibt. Beim Ton verlässt sich Waters neben der Frontbeschallung auf weitere sechs (!) rückseitige Surroundkanäle, die dem Spektakel richtig Beine machen. Alles da. Alles perfekt.

Trotzdem ist das Olympiastadion an diesem Abend mit rund 33.000 Besuchern nur mau gefüllt (zum Vergleich: Depeche Mode bringt es auf 60.000 Besucher).

The Wall

Der Hubschrauber

Dabei ist der technische Aufwand wohl nicht weiter zu toppen. Die optische Präsentation zählt zum Besten, was das Showbiz zu bieten hat: gigantische Projektionen in einer Qualität, die sprachlos machen, mit einem die Sinne vernebelnden Bilderrausch aus Animationen, Realfilmen, Riesenmarionetten, Pyrotechnik und Politparolen. In der aktuellen Version werden die originalen und noch von Hand gezeichneten Trickfilmsequenzen mit einer Vielzahl neu erschaffener computer-animierter Szenen vermischt – ein Statement dessen, was heutzutage visuell machbar ist. Die Musik wird dabei stellenweise zum schmückenden Beiwerk. Und der Sound? Nun ja. Imposant und wirklich beeindruckend sind die Surroundeffekte und die subsonischen Qualitäten der Beschallung. Der Hubschrauber, der am Anfang von „The Happiest Days Of Our Lives“ durchs akustische Bild fliegt, ist gefühlt tatsächlich da.

Um es mit den Worten eines High-Enders zu sagen: „Das Klangbild ist derart plastisch, dass die vollkommen perfekte akustische Illusion entsteht, das Gehörte sei Realität und der Hubschrauber schwebe tatsächlich durch das Berliner Olympiastadion“. Soweit so gut.

The Wall

Roger Waters

Der Absturz

Trotzdem ist der Sound alles andere als State of the Art. Es ist zwar laut, aber keineswegs immer gut. Die Höhen sind schrill und das Beschallungssystem hört sich stellenweise an, als würde es „am Schnaps“ laufen und über weite Strecken in der Begrenzung rackern.

Darüber hinaus scheint Roger Waters im Laufe der Jahre thematisch den roten Faden verloren zu haben. Zumindest wird es immer schwerer, ihm zu folgen. Waren die späteren Hallenshows der autobiografisch eingefärbten Geschichte schon politisch aufgeladen, ist The Wall heute derart propagandistisch, dass unlängst sogar der Verdacht von Antisemitismus entstand. Das American Jewish Commitee etwa erneuerte am Konzerttag seinen Antisemitismusvorwurf und rügte zugleich den Berliner Senat, dass er nicht eingeschritten sei. Stein des Anstoßes ist ein Davidstern auf dem schwebenden Schwein, ein kleines Detail mit höchst missverständlicher Symbolik. Doch genau dieses Übermaß an Sinn- und Kriegsbildern macht The Wall heute so schwer verdaulich.

Die eigentlich simple Geschichte des Albums wurde im Laufe der Jahre und Jahrzehnte soweit umgedeutet und politisch besetzt, dass sie heute nur noch als Gerüst für etwas ganz anderes herhält. Schade.

The Wall

Der Rest

The Wall ist spürbar in die Jahre gekommen und zündet trotz heftig bemühter Symbolik nicht mehr. Auch beim Berliner Publikum scheint es immer wieder Ladehemmungen zu geben. Mehrmals muss Waters ins stumme Stadion fragen „is there anybody out there”, um überhaupt eine Reaktion zu erhalten. Vermutlich wollen sich die Besucher aber einfach nur vor dem Zubettgehen schonen; es ist ja auch schon beinahe Schlafenszeit …

The Wall, das war einmal die intellektuell-verkopfte Agit-Rock-Variante von „No Future“, dem Leitmotto der Punkbewegung der 80er Jahre. Es war Sprachrohr und Lebensgefühl einer ganzen Generation. Doch die No-Future-Generation existiert nicht mehr, das Lebensgefühl ist ein ganz anderes geworden, und damit entkoppelt sich „The Wall“ vom Hier und Jetzt. Da hilft es auch nicht, die symbolisch-mystischen Bilder der Originalproduktion durch aktuelle politische Aussagen aufzumunitoinieren.

The Wall fühlt sich mittlerweile an wie 100 Jahre Starlight Express in Bochum: ein zu Tode aufgewärmtes, am Ende trotzdem nur lauwarmes Spektakel. Man muss es nicht mehr ernst nehmen, darf die Musik aber trotzdem (noch) mögen.

The Wall

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 10 (6/2013)

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