Musiklexikon: I wie Ionisch

In der griechischen Antike gab es viel mehr als nur Dur- und Moll-Skalen. Innerhalb einer diatonischen Tonreihe, vergleichbar den weißen Tasten unseres Klaviers, konnten beliebige acht unmittelbar nebeneinander liegende Töne zu einer „Tonart“ oder einem Modus erklärt werden. In einem solchen Oktav-Ausschnitt konnte sich also ein Halbtonschritt ohne Weiteres auch zwischen der ersten und zweiten Stufe oder zwischen der vierten und fünften Stufe befinden, wobei die erste Stufe gar nicht unbedingt als Grundton diente. Die Oktave zwischen e und e’ nannten die Griechen den „dorischen“ Modus, diejenige zwischen d und d’ den phrygischen. Platon fand, das Dorische mache Mut und das Phrygische stimme milde. Er mochte und empfahl beide Modi.

Musiklexikon I

Musiklexikon IIn der Kirchenmusik des Mittelalters wurden die altgriechischen Modus-Bezeichnungen zwar weiter verwendet, bezogen sich nun aber auf andere Oktav-Ausschnitte. Dorisch und Phrygisch waren gegenüber dem Altertum sogar genau vertauscht. Auch der praktische Umgang mit diesen Modi war ein anderer: Es gab jeweils einen klar definierten Hauptton, auf dem die Melodie zu ruhen pflegte, und einen Finalton, auf dem sie endete. Beim Kirchenmodus Hypolydisch zum Beispiel lag der Hauptton auf der sechsten und der Finalton auf der vierten Stufe. Die Vorsilbe „Hypo“ verrät dabei, dass es sich um einen Modus handelt, der vom Lydischen durch Transposition abgeleitet ist. Eine andere solche Ableitung (vom dorischen Modus) führte zu derselben Tonleiter wie im Hypolydischen, aber mit dem Hauptton auf der fünften und dem Finalton auf der ersten Stufe. Erst im 16. Jahrhundert hat man diesen neuen Modus als so wichtig empfunden, dass man ihm einen eigenen Namen gab: Ionisch. Bald war Ionisch die beliebteste Oktavbildung in der europäischen Musik. Wir nennen sie heute die Dur-Tonleiter.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 11 (1/2014)

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