Verdi ohne Punkt und Komma

Ein paar Anmerkungen und audiophile Erlebnistipps zum Verdi-Jahr 2013

Verdi

Giuseppe Verdi (10.10.1813-27.01.1901)
Bronzebüste von Antonio Ugo, Piazza Verdi, Palermo

Es ist ein Jammer, dass im Zeitalter von Internet und SMS die Interpunktion keine große Rolle mehr spielt. Das Unglück dreht sich in unserem Fall um einen einzigen Punkt. Der aber trennt Welten: einen musikalischen Kosmos von einer politischen Zeiterscheinung, einen italienischen Komponisten von einer Dienstleistungsgewerkschaft. Es ist der Unterschied zwischen „Verdi“ und „ver.di“. Wobei es durchaus ein kleines verbindendes Element gibt, wenn man nur tief genug nach Lösungen sucht: Der Nachname von Giuseppe Verdi bedeutet übersetzt „grün“ und der Vorsitzende der Gewerkschaft ver.di ist Parteimitglied bei den Grünen. Ich bin mit meinen Abgrenzungsgedanken aber nicht alleine. Bundesverkehrsminister Ramsauer zum Beispiel, ein ernsthafter und ansehnlicher Hobbypianist, war ziemlich genervt, als er sich im Internet über Verdi informieren wollte und dabei von ver.di überrollt wurde. Oder der Intendant der Deutschen Oper Berlin, Dietmar Schwarz: Er sagt einfach „Ferdi“ zur Gewerkschaft, dann denkt er in diesem Zusammenhang gar nicht erst an den Komponisten. Zugegeben, die Sache bewegt zwar die Musikwelt, aus den Fugen gerät sie deshalb aber nicht.

Vielleicht fallen ja auch nur einem politischen Journalisten solche Bezüge ein. Dazu gehört dann auch der Blick auf das politische Italien. Dort ist die Suche nach einer stabilen Regierung seit Jahren ein Trauerspiel. Das Vermächtnis des letzten Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi werten viele Beobachter im In- und Ausland als eine Katastrophe, zudem ist Italien auch noch ein Wackelkandidat im Euroverbund.

Verdi

“I due Foscari” an der Deutschen Oper in Berlin

 

Versöhnungsverdi

Verdi

Giuseppe Verdi

Italien ist, salopp formuliert, pleite und schafft es seit Jahrzehnten nicht, durch notwendige Reformen in den grünen Bereich zu kommen. Das zeigt sich, erzählte mir neulich oben genannter Bundesverkehrsminister Ramsauer, auch beim Wiederaufbau in den Erdbebengebieten. Es gibt dort Orte, Onna, bei L’Aquila zum Beispiel, in denen seit dem Erdbeben 2009 mehr oder weniger Stillstand herrscht. „Da tut sich nichts“, wetterte Ramsauer nach einer Ortsbesichtigung wegen der Freigabe deutscher Hilfsgelder durch den Blätterwald, „wegen eines bürokratischen Hürdenlaufes, der seinesgleichen sucht. In Deutschland hätten wir längst alles wieder aufgebaut.“ Der Minister hätte Italien an jenem Tag ziemlich sauer wieder verlassen, wenn ihn nicht eine Stippvisite in Mailand in letzter Minute versöhnt hätte. Dort stand an jenem Abend Giuseppe Verdis erste Oper auf dem Spielplan: Oberto – Conte di San Bonifacio. Die Uraufführung war im November 1839. Vieles in dieser Oper erinnert noch an Bellini oder Donizetti. Aber genauso stark spricht bereits Verdis Persönlichkeit aus dem Notentext. Es ist eine Rittergeschichte mit allen Intrigen und Grausamkeiten, die man sich nur vorstellen kann, aber erzählt mit herrlich instrumentierter, eingängiger Musik. Man kann verstehen, warum diese Oper für Verdi bereits ein Erfolg war.

Verdi

Daniel Barenboim

„Oberto“, so war zu jener Aufführung in der New York Times zu lesen, „war quasi eine Aufwärmübung auf dem Weg zum Triumph für seine dritte Oper: Nabucco.“ Noch heute ist der Gefangenenchor aus Nabucco ein Herzstück des italienischen Nationalbewusstseins. Es ist für Opernfans einer dieser großen Glücksmomente, Nabucco im August in der Arena von Verona zu hören. Dann sitzt man bis Mitternacht vor lauter Hitze und Schwüle festgeklebt auf den heißen Steintreppen, beobachtet wie der Mond am italienischen Himmel über diese grandiose Arena wandert und inhaliert den unvergleichlichen Verdi-Sound mindestens genauso süchtig, wie danach den süffigen Rotwein in einer der umliegenden Trattorias. Mit etwas Glück sind an den Augustabenden wegen der Ferien auch die Italiener da und singen mit. Mit ein wenig Augenzwinkern ist das alles zusammengenommen ein Gesamtkunstwerk.

Verdi

Zwei-Euro-Gedenkmünze zu Ehren Giuseppe Verdis

Den Erfolg schuldet Nabucco aber nicht nur seiner wunderbaren Musik, sondern auch seinem Inhalt: Es geht ganz um Freiheit und darum, was ein unterdrücktes Volk erdulden muss. Intendant Schwarz von der Deutschen Oper Berlin sagt dazu: „Bei Verdi kommen die Emotionen sofort, das ist eine direkte Musik über Momentaufnahmen aus dem Leben. Und diese besitzen oft eine große Aktualität. Das ist fast ein Gegensatz zum verkorksten Nationalbewusstsein, das wir Deutsche haben.“

Es ist kein Wunder, dass Nabucco so hochpolitisch war. Denn in Verdis Kindheit und Jugend fiel die Anfangszeit des „Risorgimento“. Verdi wurde 1813 im oberitalienischen Roncole geboren. Wenig später begann der Kampf um einen unabhängigen italienischen Nationalstaat. Alles was damit zu tun hatte, bot Verdi mehr oder weniger Stoff für seine Opern, brockte ihm aber auch regelmäßig Probleme mit der Zensur ein. Die Musik spiegelt doch auch stets Gesellschaft und Politik einer Epoche wider.

Verdi

Szene aus “Il Trovatore”

Man möchte sich vorstellen, wie Verdi das aktuelle Italien des 21. Jahrhunderts in Opernmusik gießen würde. Vielleicht gäbe es weniger Mord und Totschlag, aber Intrigen, politische Weichenstellungen und alles, was mit Sitte und Moral zu tun hat, das findet sich heute genauso wie damals. Und wie das wohl wäre mit Aufführungen in der Mailänder Scala? Streit und Ärger um die Führung des Hauses beherrschten in den letzten Jahren die Schlagzeilen und eben nicht wegweisende Verdi-Inszenierungen. In der Folge hat sich Verdi-Stardirigent Riccardo Muti erbost aus Mailand verabschiedet. Seitdem herrscht dort weniger „italianita“, und in diesem Jahr muss sich Verdi auch noch die Aufführungen mit seinem deutschen Kollegen Richard Wagner teilen. Dessen 200. Geburtstag wird ebenfalls in diesem Jahr gefeiert.

Verdi

Donald Runnicles

 

Musik in Metropolen

Es lohnt sich, das Verdi-Jahr in der deutschen Hauptstadt Berlin ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, wenngleich Verdis Opern natürlich in allen Musikhäusern und Metropolen weltweit in diesem Jahr verstärkt auf den Bühnen sind.

Verdi

Verdi – The Great Operas
35 CDs, EMI

Geradezu sensationell war im Mai eine konzertante Aufführung der frühen Oper I due Foscari mit dem mittlerweile 70-jährigen Bariton Leo Nucci. Die Oper spielt im 15. Jahrhundert in Venedig. Im Mittelpunkt steht der Doge, Francesco Foscari, dem in einem Intrigenspiel seine Macht genommen wird und der schließlich an gebrochenem Herzen stirbt. Es war live zu erleben, dass Eindringlichkeit in der Musik keiner Inszenierung bedarf und dass konzertante Aufführungen manchmal besser sind als apodiktische Inszenierungen. Leo Nucci war der Star des Abends, er hat seine Partie des alten Foscari, der um seinen Sohn trauert und als Doge aus dem Amt gejagt wird, mit Mimik, kleinen Gesten und großer Stimme zu einem unvergesslichen Moment der Verdiinterpretation gemacht. Die Aufführung an der Deutschen Oper war ein Triumph für das gesamte Ensemble. Ich kann diese Oper Musikliebhabern wirklich nur ans Herz legen, es gibt sie mehrfach auf CD und DVD, auch mit Leo Nucci.

Von Verdis frühen Opern sei auch Attila herausgegriffen. Noch so ein vergessenes Werk, das sich für eine Entdeckung eignet. Ich habe diese Oper seinerzeit mit Jewgenij Nesterenko zum ersten Mal in der Abteikirche von Gent erlebt, seitdem gehört sie zu meinem festen Hör-Repertoire. Alleine die Schlüsselszene im ersten Akt ist es wert. Der römische Feldherr Ezio singt zu Hunnenkönig Attila: „avrai tu l’universo, resti l’italia a me“: Nimm Du das Universum, aber lass mir Italien! Wer die Leidenschaft für italienische Lebensart teilt oder diesen geografischen Stiefel als einen Vorhof zum Paradies begreift, wer jemals an einem sonnenverwöhnten Herbsttag die Straße von Amalfi entlanggefahren ist oder in der Toskana auf kulinarischer Entdeckungsreise war, der wird verstehen, warum die Italiener und Italienliebhaber solche Opernpassagen einfach toll finden. Besser kann man Nationalstolz nicht verpacken. Eine absolute Hörempfehlung.

Verdi

Placido Domingo und Anna Netrebko in der Salzburger Verdi-Aufführung “Giovanna d’Arco”

In Salzburg bei den Festspielen gab es dann auch noch eine umjubelte Verdi-Aufführung: Giovanna d’Arco. Die Oper basiert auf dem Trauerspiel Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller – Qualitätsstoff als Basis für eine dichte Oper. Aber das alles ist schwer zu singen und gute Verdi-Sänger, sagen Experten, sind rar. In Salzburg waren Anna Netrebko und Placido Domingo zu hören. Man kann ja über Stimmen streiten, aber beide spielen unbestritten in der musikalischen Oberliga.

Verdi

John Rosselli: Giuseppe Verdi – Genie der Oper
Eine Biographie, C.H. Beck

Noch in der aktuellen Spielzeit trumpft Berlin mit Verdiinszenierungen regelrecht auf. Ab Herbst dirigiert an der „Deutschen Oper“ der dortige Hausherr, Generalmusikdirektor Donald Runnicles, Verdis späte Opern Don Carlo und Falstaff. Gegenüber der Deutschen Oper residiert im Moment wegen Umbauarbeiten die Staatsoper unter den Linden im „ Schillertheater“. Dort gibt es in diesem Jahr Il Trovatore und Simon Boccanegra mit Daniel Barenboim und Aida mit Zubin Mehta am Pult. Damit wäre der Verdi fast komplett, in der Summe jedenfalls erweist sich Berlin gusseisern als die Opernstadt Nummer eins in Deutschland.

Das Highlight des Verdi-Jahres dürfte an der Staatsoper Berlin die Troubadour-Aufführung werden. Wieder mit Anna Netrebko und Placido Domingo, diesmal in einer der großen reifen Verdi-Opern. Wobei in diesem Zusammenhang noch die Verdi-Opern-Stadt München erwähnt sein sollte, die sich mit Stars und großen Aufführungen in diesem Jahr auch nicht lumpen lässt.

 

 

Placido und Big P.

Placido Domingo macht jede Opernaufführung schon durch seine Bühnenpräsenz einzigartig. Er hat alle Tenorrollen von Verdi gesungen. Aber das war einmal. Mittlerweile ist Domingo nur noch als Bariton zu hören, und hauptsächlich in Verdi-Rollen. Ich habe ihn an der Staatsoper unter den Linden in Berlin bereits als Dogen Simon Boccanegra gehört – auch eine Oper aus Verdis mittlerer Schaffensperiode, die ich unbedingt empfehlen möchte. Den Rigoletto sang Domingo in einer viel beachteten Live-TV-Übertragung an Originalschauplätzen rund um Mantua, auch den Nabucco hat er mittlerweile fest im Repertoire. Über diesen Wechsel Domingos ins tiefere Fach ist viel geschrieben worden, es gab auch heftige Kritik. Aber eine kürzlich erschienene CD mit Domingo als Bariton beweist, dass seine Stimme diesen Ausflug in die tiefere Lage durchaus zulässt. Zumindest mich haben diese Arien sehr berührt. Domingo sagte dazu neulich in einem Interview, es sei für ihn schmerzlich und nicht immer freiwillig, sich von so vielen Tenorrollen verabschieden zu müssen. Aber er könne inzwischen gut loslassen, nur von der Bühne wolle er noch nicht abtreten. „Meine Reise ins Bariton-Universum“, so Domingo, „finde ich wunderbar und es ist ein Privileg, da noch stöbern zu dürfen.“

Verdi

Giuseppe Verdi Rarities
Luciano Pavarotti, Claudio Abbado, Orchestra Del Teatro alla Scala
CD, Warner

Und schließlich: In einem Artikel über Verdi darf natürlich Luciano Pavarotti nicht fehlen. Sechs Jahre sind vergangen, seit er sich von uns für immer verabschiedet hat. „Big P.“ hat viel dazu beigetragen, dass Verdi weit über die Grenzen des klassischen Konzertpublikums hinaus getragen wurde. Sein „La donna e mobile“ als Herzog in der glanzvollen Rigoletto-Inszenierung von Jean-Pierre Ponelle wird ihm für immer einen Ehrenplatz in der Walhalla der italienischen Oper sichern. Und wer weiß, ob es jemals wieder einen Tenor geben wird, der es mit einer Puccini-Arie (Nessun dorma) in die Popcharts und die Herzen so vieler Menschen schafft, die nicht unbedingt Oper zu ihrer Leidenschaft zählen. Mein Tipp ist allerdings eine kaum bekannte CD unter dem Titel Giuseppe Verdi-Rarities. Pavarotti hat sie in den 80er-Jahren mit Claudio Abbado und dem Orchester der Mailänder Scala aufgenommen. Wie zu seiner Zeit üblich, hatte Verdi für bestimme Sänger und zu besonderen Anlässen sogenannte Alternativ-Arien komponiert und die sind zum ersten Mal auf einem Tonträger zu hören. Ganz besonders gefällt mir die Arie „Si, Lo Sento, Iddio Mi Chiama“, aus der oben bereits genannten Oper „I due Foscari“. Da singt ein zum Tode verurteilter Vater zu seinen Kindern, dass sie nicht traurig sein sollen, wenn er nun fortgeht, denn er werde vom Himmel aus über sie wachen und sie dort einst wiedersehen. Eine sehr innige Arie, aber teilweise so virtuos angelegt, dass selbst ein höhenstarker Pavarotti mehrfach seine Kehlkopfstimme einsetzen muss.

Verdi

Giuseppe Verdi – The Complete Works,
75 CDs, Decca Classics

Es war bisher immer ein wenig aufwendig, die unbekannteren Werke von Verdi auf Tonträgern zu finden. In diese Lücke stößt Universal. Tragisch, dass die einst stolzen Plattenlabels Decca, Deutsche Grammophon und Philips nur noch unter dem gemeinsamen Dach von „Universal “ überleben konnten. Aber immerhin hat dies dazu geführt, dass nun der komplette Verdi auf 75 CDs zu haben ist – in durchwegs guten und teilweise sogar einzigartigen Einspielungen, in einer wunderschönen goldenen Box, zu einem erschwinglichen Preis. Die frühen Opern habe ich ja bereits erwähnt. In der Box finden sich aber zum Beispiel auch Verdis Streichquartett, geistliche Musik, Ballettmusiken und eine fantastische Aufnahme mit Liedern von Verdi, gesungen von der britischen Sopranistin Margaret Price. Schon das erste Lied, „Il Tramonto“, zeigt in atemberaubender Interpretation einen für die Liedkunst reifen Verdi. Man darf sich getrost fragen, warum diese Musik nicht öfter in den Konzertsälen zu hören ist. Diese CD ist jedenfalls eine spannende Entdeckungsreise zum weniger bekannten Verdi. Und bei entsprechend audiophiler Wiedergabe besteht Suchtgefahr.

Verdi

Giuseppe Verdi – Great Recordings
30 CDs, Sony Classical

Verdi

Giuseppe Verdi – Eine italienische Legende
DVD, Fernsehjuwelen

Vor 200 Jahren, am 10. Oktober 1813, ist Verdi zur Welt gekommen. Er ist 88 Jahre alt geworden und hat uns 32 Opern hinterlassen. Verdi ist auch der Opernkomponist mit der umfangreichsten Diskografie; es soll mehr als 2300 Einspielungen geben. Auf die Frage, was denn sein bestes Werk sei, soll Verdi geantwortet haben: das Altersheim in Mailand. Gemeint war damit die „Casa Verdi“, ein Altersheim für 60 Musikerinnen und Musiker, das Verdi am Ende seines Lebens gestiftet hat und das heute noch existiert.

Es wäre noch so vieles zu erzählen über dieses erfüllte Leben, aber das leistet viel besser ein mehrteiliger Film über Verdi, der seinerzeit im deutschen und italienischen Fernsehen ein großer Erfolg war. Dieser Mehrteiler Verdi – eine italienische Legende ist nun endlich auf DVD erschienen. Es lohnt sich, dort den Spuren dieses großen Komponisten zu folgen.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 10 (6/2013)

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